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Kurt Becks Autobiografie: Der Frust schimmert durch

VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 26.09.2008 - 12:00

Berlin (RP). Der zurückgetretene SPD-Vorsitzende Kurt Beck wollte in seiner Biografie nicht „nachtreten“. Und doch ist der Frust zwischen den Zeilen zu spüren. Der misslungene Abschied eines Missverstandenen.

Der Mann wirkt gelassen, die rechte Hand in der Hosentasche, Gesichtszüge entspannt, als er durch die Reihen der Hauptstadtjournalisten geht. Auf dem Lederstuhl auf der Bühne in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung liegt ein weißer Zettel. „BECK“ steht da drauf. So, als hätten mitfühlende Helfer dem Mann, der im politischen Berlin nie Orientierung gefunden hat, nun den Weg zu seinem vorerst letzten großen Auftritt weisen wollen. Er nimmt den Zettel, wirft ihn beiseite und lässt sich fallen. Kurt Beck ist wieder da.

Für zwei Stunden ist der zurückgetretene SPD-Vorsitzende in die Hauptstadt gekommen, um seine Autobiografie vorzustellen. Biografie. Das klingt nach Lebenslauf, Persönliches, Kindheits-Geschichten. Doch der Werdegang des Maurersohnes – vom Außenseiter-Kind, das mit bloßer Hand die Weinreben abernten musste und wegen einer Hauterkrankung vom Ministrantenunterricht ferngehalten wurde, bis zu einem der angesehensten Ministerpräsidenten im Nachkriegsdeutschland – interessiert die 200 Journalisten kaum. Es geht um Geschichtsschreibung, um Interpretationshilfe. Wie kam es zu dem Umsturz an der Parteispitze? Und wen macht Kurt Beck dafür verantwortlich?

Was schreibt Beck zu seiner Kindheit? Zu Müntefering? Was denkt er über seinen Vater? Was über die Politik? Wortgetreue Auszüge aus seiner Biografie finden Sie hier.

Keine Namen

Namen vermeintlicher Verschwörer nennt der ehemalige Vorsitzende indes nicht. Von einer Abrechnung will er auch nichts wissen. „Das ist nicht die Absicht des Buches“, sagt er. Und doch, je länger Kurt Beck spricht, desto deutlicher wird, wie tief der Frust bei dem Pfälzer sitzt. Ja, die Umstände seines Rücktritts hätten „intrigenhafte Züge“ gehabt, sagt er. Wieder spricht er vom Umgangsstil des „Wolfsrudels“ in der Politik. Von einer „bitteren Nacht“ und einer „bitteren Stunde“, schreibt er in der Einleitung, die kurzfristig für „aktuelle Ereignisse“ reserviert wurde. Das Buch war schon weit vor den Ereignissen am Schwielowsee fertiggestellt.

Detailliert erzählt Beck nun, wie aus dem vertraulichen Gespräch mit Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier kurz vor der Nominierung des Kanzlerkandidaten Details vorab bekannt wurden und Medien die Geschichte so „drehten“, dass Beck der Entmachtete und Getriebene gewesen sei. Das Amt mit dem Ziel auszuüben, die Partei zu einen, habe er „nach sehr nüchterner Überlegung“ nicht mehr für möglich gehalten, erklärt Beck.

Hier widerspricht er sich

Dass sich die SPD-Spitze auch noch für Müntefering, den Widersacher im Streit um die Agenda 2010, als Nachfolger aussprach, tut zusätzlich weh. Doch hier widerspricht sich Beck, der gerne das „Rationale“ als Maßstab für politische Entscheidungen setzt. Warum sollte ausgerechnet der beliebteste und in der Partei als Führungsperson anerkannte Müntefering nicht wieder Vorsitzender werden? Beck fällt dazu nicht viel ein. „Ich wollte lieber etwas langfristiges“, sagt er in Anspielung auf Münteferings Alter (68). Dabei klingt Beck wie ein patziger Schüler, der die schlechteste Mathe-Arbeit geschrieben hat, und dem Klassenprimus trotzig hinterherwirft, dass der ja viel mehr gelernt habe.

Immerhin: Man werde wieder „rational, vernünftig zusammenarbeiten“, prophezeit Beck. Auch seine Fehler, etwa die „unabsichtliche Ankündigung“ des Kurswechsels mit der Linkspartei verschweigt Beck nicht. Am Ende lassen sich die Gäste dennoch etwas ratlos das Buch „Kurt Beck. Ein Sozialdemokrat“ in die Hand drücken. In den Gesprächen klingt ein bisschen Wehmut, fast Nostalgie durch. Ist es nicht nobel, dass sich da einer nicht verbiegen wollte? Natürlich. Nur muss, wer in der Bundespolitik bestimmen will, auch deren Regeln akzeptieren. „Love it or leave it“ (Liebe es oder lasse es) nennen das die Amerikaner. Kurt Beck hat es gelassen.

Wundenlecken in Rheinland-Pfalz

Die Tragik, dass gerade der „leidenschaftliche Sozialdemokrat“ (Beck über sich), der Mann, der stets das Pflichtbewusstsein, das Erfüllen einer Aufgabe, als Leitmotiv vorangetrieben hat, nun an der größten Aufgabe gescheitert ist, die die SPD vergeben kann, bleibt. In Rheinland-Pfalz, der geliebten Heimatbasis, wird Beck am ehesten diese Narbe verheilen lassen können.

Alles zum Umbruch in der SPD finden Sie in unserem Special.

Quelle: RP

 
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