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Serie: 60 Jahre Bundesrepublik: Deutschland – einig Vaterland

VON DETLEV HÜWEL - zuletzt aktualisiert: 12.03.2009 - 08:08

Düsseldorf (RP). Der Reformkurs des sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow verändert die Welt. Der Druck der Menschen bei den Montagsdemonstrationen fegt das verhasste DDR-Regime hinweg. Die Wiedervereinigung ist ein Ereignis von welthistorischem Rang – Helmut Kohl wird als Kanzler der Einheit in die Geschichte eingehen.

Die Nacht der Nächte: Am 9. November 1989 erklimmen die Menschen die Mauer in Berlin  Foto: ddp
Die Nacht der Nächte: Am 9. November 1989 erklimmen die Menschen die Mauer in Berlin Foto: ddp

Die Journalisten trauten ihren Ohren nicht. Um 18.57 Uhr machte DDR-Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz in Ost-Berlin eher beiläufig eine sensationelle Mitteilung: Die Bürger der DDR könnten ohne besondere Gründe Privatreisen ins "Ausland" beantragen. Auf Nachfragen, wann die Genehmigung denn erfolge, geriet Schabowski ins Stocken: "Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich." Da brach eine Welle los: Noch am Abend setzte ein Sturm auf die Grenzübergänge ein. Das Schandmal quer durch Berlin verlor schlagartig seinen Schrecken: Tausende kletterten am Brandenburger Tor auf die Mauer. Die Bilder gingen um die Welt, die sich an diesem 9. November 1989 veränderte.

Hüben wie drüben hatten viele Deutsche über Jahrzehnte hinweg das Ende der Teilung herbeigesehnt, doch wohl nur die wenigsten nahmen an, sie noch erleben zu können. "Wandel durch Annäherung" lautete in der Bundesrepublik lange Zeit die Maxime innerdeutschen Handelns.

Doch dann kommt das Jahr 1989, das Schicksalsjahr der Deutschen. Die Wende ist ohne den Reformkurs des sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow undenkbar. Gorbatschow setzt auf "Glasnost" und "Perestroika" ("Offenheit" und "Umgestaltung") und gesteht jedem sozialistischen Staat seine eigene Entwicklung zu. Im August fliehen Hunderte von DDR-Bürgern bei Sopron über die österreichisch-ungarische Grenze. Es ist die größte Fluchtwelle seit dem Mauerbau 1961. In Leipzig fordern Demonstranten am 4. September "Reisefreiheit statt Massenflucht". Wenig später wird die Deutsche Botschaft in Prag wegen Überfüllung mit DDR-Flüchtlingen geschlossen, doch es kommen immer mehr. Auf dem Gelände kampieren zeitweise bis zu 4000. Am Abend des 30. September kann Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) vom Balkon des Palais Lobkowicz den Flüchtlingen zurufen: "Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise ...". Der Rest geht in Jubel unter.

In Leipzig machen Tausende bei den Montagsdemonstrationen mit. Zum 40. Jahrestag der DDR kommt Gorbatschow am 7. Oktober nach Ost-Berlin und macht Honecker Vorwürfe: "Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren." In Windeseile verbreitet sich der Satz in abgewandelter Form: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Am Abend kommt es in vielen Städten der DDR zu Massenprotesten. "Gorbi, hilf uns", rufen die Menschen und skandieren: "Wir sind das Volk." Die Sicherheitskräfte gehen brutal gegen die Demonstranten vor. Doch der Druck wird immer stärker. Am 18. Oktober tritt Honecker "aus gesundheitlichen Gründen" ab. Egon Krenz wird neuer SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender. Am 4. November demonstrieren bereits eine Million Menschen auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin. Die DDR-Führung ist paralysiert. Der Ministerrat unter Willi Stoph tritt geschlossen zurück (7. November).

Als Schabowski hektisch Reisefreiheit verkündet, gibt es kein Halten mehr. Die Menschen drängen sich an den Polizisten vorbei durch die Grenzübergänge. Anderntags wird das erste Loch in die Mauer an der Bernauer Straße gerissen. An diesem 10. November unterbricht Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) seinen Staatsbesuch in Polen und fliegt nach Berlin zu einer Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus. Kohl betont, dass man die Reformpolitik der DDR unterstützen werde. Der SPD-Ehrenvorsitzende Willy Brandt ist sicher, dass jetzt "wieder zusammenwächst, was zusammengehört". 100 D-Mark Begrüßungsgeld gibt es für die Menschen aus der DDR.

Im Bonner Bundestag legt Kohl am 28. November einen Zehn-Punkte-Plan vor, der zunächst eine Konföderation der beiden deutschen Staaten vorsieht. Das Ziel aber sei, "eine Föderation, das heißt eine bundesstaatliche Ordnung, in Deutschland zu schaffen". Dies setze jedoch eine demokratisch legitimierte Regierung in der DDR zwingend voraus, sagt der Kanzler. Niemand wisse, wie ein wiedervereinigtes Deutschland aussehen wird: "Dass aber die Einheit kommen wird, wenn die Menschen in Deutschland sie wollen – dessen bin ich mir sicher." SPD und FDP stimmen dem Papier zu, während die Grünen eine "Politik der Zweistaatlichkeit" befürworten. Im Ausland hat der Zehn-Punkte-Plan zum Teil Schockwirkung. In Großbritannien ist von einem "Vierten Reich" die Rede. Genscher reist nach London und Paris, um zu beschwichtigen. Doch auch Moskau reagiert auf die Entwicklung in Deutschland mit Unbehagen.

Derweil dreht sich in Ost-Berlin das Personalkarussell immer schneller. Neuer Ministerpräsident ist Hans Modrow. Krenz tritt am 6. Dezember als Staatsratsvorsitzender zurück. Gregor Gysi übernimmt den Vorsitz der SED, die sich bald in PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) umbenennt und die deutsche Einheit ablehnt. Auch Modrow pocht auf die Eigenständigkeit der DDR. Währenddessen gehen die Montagsdemonstrationen weiter. Statt "Wir sind das Volk" ruft die Menge jetzt "Wir sind ein Volk".

Bei den ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 erzielt die von der bundesdeutschen CDU unterstützte "Allianz für Deutschland", ein Bündnis aus Ost-CDU, Deutscher Sozialer Union und Demokratischem Aufbruch, eine klare Mehrheit von 47,8 Prozent. Zusammen mit der Ost-SPD (21,8 Prozent) bildet die "Allianz" eine Große Koalition. Neuer Ministerpräsident ist Lothar de Maizière (CDU). Dem "Demokratischen Aufbruch" gehört eine junge Frau an, die noch von sich reden machen wird: Angela Merkel.

Die beiden deutschen Regierungen unterzeichnen am 18. Mai 1990 einen Staatsvertrag über eine Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, die am 1. Juli in Kraft tritt. Damit wird die D-Mark neues Zahlungsmittel der DDR. Kohl zeigt sich zuversichtlich, dass es in den wiedererstandenen Ländern bald "blühende Landschaften" geben wird. Am 15. Juli fliegt er zu Gorbatschow nach Moskau. Der Kreml-Chef, der unter Druck steht, gibt zwar seine Zustimmung zur Wiedervereinigung; umstritten bleibt aber die Aufnahme Ostdeutschlands in die Nato, zumal dort rund 400 000 sowjetische Soldaten stationiert sind. Gorbatschow schlägt vor, die Gespräche in seiner Datscha im Kaukasus fortzusetzen. Dort erfolgt der Durchbruch: Gorbatschow stimmt der uneingeschränkten Nato-Mitgliedschaft des vereinigten Deutschland zu. Den Truppenabzug lässt sich Moskau allerdings mit Milliarden Mark bezahlen. Bis zuletzt hat Gorbatschow gepokert und dabei mit einem Scheitern der Zwei-plus-Vier-Gespräche gedroht (das sind die Verhandlungen der beiden deutschen Staaten mit Vertretern der drei Westmächte sowie der Sowjetunion).

Mit dem deutsch-deutschen Einigungsvertrag vom 31. August 1990 – ausgehandelt von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und DDR-Staatssekretär Günther Krause – wird die Wiedervereinigung besiegelt. Sie soll am 3. Oktober in Berlin, der neuen Hauptstadt, vollzogen werden. Gefeiert wird in der Nacht vom 2. zum 3.Oktober vor dem Reichstag, der in ein Fahnenmeer getaucht ist. Hunderttausende von Menschen feiern begeistert; vom Schöneberger Rathaus erklingt die Freiheitsglocke.

Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 erringt die Union mit Kohl als "Kanzler der Einheit" 43,8 Prozent der Stimmen. Vier Tage vor Weihnachten tritt im Reichstag der erste gesamtdeutsche Bundestag zusammen. 1991 beschließt das Parlament mit der knappen Mehrheit von 338 gegen 320 Stimmen, dauerhaft in Berlin zu bleiben und die Hauptstadt auch zum Regierungssitz zu erklären; einige Ministerien sollen aber in Bonn bleiben.

Zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung hat sich auf beiden Seiten Ernüchterung breitgemacht. Im Osten sind viele Menschen enttäuscht, und im Westen wächst Unmut über die andauernde Hilfe für die neuen Bundesländer. Doch kann das wirklich die Bedeutung der Wiedervereinigung schmälern? Sie war und bleibt ein welthistorisches Ereignis.

Alle Folgen der Serie finden Sie hier 

Quelle: RP

 
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