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Deutschland
Auf der Insel der Glückseligen

Deutschland: Auf der Insel der Glückseligen
Das Brandenburger Tor im Sonnenschein. FOTO: dpa, flk fpt sab
Berlin. In Zeiten globaler Krisen ist Deutschland ein Hort des Wohlstands, die Lebensqualität ist so hoch wie nie. Doch eine Studie zeigt, dass die Generation der 30- bis 59-Jährigen voller Widersprüche steckt - etwa mit Blick auf die Altersvorsorge. Von Jan Drebes und Franziska Hein

Traumland Deutschland: Während sich in der Welt humanitäre Katastrophen abspielen und Kriege ganze Regionen destabilisieren, ist Deutschland eine Insel des Wohlstands. Wohl auch deshalb reißt der Flüchtlingsstrom in die Bundesrepublik nicht ab. Wie attraktiv das Land für die Deutschen selbst ist, zeigt eine aktuelle Studie des Allensbach-Instituts zur Generation Mitte. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft hatte die Studie zum dritten Mal in Folge in Auftrag gegeben.

Demnach bewerten 91 Prozent der mehr als 1000 befragten 30- bis 59-Jährigen die Lebensqualität in Deutschland mit der Note "gut" oder "sehr gut". Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt immerhin rund 40 Prozent. "Einen so hohen Wert haben wir noch nie gemessen", sagte Renate Köcher, Chefin des Allensbach-Instituts. Auch wenn drei Viertel der Befragten die wirtschaftliche Situation gut einschätzen, ist die Wirtschaft nur ein Zeichen für Lebensqualität. Die Befragten nannten ein breites Spektrum von Anforderungen an ein gutes Leben in Deutschland. An erster Stelle stehen dabei Gesundheit und Gesundheitsversorgung (86 Prozent), gefolgt von einem guten Bildungssystem (76 Prozent) und politischer Stabilität (67 Prozent). Die Mehrheit wünscht sich zudem Chancengleichheit und niedrige Kriminalitätsraten. Während sogar 73 Prozent der 30- bis 59-Jährigen ihren Anspruch an politische Stabilität erfüllt sehen, gibt es in anderen Bereichen Nachholbedarf: Nur 56 Prozent finden, dass das Bildungssystem gut und die Kriminalitätsrate niedrig genug ist. Gerade die Einbruchskriminalität mache vielen zunehmend Sorgen, erklärte Köcher.

Die Generation Mitte möchte außerdem, dass sich die sozialen Unterschiede im Land nicht weiter vergrößern. Eine solch bemerkenswerte mentale Verfassung zeige sich nur in Deutschland, sagte Köcher. Während 48 Prozent angaben, Chancengleichheit gehöre zur Lebensqualität, waren nur 15 Prozent überzeugt, dass die in Deutschland auch gegeben ist.Ein wichtiges Thema für die Generation Mitte ist zudem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Hälfte findet, dass das zur Lebensqualität gehört. Aber lediglich 26 Prozent sehen ihre Anforderungen erfüllt.

Aber nicht nur die allgemeine Lebensqualität wird als hoch eingeschätzt. Auf die Frage, wie die Teilnehmer ihre persönliche Lebensqualität sehen, antworteten drei Viertel mit "gut" oder "sehr gut". Gleichzeitig hat die Studie jedoch einen - keineswegs überraschenden - Unterschied zwischen den sozialen Schichten offenbart: Während es der Ober- und Mittelschicht immer besser geht, schätzt nicht mal die Hälfte der Befragten mit niedrigem sozioökonomischen Status die eigene Lebensqualität gut ein.

Geradezu paradoxe Ergebnisse liefert die Studie aber, wenn es um die Ängste der mittleren Generation geht. Sorge Nummer eins unter den Befragten ist, ob sie ihren hohen Lebensstandard im Alter halten können. Merkwürdig ist dann aber, dass drei von vier Befragten nicht fürs Alter vorsorgen, obwohl eine private Altersvorsorge in den vergangenen Jahren notwendiger geworden ist und sie es sich finanziell leisten können. Und bei Frauen ist die Sorge noch größer, denn bei ihnen hängt die Versorgung im Alter auch in dieser Generation noch stark vom Partner ab. 52 Prozent der Frauen zweifeln, ob ihre Altersvorsorge ausreichen würde, wenn ihre Beziehung scheitert.

Das Paradox lässt sich zumindest in Teilen dadurch erklären, dass die Deutschen ihr Geld vor allem risikoarm und mit guter Rendite anlegen wollen. Die Zinsentwicklung lässt dies im Augenblick jedoch nicht zu. Gleichzeitig rechnen nur 22 Prozent der 30- bis 59-Jährigen in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten mit einer Erbschaft, die meisten davon planen das Geld dann aber für die Altersvorsorge ein. "Es wird immer vermutet, dass viele für die Altersvorsorge auf Erbschaften setzen können. Das zeigt sich aber nicht so", sagte Alexander Erdland, Präsident der deutschen Versicherer, gestern. Und nur in den wenigsten Fällen wäre die Erbschaft auch wirklich hilfreich für die Altersvorsorge: Nur jeder zwanzigste Erbe rechne mit einem Nachlass von mehr als 300 000 Euro, teilte Allensbach mit.

Widersprüchlich verhält sich die Generation Mitte aber auch in der Frage, welche Maßnahmen der Staat ergreifen könnte, damit es ihr noch besser geht. 71 Prozent gaben an, die Steuer- und Abgabelast zu senken - und das, obwohl im vergangenen Wahlkampf die Parteien, die Steuersenkungen ins Programm geschrieben haben, abgestraft wurden. Um derlei oder andere Fehler nicht zu begehen, passt es ins Bild, dass Union und SPD als Regierungsparteien zuletzt die aufwendige Veranstaltungsreihe "Gut Leben" gestartet haben. In initiierten Gesprächen mit Bürgern wollen die Polit-Promis aus Berlin - bis hoch zur Kanzlerin - herausfinden, wie das Volk tickt, wo ihm der Schuh drückt. Das Mammutprojekt wird wissenschaftlich begleitet und soll in einem Bericht münden. Am Ende will die Bundesregierung anhand der Ergebnisse einen "Aktionsplan" ausarbeiten. Ob sich aber die Erkenntnisse mit denen von Allensbach decken werden, ist unklar.

Eins scheint aber sicher: Sowohl Union als auch die SPD werden im Wahlkampf für die Bundestagswahl 2017 viel Aufwand betreiben, um für Wählerstimmen aus der Mitte zu werben. Nicht umsonst positionierte sich SPD-Chef Sigmar Gabriel, der mit seiner Partei als klarer Außenseiter ins Rennen um die Macht gehen wird, zuletzt immer wieder nahe der sozialdemokratischen Schmerzgrenze - etwa bei der Vorratsdatenspeicherung. Ihm scheint klar zu sein: Nur wenn eine Partei in der Mitte auch Fragen zur Bildungspolitik oder zur Vereinbarkeit des Berufs mit Kindern und Pflegebedürftigen schlüssig beantworten kann, hat sie Chancen.

Quelle: RP
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