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Nato-Oberfehlshaber Stanley McChrystal: Der US-General, der Politik macht

VON FRANK HERRMANN UND MARTIN KESSLER - zuletzt aktualisiert: 27.01.2010 - 15:14

Düsseldorf (RP). Der Oberbefehlshaber der internationalen Truppen in Afghanistan, Stanley McChrystal, denkt öffentlich über einen Friedensschluss mit den Taliban nach. Es ist nicht die erste Grenzüberschreitung des asketischen Soldaten. Er drängte mit seinen Analysen Präsident Obama zur Aufstockung der Truppen.

Auf verlorenem Posten? US-General Stanley McChrystal hat mit seiner Analyse für viel Aufsehen gesorgt.  Foto: AFP, AFP
Auf verlorenem Posten? US-General Stanley McChrystal hat mit seiner Analyse für viel Aufsehen gesorgt. Foto: AFP, AFP

Ein langes, kantiges Gesicht, die Haltung so kerzengerade, als hätte er einen Besenstiel verschluckt. Manchmal liegt etwas Gequältes in seinem Blick, etwa dann, wenn er vor einem Kongressausschuss zu Washington sitzt und wortstarke Abgeordnete bohrende Fragen stellen. Ein Haudegen ist Stanley McChrystal nicht, eher erinnert er an einen Asketen. Täglich joggt er mindestens acht Meilen. Nachts reichen dem 55-Jährigen vier bis fünf Stunden Schlaf, am Tag begnügt er sich mit einer einzigen Mahlzeit.

Solche Typen genießen Kultstatus in Amerika, zumindest im konservativen Milieu. Aus ähnlichem Holz ist David Petraeus geschnitzt, der frühere Irak-Kommandeur, der erfolgreicher operierte als seine Vorgänger. Und genau wie Petraeus meldet sich McChrystal in aktuellen Debatten mit eigenen Ideen zu Wort. Manchmal wirkt es, als wollte er Außenministerin Hillary Clinton und Richard Holbrooke, ihrem Sondergesandten für Afghanistan und Pakistan, Konkurrenz machen.

Es gibt Insider, die dem Energiebündel politische Ambitionen nachsagen, vielleicht sogar irgendwann eine Bewerbung ums Weiße Haus. Jedenfalls liebt er es, für Furore zu sorgen. Er stellt Denkschablonen in Frage, bringt neue Ideen in Umlauf, und zwar nicht nur hinter verschlossenen Türen.

Seit dem Frühjahr befehligt der Vier-Sterne-General die Nato-Truppen in Afghanistan, und jetzt hat er laut darüber nachgedacht, wie ein Friedensschluss mit den Taliban aussehen kann. Die begonnene Truppenaufstockung (um 30.000 Soldaten allein aus den USA) könnte die Rebellen so weit schwächen, dass sie zu einer politischen Lösung bereit seien, sagte er der "Financial Times". Dann wäre die Zeit reif, um die Kämpfer der radikalislamischen Miliz in die Zivilgesellschaft zu integrieren.

"Es gibt Taliban, die sehr nah an al Qaida sind. Zugleich gibt es viele Taliban, die nicht sehen, was sie von al Qaida bekommen, außer enormen Schmerzen." Zwar sei es nicht sein Job, den Olivenzweig auszustrecken, aber er wolle dafür Bedingungen schaffen. "Mein persönliches Gefühl als Soldat ist: Es ist bereits genug gekämpft worden."

Manches klingt noch verklausuliert, nichtsdestotrotz wird die Marschrichtung klar. Washington sucht nach einem Ausweg aus dem opferreichen, kostspieligen, unpopulären Krieg. Zwar beorderte Präsident Barack Obama erst im Dezember zusätzliche 30 000 GIs an den Hindukusch, doch zugleich kündigte er für Juli 2011 den Beginn des Abzugs an. Eine militärische Offensive, verbunden mit verlockenden Offerten an gesprächsbereite Taliban, soll die "Boys in Uniform" möglichst bald heimkehren lassen. Ob das Konzept aufgeht, steht in den Sternen. Aber es fällt auf, dass es ein General ist und kein Politiker, der am deutlichsten sagt, was andere denken.

Schon im September hatte sich McChrystal weit aus der Deckung gewagt. Schonungslos offen analysierte er die Lage zwischen Kundus und Kandahar: Nur zwölf Monate habe man Zeit, um das Ruder herumzuwerfen, schrieb er in einem Papier, das prompt der Presse zugespielt wurde. Seinem Präsidenten empfahl er, mindestens 40 000 GIs zu entsenden, zusätzlich zu den 68 000, die damals bereits in Afghanistan stationiert waren.

Für die einen sah es so aus, als wollte er Obama vor sich hertreiben. Andere sprachen von einem Spiel mit verteilten Rollen: hier ein Militär, der fordernd nach vorne prescht, dort ein Staatschef, der in Ruhe abwägt und im Ruf steht, Widerspruch nicht nur zu dulden, sondern zu fördern.

In der Bundesregierung hat das Verhalten des US-Generals nach dem umstrittenen Bombenangriff von Kundus für schwere Verärgerung gesorgt. McChrystal hatte gleich nach der Attacke vom 4. September von zivilen Opfern gesprochen und den verantwortlichen deutschen Oberst Georg Klein vor Ort regelrecht vorgeführt. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) war erbost, dass ein General der dritten Kommando-Ebene die Bundesrepublik ganz undiplomatisch sofort für den Fehlschlag verantwortlich machte.

Der damalige Kanzleramtschef Thomas de Maizière zeigte sich verwundert, dass McChrystal öffentlich US-Präsident Barack Obama zur Aufstockung der Truppen in Afghanistan aufforderte. So etwas sei in der Bundeswehr nicht möglich ohne ernste Konsequenzen, sagte der Minister in kleiner Runde. Dem US-General konnte aber weder die Kritik an den Deutschen noch die öffentliche Aufforderung an seinen Präsidenten etwas anhaben.

Dass Obama dem Asketen in Uniform so viel verzeiht, mag auch daran liegen, dass McChrystal Erfahrung hat mit Brandherden wie Afghanistan. Mit Konflikten, in denen es keine klaren Frontlinien gibt, dafür ein Wirrwarr häufig wechselnder Stammesloyalitäten. Im Irak trug er dazu bei, einen Keil zwischen die Zellen al Qaidas und sunnitische Aufständische zu treiben, das anfängliche Zweckbündnis aufzulösen.

Dass dabei viel Geld floss, für nützliche Tipps, auch in dunkle Kanäle, gilt als offenes Geheimnis. Als Chef des Joint Special Operations Command war McChrystal zuständig für Kommandounternehmen. Lange machte er Jagd auf Abu Musab al-Zarqawi, den Kopf des irakischen Al-Qaida-Ablegers, der 2006 von amerikanischen Bomben getötet wurde. Ein Spezialist fürs Grobe, der das Image des Denkers pflegt.

Angeblich liebt es der Generalssohn, der eine Zeit lang in Harvard unterrichtete, in verstaubten Läden nach alten Büchern zu kramen. In Kabul, berichtet die "New York Times", liest er neben Abhandlungen über den Vietnamkrieg auch Weltliteratur. Am liebsten Dramen aus der Feder William Shakespeares.

Quelle: RP

 
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