Anhörung beim EU-Parlament: Deutsche und Türken verhörten Murat Kurnaz auf Guantanamo
zuletzt aktualisiert: 22.11.2006 - 19:25Brüssel (RPO). Der "Bremer Taliban" Murat Kurnaz hat bei einer Anhörung vor dem EU-Parlament beschrieben, wie er im US-Gefangenenlager Guantanamo von Deutschen verhört worden sei. Es sei etwas anders gewesen als bei den Amerikanern. Zum Beispiel sei er nicht geschlagen worden. Auch türkische Ermittler hätten ihn kontaktiert - und zwar, um ihm vorzuwerfen, er sei ein Spion für deutsche Behörden.
Bei der Anhörung im EU-Parlament erneuerten Kurnaz und sein Anwalt Bernhard Docke auch ihre Kritik an der früheren Bundesregierung. Diese hatte ein Angebot der USA, Kurnaz schon im Jahr 2004 freizulassen, aus sicherheitspolitischen Erwägungen abgelehnt. Der in Bremen geborene Türke kam dann nach einer Intervention von Bundeskanzlerin Angela Merkel erst am 24. August dieses Jahres frei.
Kurnaz bekräftigte vor dem Sonderausschuss in Brüssel, während seiner Inhaftierung in einem amerikanischen Gefangenenlager in Afghanistan sei er zwei deutschen Soldaten vorgeführt worden. Einer der beiden habe ihn an den Haaren gepackt, seinen Kopf hochgezogen und gefragt, ob Kurnaz wisse, wer sie seien. "Er sagte: 'Wir sind das KSK' und schlug meinen Kopf auf den Boden", erklärte Kurnaz.
Anschließend habe einer der beiden Soldaten ihn getreten, berichtete der in Deutschland lebende Türke weiter. "Sie haben mir keine Fragen gestellt, es ging auch nicht um eine Befragung". Auf Nachfrage sagte Kurnaz, er habe auf den Uniformen der Soldaten deutsche Flaggen gesehen.
Kurnaz hatte seine Vorwürfe gegen die Elite-Einheit KSK erstmals in Interviews des "Stern" und der Fernsehsendung "Beckmann" vorgebracht. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums gibt es für die von ihm geschilderten Vorgänge nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen keine Belege. Allerdings räumte das Ministerium ein, dass zwei KSK-Soldaten offenbar kurz Kontakt mit Kurnaz hatten. Die Staatsanwaltschaft Potsdam hat aufgrund der Vorwürfe Ermittlungen aufgenommen.
Türken verdächtigten Kurnaz der Spionage für Deutschland
Vor dem Sonderausschuss des EU-Parlaments, der sich mit den CIA-Flügen in Europa befasst, berichtete Kurnaz auch von seiner Überstellung ins Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba. Er sei zeitweise an den Boden des Flugzeugs gefesselt worden. In Guantanamo sei er zwei Mal von Deutschen verhört worden, sagte der gebürtige Bremer. "Das erste, wonach ich sie gefragt habe, war, ob sie eine Nachricht von meiner Familie haben. Sie haben aber gesagt, sie hätten keine Informationen über meine Familie, dazu seien sie auch nicht da."
Anwalt Docke ergänzte, das Auswärtige Amt habe seine Bitten, sich für Kurnaz einzusetzen, immer mit der Begründung abgelehnt, dass man zu türkischen Staatsbürgern in Guantanamo gar keinen Zugang habe. Mittlerweile ist jedoch offiziell bestätigt, dass Kurnaz mindestens einmal von deutschen Beamten vernommen wurde. Für die von Kurnaz geschilderte zweite Vernehmung gibt es noch keine Bestätigung.
Auf die Frage, ob er von den deutschen Ermittlern besser behandelt worden sei als von den Amerikanern, sagte Kurnaz: "Es ist schon etwas anders gewesen. Ich wurde zum Beispiel nicht geschlagen." Auch seien seine Handfesseln gelöst worden, nicht aber die an den Füßen. "Freundlich sind sie nicht gewesen, sie haben mich nicht begrüßt und sich nicht vorgestellt."
Auch die Türkei fühlte sich für ihren Staatsbürger offensichtlich nicht verantwortlich. Zwar sei er auch von türkischen Beamten befragt worden, sie hätten ihm jedoch vorgeworfen, "dass ich ein Spion bin für Deutschland", sagte Kurnaz. Zur Begründung hätten sie erklärt, "ich hätte Freunde, die für die Polizei in Deutschland arbeiten".
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