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Neuer Streit um die Bildung: Deutsche drohen mit Pisa-Ausstieg

VON EVA QUADBECK UND JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 19.06.2009 - 14:12

Berlin (RP). Ein Paukenschlag: Der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau (CDU) hat vor der Tagung der Kultusministerkonferenz (KMK) am Donnerstag gefordert, die Teilnahme Deutschlands an der nächsten Pisa-Erhebung im Jahr 2012 in Frage zu stellen. Hintergrund: Es herrscht massiver Unmut über die OECD, die die Studie verantwortet.

Der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau (CDU) machte seinem Unmut über die OECD Luft.  Foto: RPO
Der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau (CDU) machte seinem Unmut über die OECD Luft. Foto: RPO

Es sei "nicht gewährleistet, dass die OECD angemessen auf die Belange ihrer Partnerländer Rücksicht nimmt", sagte der CDU-Politiker der "Stuttgarter Zeitung". Hintergrund der Äußerung: massiver Unmut der deutschen Bildungspolitiker über die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die die Pisa-Studien durchführt.

Auslöser für den Ausbruch von Rau ist ein Streit zwischen OECD und den Kultusministern über die Deutung von Pisa 2006. Damals wurden die naturwissenschaftlichen und die mathematischen Kenntnisse der 15-jährigen Schüler getestet.

Die deutschen Pisa-Tester ermittelten eine Leistungssteigerung im Vergleich zu früheren Tests; die OECD aber erklärte die Tests für nicht vergleichbar. Daraufhin platzte einigen Ministern der Kragen: Wenn die OECD nicht in der Lage sei, Trends zu messen, könne man auf Pisa auch verzichten, so der Tenor.

Unmut entzündet sich besonders an dem für Deutschland zuständigen OECD-Pisa-Koordinator Andreas Schleicher. Er ist ein erklärter Gegner des gegliederten Schulwesens. "Er hat ein vorgefertigtes Bild, wie eine Schule auszusehen hat", sagte gestern ein Sprecher des bayerischen Kultusministeriums unserer Zeitung; Schleicher betreibe "ideologische Kastelei": "Solche ideologischen Momente dürfen die Studien nicht beeinflussen."

Dass es so ist, davon zeigte sich gestern auch Josef Kraus, Chef des Deutschen Lehrerverbandes, gegenüber unserer Zeitung überzeugt. Kraus über Schleicher: "Er behauptet ständig, die Gesamtschule habe sich als überlegene Schulform erwiesen – das stimmt für Deutschland überhaupt nicht."

Kraus wirft Schleicher vor, deutsche Besonderheiten zu ignorieren – etwa bei dem Vorwurf, in Deutschland würden zu wenige Schüler die Hochschulreife erlangen. Kraus: Es reiche nicht aus, bei den 15-Jährigen die Zahl der Gymnasiasten zu zählen. "Unser System ist weiter oben in der Altersskala sehr durchlässig", so Kraus, "es gibt über die zweiten Bildungswege breite Straßen zur Studierfähigkeit. 43 bis 52 Prozent der Studierenden bei uns haben nicht das Gymnasium besucht. Das will Herr Schleicher einfach nicht wahrhaben."

Hinter vorgehaltener Hand fluchen die Schulminister auch über die Informationspolitik von Schleicher und der OECD. Der Vorwurf: Sie versuchen, die öffentliche Debatte zu lenken. Immer wieder wurden den Zeitungen vorab Einzel-Ergebnisse gesteckt, bevor Staaten und Minister informiert waren. Dadurch sahen sich die Politiker um die Chance gebracht, die Ergebnisse als erste zu interpretieren.

Unmut herrscht schließlich darüber, dass die OECD noch nicht erklärt hat, wie viel Geld der nächste Test kosten soll. 2006 haben die Bundesländer zusammen 3,1 Millionen Euro bezahlt. Das ist, anteilig umgerechnet auf jedes Bundesland, kein nennenswerter Betrag. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass es nicht um Geld, sondern um die Disziplinierung der OECD geht.

Entsprechend kühl und vorläufig fiel gestern der Beschluss der Kultusminister aus: Die Konferenz beschloss grundsätzlich, an Pisa 2012 teilzunehmen – "vorausgesetzt, dass dem gegenüber der OECD geäußerten Gesprächswunsch gefolgt wird und dass der finanzielle Rahmen für die Erhebung klar ist".

Quelle: RP

 
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