Streitgespräch: Deutsch im Grundgesetz? Ein Pro und Contra
zuletzt aktualisiert: 04.12.2008 - 17:00Düsseldorf (RPO). Die Mehrheit in der CDU möchte die deutsche Sprache im Grundgesetz verankern. Für Verwaltung und Rechtssprechung ist Deutsch festgelegt. Braucht die deutsche Sprache zusätzlich den Schutz des Grundgesetzes? Eine Frage, die polarisiert. Norbert Lammert, Bundestagspräsident, und Armin Laschet, NRW-Familienminister, melden sich mit Pro und Contra zu Wort.
PRO
von Bundestagspräsident Norbert Lammert:
„Da ich das Thema damals mit in die öffentliche Diskussion eingeführt habe, freue ich mich natürlich sehr darüber, dass sich der Bundesparteitag der CDU mit großer Mehrheit meiner Meinung angeschlossen hat. Die zum Teil aufgeregte Kritik daran finde ich, freundlich formuliert, eher erstaunlich.
Üblicher Verfassungsstandard
Wenn ich etwa lese, dass der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland erklärt, er verstehe das Vorhaben als ,Assimilierungsdruck’ und ,mit demokratischen Gepflogenheiten nicht vereinbar’, dann ist das ein Hinweis darauf, dass es einer solchen Klarstellung offenkundig doch bedarf. Offenbar ist ihm auch nicht aufgefallen, dass in der türkischen Verfassung die Landessprache Türkisch ausdrücklich festgelegt ist. Ist das ebenfalls mit demokratischen Gepflogenheiten nicht vereinbar?
Sprache erstrangig
Der damalige Anlass meiner Initiative war die erste Föderalismusreform, die zu gleich zwei Dutzend Grundgesetzänderungen führte. Die Landessprache gehört für mich zwar nicht zu den Dingen, die ganz dringend im Grundgesetz geregelt sein müssen. Aber wenn ich mir anschaue, was wir alles neu in die Verfassung schreiben, dann finde ich keine überzeugende Begründung dafür, warum wir manches Nachrangige ins Grundgesetz aufnehmen, Erstrangiges aber auslassen.
Kulturelle Identität
Für das Selbstverständnis eines Landes, für seine kulturelle Identität, gibt es keinen wichtigeren Faktor als die Sprache. In 17 von 27 Mitgliedsländern der Europäischen Union ist die jeweilige Landessprache selbstverständlich in der Verfassung geregelt. Unter den drei deutschsprachigen Ländern hat nur eines ,Deutsch’ nicht in der Verfassung stehen. Das ist ausgerechnet das Land, das sich selbst nach seiner Sprache nennt.“
CONTRA
NRW-Familienminister Armin Laschet:
Schon die Benennung der Hauptstadt Berlin war überflüssig. Unser Grundgesetz ist die beste Verfassung der Welt, weil es so prägnant, klar und verbindlich und ohne überflüssige Lyrik vor bald 60 Jahren verfasst wurde. Auch andere wünschenswerte Ziele wie die Kultur oder die Bedeutung des Sports, die Kinderrechte oder die Rechte von Senioren gehören nicht in unsere Verfassung.
Zu viele Fremdwörter
Der übertriebene Hang vor allem zu Anglizismen droht unsere Sprache zu zerstören. Warum sagen wir nicht einfach Endrunden statt „Play-off-Spiele“? Und warum soll ein Nachrichtensprecher „Anchorman“ heißen? Warum muss jede Veranstaltung ein „Event“ sein? Warum muss eine Unterrichtung ein „Briefing“ sein?
Mehr Sprachförderung
Immer weniger Menschen sprechen gutes Deutsch. Ich wünsche mir, dass Kindern wieder mehr vorgelesen wird und Eltern stärker auf ein gutes Deutsch achten. Dass auch deutsche Kinder immer häufiger zusätzliche Sprachförderung brauchen, ist ein alarmierendes Signal für den Zustand unserer Sprache und unseres Sprachgebrauchs.
Schlüssel zur Integration
Wer die Sprache nicht spricht, hat keine Chance auf Bildung und Karriere. Deshalb ist Sprache der Schlüssel zur Bildung und damit zur Integration. Wer an der Bildung unserer Gesellschaft teilnehmen will, muss gut Deutsch sprechen. Jeder aber sollte sich bemühen, die deutsche Sprache so zu lernen, dass er sich verständigen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann.
Mehr Deutsch in der EU
Deutsch ist gemeinsam mit 22 anderen Sprachen bereits Amtssprache der Europäischen Union. Es ist auch eine von drei Arbeitssprachen der EU-Kommission. Das heißt, sie wird bei internen Verfahren und Beschlussfassungen verwendet, wenn auch nicht immer konsequent. Nur die Kerndokumente werden in alle Amtssprachen übersetzt. In der Praxis bedeutet das, dass die nicht zum Kerndokument zählenden Anhänge etc. fast ausschließlich in Englisch gefasst sind. Wir brauchen mehr Deutsch in der Europäischen Union. Wie anders als auch durch Sprache soll sich Kultur artikulieren?
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