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25. Jahrestag der deutschen Einheit
La deutsche Vita

Deutsche Einheit: La deutsche Vita
FOTO: Radowski
Berlin. 25 Jahre Einheit. Unser Land hat sich stark verändert. Die Deutschen von 1990 würden sich über ihre Heimat im Jahr 2015 wundern. Wir haben uns immer wieder überrascht. Und fest steht: Auch in den kommenden 25 Jahren wird sich eine Menge ändern. Aber es gibt viele Gründe für Zuversicht. Ein Essay. Von Martin Bewerunge

Worte – das weiß kaum ein Volk besser als das der Dichter und Denker – können Mauern zum Einstürzen bringen. Vier davon erwiesen sich als echte Abrissbirne: "Wir sind das Volk." Jene, die das skandierten, befreiten sich damit aus einem kleinen, kaputten, eingemauerten Land. In dieser Nacht waren die Deutschen erst "das glücklichste Volk der Welt", wie es Berlins Regierendem Bürgermeister Walter Momper entfuhr. Dann gab Helmut Kohl den Bürgern in Ost und West die neue Richtung vor: "Wir sind ein Volk." 327 Tage nach dem 9. November 1989  waren sie's wirklich.

Heute, am 3. Oktober, dem 25. Jahrestag der deutschen Einheit, stellt sich die Frage: Wer ist das Volk?

Fest steht: Die Deutschen des 3. Oktober 1990 würden sich über die Deutschen des 3. Oktober 2015 sehr wundern. Umgekehrt wahrscheinlich auch. Wäre der Jubel am Brandenburger Tor verhaltener ausgefallen, das Feuerwerk kleiner, wenn schon damals festgestanden hätte, dass es zwei Billionen Euro kosten würde, um fünf auf dem technischen Niveau von 1959 befindliche Bundesländer auf den aktuellen Stand zu hieven? Das wären ja mal eben knapp 4.000.000.000.000 D-Mark gewesen. Doch das Gefühl, welches das gerade geeinte Volk in jenem Moment im Angesicht der herannahenden  großen Aufgabe ergriff, war ein anderes. Angela Merkel hat es knapp 25 Jahre später im Zusammenhang mit einer neuen nationalen Herausforderung  aufgegriffen und in Worte gefasst: Wir schaffen das.

Die Deutschen des Jahres 1990 dürften das heutige Ostdeutschland kaum wiedererkennen. Zumindest würden sie blühende Landschaften in einem Maße ausmachen, wie es sich nirgendwo in Ländern findet, die jahrzehntelang unter dem Sozialismus litten. Staunen würden die Deutschen von damals aber vor allem darüber, wie sich die Stimmung in der Heimat von "Le Waldsterben", "German Angst" und viel schlechter Laune gewandelt hat.

Eine frische Allensbach-Umfrage zeichnet das Bild einer satten "Generation Mitte": 91 Prozent der 30- bis 59-Jährigen schätzen die Lebensqualität in Deutschland als gut oder sehr gut ein. "Es gibt wenige Länder auf der Welt, wo so viele die Lebensqualität so positiv bewerten", sagt Meinungsforscherin Renate Köcher.

La dolce Vita in Deutschland. Oder: la deutsche Vita?

Deutschland-Fähnchen am Auto oder auf dem Balkon sind fröhliche Normalität, wenn eine deutsche Nationalelf mit nicht zu übersehendem Migrationshintergrund antritt. Der Ton im Dienstleistungssektor ist weniger ruppig, die Servicewüste Deutschland grüner geworden, der Humor subtiler und Comedy politischer. Lebensqualität löst zunehmend Lebensstandard als Lebensinhalt ab. Eine neue "Generation Y" definiert sich nicht mehr hauptsächlich über Status und Prestige.

Stell dir vor, möchte man Menschen des Jahres 1990 fragen, eine geschiedene Protestantin aus Ostdeutschland würde Kanzlerin. Zudem zöge ein DDR-Pastor, der noch verheiratet ist, aber offiziell mit seiner Lebensgefährtin auftritt, ins Schloss Bellevue. Stell dir vor, im erzkonservativen Bayern würden die Leute einen zum Ministerpräsidenten machen, der zuvor erwiesenermaßen die Ehe gebrochen hat. Die Lockerheit, mit der die Deutschen damit umgehen, gab es vor einem Vierteljahrhundert nicht. Und dass einmal Heino die Toten Hosen covert – unvorstellbar.

Dass eine konservative Bundesregierung Enteignungen akzeptierte, die in der sowjetisch besetzten Zone stattgefunden hatten, war vielen schon schmerzlich bewusst, welche die Wiedervereinigung hautnah miterlebten, Aber sie hätten es für einen Witz gehalten, wenn ihnen berichtet worden wäre, dass eine rot-grüne Bundesregierung ein paar Jahre danach deutsche Soldaten in den Krieg auf dem Balkan oder an den Hindukusch schicken würde. Der Hinweis, dass einmal Sozialdemokraten die schärfsten Arbeitsmarktreformen der Nachkriegszeit verabschieden würden, hätte die Frage aufgeworfen, ob man vielleicht im falschen Film sei. Oder gar nicht in Deutschland?

Dabei ist es vor allem Schröders Agenda 2010 zu verdanken, dass Deutschland heute so gut dasteht. Um die Jahrtausendwende gab es bis zu sechs Millionen Arbeitslose. Als die Job-Maschine 2005 ansprang, änderte sich vieles. Und als 2006 das Fußball-Sommermärchen in Deutschland wahr wurde, änderte sich noch mehr.

Die Deutschen haben im vergangenen Vierteljahrhundert andere, sich selbst aber am meisten überrascht. Es geht ihnen gut, zugleich mahnt sie das Beispiel VW gerade, wohin Hybris führen kann. Die Flüchtlingskrise lässt sie ahnen, dass ihr Land wie 25 Jahre zuvor vor tiefgreifenden Veränderungen steht, die abermals einen Kraftakt erfordern. Der besteht nicht zuletzt darin, den Kompromiss zwischen unbegrenztem Wollen und begrenztem Können zu finden.

Nicht wenige erschrecken die Aussichten, und es wäre ein Fehler, ihnen kein Gehör zu schenken. Aber es hilft auch nicht, diejenigen, die helfen wollen, in die Ecke der Ahnungslosen zu stellen. Schaffen wir das?  Wer in diesen Tagen zurückblickt, mag spüren, dass Zuversicht nicht unbegründet ist.

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