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Der Hauptstadtwechsel vor 25 Jahren
Wie der Regierungsumzug Bonn und Berlin veränderte

Der Hauptstadtwechsel vor 25 Jahren: Wie der Regierungsumzug Bonn und Berlin veränderte
Der Bundestag in Berlin. FOTO: dpa, mkx vfd wst
Bonn/Berlin . Bis vor einem Vierteljahrhundert wurde von Bonn aus Weltpolitik gemacht - heutzutage gilt die Stadt am Rhein als "verschnarcht". Die neue Hauptstadt Berlin dagegen ist die hippe Metropole. Der Regierungsumzug beeinflusste nicht nur Wohnsitze und Regierungsviertel.

Auf dem Bonner Marktplatz erstarb die ausgelassene Stimmung plötzlich. Als der Bundestag am 20. Juni 1991 mit hauchdünner Mehrheit beschloss, die Regierung und einen Teil der Ministerien nach Berlin zu verlagern, waren viele Rheinländer entsetzt. Während sich Berlin wohl auch ohne Regierungsumzug zu einer Metropole entwickelt hätte, musste Bonn gravierende Auswirkungen fürchten. So hat der Umzug die beiden Städte verändert:

DER RUF Bonn tauchte vor dem Umzug täglich in den Nachrichten auf - danach kaum noch. Aus dem "Bericht aus Bonn" der ARD wurde der "Bericht aus Berlin". Die Stadt galt schnell nur noch als verschnarcht und kleine Schwester Kölns. An Berlins Ruf als weltoffene, hippe, immer etwas ausgeflippte Stadt dagegen änderte sich wenig. International machte der Hauptstadt-Status Berlin noch bekannter - und zog mehr Touristen an.

DIE REGIERUNGSVIERTEL In Berlin entstand mit dem Umzug ein komplett neues Viertel. Wo jetzt das Kanzleramt steht, war früher Grenzgebiet.
Eine Grünanlage, in der im Sommer Grill-Geruch aufstieg. Über die Spree verbundene Bundestags-Gebäude ließen Ost und West zusammenwachsen. Das Reichstagsgebäude wurde vom britischen Architekten Sir Norman Foster restauriert und bekam seine spektakulären Glaskuppel. In Bonn dagegen verwaiste das ehemalige Regierungsviertel mehr und mehr. Der ehemalige Bundestags-Plenarsaal wurde ein internationales Konferenzzentrum. Botschaften zogen fort - und mit ihnen viel multikulturelles Flair aus der Stadt. Einen Ausgleich schaffen heute die vielen UN-Organisationen und ihre Beschäftigten.

DAS GELD Als Hauptstadt war Bonn gewohnt, dass Geld floss. Mit Zuschüssen vom Bund leistete sich die 300.000-Einwohner-Stadt eine Infrastruktur, die vergleichbare Orte nicht haben. Nach dem Umzugsbeschluss gab es umgerechnet 1,4 Milliarden Euro Ausgleichszahlungen. Berlin bekommt über den Hauptstadtvertrag Geld vom Bund, muss dafür aber auch viele Aufgaben übernehmen, die es vorher nicht hatte - bei Demos und Staatsbesuchen zum Beispiel.

ARBEITSPLÄTZE UND UNTERNEHMEN Eigentlich sollten 60 Prozent der Regierungsbeamten und Angestellten in Bonn bleiben. Tatsächlich sind heute knapp 7000 Stellen im Rheinland, 12.000 aber in Berlin. Die Zahl der Erwerbstätigen steigt in Berlin stärker als im Bundesschnitt, die Startup-Szene brummt, immer mehr Unternehmen verlagern ihre Sitze. Bis der Hauptstadteffekt durchschlug, dauerte es nach dem Umzug aber Jahre. So richtig boomt Berlin erst seit Mitte der "Nuller"-Jahre.

Auch in Bonn stiegen Beschäftigung und Bevölkerung. Gemessen am Börsenwert der dortigen Unternehmen ist Bonn nach München derzeit "zweitwertvollste" Stadt in Deutschland. Das liegt vor allem an den ehemaligen Staatsbetrieben Deutsche Post und Telekom, deren Zentralen man gezielt da aufbaute, wo die Regierung Lücken hinterließ. Rund 15.000 Mitarbeiter zählt die Telekom im Großraum Bonn, bei der Deutschen Post sind es 8000. Im morgendlichen Autobahn-Stau stehen vor allem Firmenwagen dieser beiden Unternehmen. Doch obwohl Stadtwerber seit Jahren von der "Boomtown" sprechen, ist Bonn eigentlich dauerpleite.

DIE UN Bonn hat sich neben New York, Genf, Nairobi, Wien und Den Haag zu einem der wichtigsten Standorte der Vereinten Nationen entwickelt: 18 UN-Organisationen sind in der früheren Bundeshauptstadt angesiedelt. Fast 1000 UN-Mitarbeiter sind heute dort tätig, wo einst deutsche Parlamentarier Geschichte schrieben: im alten Abgeordnetenhaus, dem sogenannten Langen Eugen.

DIE PENDLER Die gibt es noch. Für dieses Jahr erwartet die Bundesregierung sogar einen Anstieg auf 22.281 Dienstreisen. Kosten des "Beamtenshuttle": 4,7 Millionen Euro, 2,7 Millionen davon für Flüge. 50 Flüge gibt es jeden Tag zwischen Berlin und Köln/Bonn. Air Berlin, Germanwings und Ryanair profitieren kräftig von den Anzugträgern mit Aktenkoffer. Genauso die Wohnungswirtschaft, denn viele Regierungsmitarbeiter haben noch immer zwei Wohnungen.

DER KARNEVAL Die "fünfte Jahreszeit" sagt einem waschechten Berliner nicht viel. Doch mit der Regierung ist ein wenig Karneval auch nach Berlin gezogen. Die Berliner Narren feiern allerdings eine Woche zu früh - denn die Bonner aus der Regierung reisen an den "tollen Tagen" rund um Rosenmontag natürlich ins Rheinland. Mit umgezogen ist auch die Kneipe "Ständige Vertretung" (STÄV). Hier bekommt der heimwehgeplagte Rheinländer Sauerbraten, "Himmel und Ääd" und Kölsch.

(felt/dpa)
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