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Hans-Dietrich Genscher
Der deutsche Diplomat

Hans-Dietrich Genscher – Stationen seiner Karriere
Hans-Dietrich Genscher – Stationen seiner Karriere
Düsseldorf. Vor zwei Wochen hörte man zuletzt von ihm. Tief erschüttert sei er über den Tod von Guido Westerwelle, mit dem ihn mehr als eine Parteifreundschaft verbunden habe, ließ Hans-Dietrich Genscher mitteilen. Und dass er betrübt sei, aus gesundheitlichen Gründen an den Trauerfeierlichkeiten für den Verstorbenen nicht teilnehmen zu können. Nun lebt Genscher selbst nicht mehr. Von Reinhold Michels und Herbert Kremp

Mit dem am längsten amtierenden Außenminister Deutschlands ist eine der großen politischen Gestalten der Bundesrepublik gegangen. Der FDP-Ehrenvorsitzende, Spitzname "Genschman", stand bei allem auch weit jenseits des achtzigsten Lebensjahres unermüdlichen Einsatz für die Sache des organisierten Liberalismus über den "Parteiungen", wie es ein anderer Großer der Nachkriegspolitik, Ludwig Erhard, einst altfränkisch und auf sich bezogen formulierte.

Genscher hat vieles richtig gemacht in seinem Politikerleben. Sogar der Rücktritt 1992 war klug gewählt. Wer nicht mit der Zeit gehe, der müsse mit der Zeit gehen, sagte er damals. Hinter dem Wortspiel Genschers verbarg sich der Rat an weniger geschmeidige Bedeutende, sich selbst rechtzeitig aus der ersten Reihe zu begeben, bevor sich Abbruchspezialisten minderen Ranges ans Zerstörungswerk machen. Henry Kissinger adelte den damaligen Außenminister dafür in einer schillernden Laudatio im Mai 1992.

Feste Größe

Genscher war eine feste Größe der nationalen und internationalen Politik. Er stand für eine Epoche Bonner Außenpolitik, die man als eine Kette vertrauensbildender Maßnahmen bezeichnen könnte. Genscher, der im Herzen (die Sprachfärbung ließ es deutlich erkennen) immer der Mitteldeutsche aus Halle an der Saale blieb, hatte genug politischen Verstand, um zu wissen: Die Bundesrepublik muss, wie es Konrad Adenauer gewollt hatte, politisch, wirtschaftlich, kulturell im Westen fest geerdet sein. So war 1989/90, als die Geschichte einen ihrer seltenen Tigersprünge machte, Genscher mit Bundeskanzler Helmut Kohl ein Teil jener Kraft, die stets das Gute, die Einheit Deutschlands, im Hinterkopf hatte und durch Staatskunst im In- und vor allem im Ausland zum Ziel kam.

Als politischen Lebenshöhepunkt bezeichnete Genscher seinen abendlichen Balkonauftritt vor DDR-Flüchtlingen in der Prager Botschaft der Bundesrepublik am 30. September 1989. Unvergessen bleibt, wie der Schlussteil von Genschers Satz, der den Flüchtlingen die sehnlichst erwartete Ausreise in die Freiheit verkündete, im Jubel unterging. Der tief bewegte Überbringer der glücklichen Nachricht stand da in seinem Trenchcoat und genoss den historischen Augenblick.

Mit seinem politischen Instinkt hatte Genscher 1985 die Chancen für Ost-West-Entspannung begriffen, als in Moskau Michail Gorbatschow das Heft in die Hand nahm. Genschers Freundschaft mit Gorbatschows Außenminister Eduard Schewardnadse trug entscheidendend dazu bei, dass 1989/90 Misstrauen gegen die deutsche Wiedervereinigung nicht überhand nahm. Die berühmte Szene auf dem Prager Balkon wird für immer mit Hans-Dietrich Genscher verbunden sein.

Vorwürfe nach Balkankrieg

Vorgeworfen wurde dem begnadeten Diplomaten (der nie eine Diplomatenschule besucht hatte), dass er Anfang der 90er Jahre die treibende Kraft gewesen sei, die auf Eigenstaatlichkeit drängenden Slowenen und Kroaten anzuerkennen. Dies, so der Vorwurf, habe seinerzeit den schwelenden jugoslawischen Konflikt weiter angeheizt, so dass es zum Balkankrieg kam.

An politischer Erfahrung konnte Genscher kaum jemand übertreffen. Seine Karriere begann früh und verlief schnell. 1952 verließ Genscher die DDR Richtung Bremen. Als Jurist in der LDPD, der "liberaldemokratischen" Seitenlinienpartei, hatte Genscher im Osten keine Aussicht. Für den bürgerlichen Rechtsanwalt in Bremen war die FDP, die "Partei der Köpfe", wie sie sich damals nannte, genau richtig.

1965 wurde Genscher erstmals in den Bundestag gewählt, vier Jahre später war er schon Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion. Die politische Taktik war bei ihm früh ausgebildet, ideologisch eher unauffällig. 1956 war Genscher ein Befürworter der liberalen Rebellion gegen die CDU und ihren Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold. Dessen Abwahl und die folgende sozialliberale Koalition in Düsseldorf, die erste auf Landesebene, waren der Vorbote für die Brandt-Scheel-Regierung in Bonn 1969, in der Genschers 23-jährige Ministerzeit beginnen sollte.
Er übernahm zunächst das Bundesministerium des Innern.

1972 erlebte Genscher dunkle Stunden beim Anschlag auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München. Genscher bot sich den palästinensischen Terroristen als Ersatzgeisel an und initiierte nach dem desaströsen Ende des Dramas die Grenzschutztruppe GSG 9. Sie bewährte sich im Oktober 1977 grandios, als sie in Mogadischu alle Passagiere in dem entführten Lufthansa-Jet "Landshut" befreite und die arabischen Kidnapper unschädlich machte.

In der Partei war Genscher inzwischen aufgestiegen zum Vize-Chef. Just auf dem Freiburger Parteitag 1968, als der linksliberale Programmatiker Karl Hermann Flach die Partei vom alten nationalliberalen Ufer abstieß, um den "historischen Kompromiss" mit der Sozialdemokratie zu suchen, gewann Genscher neue Macht. Die damaligen Beschlüsse hätten "im Zug der Zeit" gelegen, sagte Genscher später rückblickend. Als Innenminister war er progressiv, sprach früh von Zukunftsthemen, Umweltpolitik, inneren Reformen, Ostpolitik.

Der reisende Minister

1974, nach dem Rücktritt Willy Brandts und unter dem neuen SPD-Kanzler Helmut Schmidt, wechselte Genscher ins Außenministerium und schließlich im Herbst auch an die Parteispitze. Der Job im Auswärtigen Amt war wie maßgeschneidert für den Kompromissmenschen. Der neue Außenminister hielt auf Kontinuität, lernte Konferenz-Englisch, waltete oberhirtlich über sein Ministerium, hängte sich das Porträt Gustav Stresemanns, des Weimarer nationalliberalen Außenministers, in Büro und warf als Globalunternehmer ein dichtes Beziehungsnetz über die Welt des Kalten Krieges. Kern von Genschers Bemühungen waren die Schaffung kooperativer Strukturen, Rüstungskontrolle und Abrüstung. Der reisende Minister – etwa 700 Dienstreisen waren es am Ende – entwickelte sein Haupttalent der Weltokkupation durch vertrauensbildende Rhetorik, genannt Genscherismus. 1974 bis 1982, das waren lange Jahre, brisant, bleiern, terroristisch, rezessiv. Während Genscher in der Beliebtheit aufstieg, neigte sich die SPD zu stetigem Sinkflug.

Als einer der ersten Spitzenpolitiker betonte Genscher die Pflege der Eliten, den Erfolg seiner FDP dabei fest im Blick, und mahnte 1981 Reformen der Wirtschafts- und Finanzpolitik an. Da zeichnete sich die nächste Wendung ab. Die SPD und vor allem Kanzler Helmut Schmidt, zu dem Genscher eine eher nüchterne Beziehung pflegte, ahnten, dass Genscher den Absprung der FDP aus der Koalition und den Wechsel zum Regierungsbündnis mit Helmut Kohls CDU/CSU vorbereitete. Genscher und die USA-kritische SPD-Mehrheit hatten sich auch wegen unterschiedlicher Auffassung zum Nato-Doppelbeschluss auseinandergelebt. Das sozialliberale Bündnis war am Ende.

"Hallenser Halunke" 

Nach dem Koalitionswechsel zur Union am 1. Oktober 1982 stand Genscher in der Kritik. "Verräter" nannte man ihn, die Schmähung "Hallenser Halunke" floss aus der Feder des Schmidt-Vertrauen Klaus Bölling. Linksliberale wie Günter Verheugen verließen die FDP und traten der SPD bei. Genscher überlebte politisch. Wohlmeinende sprachen vom "heillosen Pragmatismus" bei Genscher. Die Stimmen verstummten erst, als Genschers Rolle als eines Wegbereiters der Wiedervereinigung offensichtlich wurde. Die triumphale Entlassung der Prager Botschaftsflüchtlinge brachte ihm fast Heldenstatus.

Zwei Herzinfarkte setzten dem Mann zu, der als Kind Tuberkulose hatte und noch in den Krieg musste. Doch sein Pflichtgefühl ließ ihn nie im Stich. Der Mann mit den großen Ohren, den schlauen Äuglein, dem wackelnden Gang, dem Träger des närrischen Aachener Ritterordens machte sich noch als Achtzigjähriger nicht rar in seinem Haus in Wachtberg-Pech bei Bonn. So soll er im März 2007 seine guten Beziehungen nach Teheran genutzt haben, einen im Iran zu Unrecht inhaftierten Deutschen freizubekommen.

Nach dem Tode seines langjährigen liberalen Weggefährten Otto Graf Lambsdorff, eines weiteren Liberalen der Schwergewichtsklasse, füllte Genscher als FDP-Ehrenvorsitzender und Elder Statesman par excellence allein die Rolle des liberalen Granden aus. Unerschütterlich seine Überzeugung, dass die europäische Einigung eine deutsche Schicksalsfrage ist. Die Liberalen müssten einen klaren Europa-Kurs halten, mahnte er. Und er sah immer die unkontrollierbare Sprengkraft neu heraufziehender Konflikte. In einem seiner letzten öffentlichen Beiträge warb Genscher vor einigen Monaten für einen Neuanfang in den Beziehungen zu Moskau. Die "alte Politik der Konfrontation" sei unzeitgemäß. Einer wie er musste es wissen. Bis zuletzt spürte man, dass in dem Mann mit dem kühlen Kopf ein heißes politisches Herz pochte. Nun hat es aufgehört zu schlagen.

 

Quelle: RP
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