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Der Präzedenzfall
Deutscher Atommüll in die USA?

Der Präzedenzfall: Deutscher Atommüll in die USA?
Im Forschungszentrum Jülich lagern Castorenbehälter. FOTO: dpa
Berlin/Washington. Hinter den Kulissen wird um eine Lösung für 152 Castor-Behälter mit Atommüll gerungen, die wegen fehlender Genehmigung raus müssen aus dem Zwischenlager Jülich. Werden sie per Schiff in den USA entsorgt?

 Die große Koalition hüllt sich noch in Schweigen, nun wird sie aber zu einer Entscheidung gezwungen. Seit Jahren wird um die Entsorgung von 288.161 tennisballgroßen Atomkugeln aus dem Forschungsreaktor Jülich bei Aachen gestritten.

Am 2. Juli hat die nordrhein-westfälische Atomaufsicht verfügt, dass die Kugeln nicht mehr im Zwischenlager bleiben dürfen. Weil das Lager als nicht erdbebensicher gilt, müssen die in 152 Castor-Behältern lagernden Kugeln weg. Eine wahrscheinliche Option: die USA. Das wäre Neuland.

Nun wächst die Protestfront gegen die mögliche Atommüll-Fracht per Schiff aus Deutschland. Zuständig ist federführend im Bund das Bundesforschungsministerium, mit dem US-Energieministerium wurde im April eine Absichtserklärung zur Rücknahme der hochaktiven Brennelemente in die USA unterzeichnet - denn von hier stammen sie ursprünglich.

Die lange Suche nach einem Atommüllendlager FOTO: dpa

"Ein endgültiger Vertrag zur Rücknahme kann erst erfolgen, wenn an der Savannah River Site in South Carolina, wohin die Brennelemente transportiert werden sollen, die notwendigen Voraussetzungen für eine Annahme geschaffen worden sind", betont das Forschungszentrum. Die Anlage wurde in den 50er Jahren aufgebaut, um Atomwaffen zu produzieren. Laut "Spiegel" soll Deutschland bis zu 450 Millionen Euro für die Rücknahme bezahlen.

Der Versuchsreaktor in Jülich wurde von 1967 bis 1988 betrieben. Auf der Grundlage der Erkenntnisse wurde 1983 der Kugelhaufen-Reaktor Hamm-Uentrop gebaut - letztlich setzte sich diese Technik anders als Druck- und Siedewasserreaktoren nicht durch. Das Zwischenlager war nur bis zum 30. Juni 2013 genehmigt. Zunächst war eine Lagerung im Zwischenlager Ahaus geplant, bis sich die US-Option konkretisierte.

"Das Forschungszentrum Jülich hat es bisher nicht geschafft, die notwendigen Nachweise zur Sicherheit des Zwischenlagers zu erbringen, damit eine Genehmigung erteilt werden könnte", kritisiert der Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz, Florian Emrich.

Die Umweltorganisation Greenpeace sieht einen drohenden Bruch des deutschen Atomgesetzes und viel zu große Risiken bei einer Verschiffung. "Die Anordnung zur Räumung des Zwischenlagers ist ein rechtswidriger Versuch, sich der Verantwortung für in Deutschland erzeugten Atommüll zu entledigen", sagt Atomexperte Heinz Smital.

Die Abgabe von Atommüll aus kommerziellen Leistungsreaktoren zur Aufarbeitung von bestrahlten Kernbrennstoffen sei verboten, die Anlagen in Jülich seien von der Internationalen Atomenergiebehörde "als Leistungsreaktoren und nicht als Forschungsreaktoren benannt".

Smital verweist auf die Absichtserklärung zur Aufnahme der Atomkugeln. Das US-Energieministerium plane "eine chemische Aufarbeitung, um den Graphit abzutrennen und dann die Brennelemente nach dem H-Canyon-Prozess aufzuarbeiten".

Zudem würde damit das Gesetz für die neue Endlagersuche unterlaufen, das eine Entsorgung im Inland festschreibe. In Fachkreisen wird vor einem verheerenden Signal gewarnt, wenn man sich hier für viel Geld der Verantwortung entledige. Das könnte den Druck mindern, ein Endlager zu finden. Greenpeace fordert als Übergangslösung - vor einer Entsorgung in einem deutschen Endlager - den Neubau eines sicheren Zwischenlagers in Jülich.

Es ist das zweite Mal, das erwogen wird, in Nordrhein-Westfalen gelagerten Atommüll über die Option der Auslandsentsorgung loszuwerden: Der damalige Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU)
stoppte Ende 2010 einen Transport aus dem Zwischenlager Ahaus in das russische Majak. Die 951 Brennelemente, die ursprünglich aus einem DDR-Forschungsreaktor stammen, bleiben nun erstmal in Ahaus.

Findige Beamte führen als Grundlage für den möglichen Transport in die USA den internationalen Atomwaffensperrvertrag an. Danach nehmen die Produzentenstaaten spaltbares, waffenfähiges Material zurück, damit Terroristen nicht eine schmutzige Bombe damit basteln können.

"Wir wollen keinen ausländischen Atommüll in South Carolina, wenn der korrekte Weg für Deutschland wäre, seinem Atomgesetz zu folgen, das eine Entsorgung im Inland vorsieht", sagt Tom Clements, Direktor der Organisation Savannah River Site Watch, die das Nuklearzentrum kritisch begleitet.

Die Anlage ist nur 32 Kilometer von der historischen Stadt Augusta entfernt, wo auch das weltberühmte Golf-Masters stattfindet. Hier werden schon 140 Millionen Liter radioaktiver Abfall und Giftmüll in alten Tanks gespeichert. Eine dauerhaft sichere Lagerung tief unter der Erde ist nicht in Sicht.

Die US-Energiebehörde betont auf dpa-Anfrage: "Die USA sind nicht verpflichtet, das Material zurückzunehmen." Aber im Sinne der Non-Proliferations-Politik gebe es ein Interesse, hoch angereichertes Material weltweit zu reduzieren. Allerdings nehme man kein Material zurück aus kommerziellem Anlagen - Greenpeace unterstellt, dass es sich auch um kommerzielle Zwecke in Jülich gehandelt habe.

Es gibt auch zunehmenden politischen Widerstand. "Wir werden alle tot sein, und diese radioaktiven deutschen Hinterlassenschaften werden immer noch hier sein", warnt Senator Vincent Sheehen, der demokratische Kandidat für das Amt des Gouverneurs im Bundesstaat South Carolina.

(dpa)
 
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