Empörung über Sarrazin: Der Wiederholungstäter
VON MARTIN KESSLER - zuletzt aktualisiert: 30.08.2010 - 08:50Düsseldorf (RP). Thilo Sarrazin (SPD) gefällt sich in der Rolle des Provokateurs. Wie kein zweiter wühlt er die Gesellschaft auf. Mit seiner kruden These "Alle Juden teilen ein Gen" hat er die Grenze überschritten.
Warum die ganze Aufregung? Da schreibt ein Beamter einer Institution, die ihre geldpolitische Macht schon lange abgegeben hat, ein politisch nicht korrektes Buch und löst damit harsche Kritik der gesamten politischen Klasse aus – von Kanzlerin Angela Merkel über Außenamtschef Guido Westerwelle bis zum SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel. Die einen verlangen den Ausschluss aus der Partei, die anderen die Ablösung vom Posten des Bundesbankvorstands, wo er für die Datenverarbeitung verantwortlich ist – und offenbar viel Zeit fürs Bücherschreiben hat.
Wer ist dieser Mann, der mit seinen Thesen zu Einwanderern aus muslimischen Ländern eine Woche lang die politische Diskussion in Deutschland bestimmt, als ob es angesichts von Euro-Krise, Staatsverschuldung und Afghanistan-Krieg keine wichtigeren Themen mehr gäbe? Offenbar hat das SPD-Mitglied Thilo Sarrazin an einen Nerv gerührt, der bei vielen Deutschen zu großem Unbehagen und Unsicherheit führt. Es geht um die Frage, ob in unserem Land eine muslimisch geprägte Unterschicht entsteht, die sich vom Rest der Gesellschaft abkapselt und irgendwann dank der höheren Geburtenraten die Mehrheit stellt.
Gewürzt mit Wirtschaftlichkeitsüberlegungen über den Nutzen von Einwanderung, den genetischen Ursachen von Intelligenz und Erfolg sowie der Schuld des Islams an der mangelnden Bereitschaft zur Integration stellt Sarrazin die verheerende These vom Untergang des über 1000-jährigen deutschen Kulturkreises auf und trifft in der angestammten Bevölkerung auf viel Zustimmung. Seine Thesen sind gewagt, nicht immer überprüfbar und werden von ihm dennoch in der Attitüde der Unfehlbarkeit vorgetragen. Dass er auch zu Schlenkern neigt, wie der kruden Äußerung "die Juden teilen ein bestimmtes Gen", bringt ihm Schlagzeilen. Dabei ist Sarrazin inzwischen ein notorischer Wiederholungstäter.
Ein eitler Rechthaber war der hochintelligente Beamte schon immer. Als promovierter Volkswirt der in diesem Fachgebiet renommierten Bonner Universität lernte er im Bundesfinanzministerium das Einmaleins der praktischen Haushaltspolitik und wurde 1981 schnell engster Mitarbeiter des früheren SPD-Ressortchefs Hans Matthöfer. Auch der nachfolgenden bürgerlichen Koalition aus Union und FDP galt er als unverzichtbar. Sie setzte den begabten Beamten auf sensiblen und schwierigen Posten ein.
Den Höhepunkt seiner Karriere erlebte Sarrazin 1990 zur Zeit der deutschen Einheit. Damals bereitete er fast im Alleingang gegen vielfältigen Widerstand im Ministerium die Umstellung der Ost-Mark im Verhältnis von 1 zu 1,8 vor. Er lag in Bezug auf mögliche Inflationsgefahren genau richtig. Er hatte alle ihm verfügbaren Statistiken – auch solche der DDR – penibel ausgewertet. Aus dem damaligen Erfolg und der Besessenheit, mit Zahlen umzugehen, rührte vor allem in den vergangenen Jahren seine Lust, mit provozierenden, aber statistisch belegten Thesen die Republik in Aufregung zu versetzen.
Als SPD-Finanzsenator von Berlin, einen Posten, den ihm nach vielen Stationen jenseits des Finanzministeriums ausgerechnet der linke Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit angetragen hatte, zettelte er 2008 eine Debatte über die Höhe des Arbeitslosengelds II an. Mit vier Euro pro Tag könne er sich mit einem klug aufgestellten Etat ordentlich ernähren, rechnete er öffentlichkeitswirksam vor. Die Republik war empört, den Gegenbeweis blieben die Kritiker indes schuldig.
Und er legte noch nach. Auch die Heizkosten seien trotz gestiegener Energiepreise den Hartz-IV-Empfängern zuzumuten. Sie sollten sich eben mit einer Raumtemperatur von 16 Grad begnügen und einen Pullover anziehen, sagte er kurze Zeit später unserer Zeitung. Auch hier legte sich die gesamte Republik quer. Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften, Kirchen, Gebäudesachverständige, Mietwohnungsexperten und Politiker aller Couleur artikulierten tagelang ihre Kritik.
Inzwischen darf das SPD-Mitglied Sarrazin als Deutschlands bestgehasster Provokateur gelten. Sein wissenschaftlich geschultes Zahlenverständnis, seine scharfe Logik, aber auch seine Unempfindlichkeit, Menschen mit so erzielten Pauschalurteilen vor den Kopf zu stoßen, haben ihm diesen Ruf beschert. Als Statistiker sollte er wissen, dass man die gleichen Zahlen auch anders interpretieren kann, dass Erkenntnisse, die aus Zahlen gewonnen werden, immer vorläufig sind. Sarrazin schöpft aber aus seinen Studien gern unumstößliche Gewissheiten, die er mit purer Lust an der Provokation verbreitet. Mit dem Thema dürfte er deshalb noch lange nicht fertig sein.
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