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Bevölkerungsentwicklung in Deutschland
Unser Leben in der Greisenrepublik

Berlin/Düsseldorf. Geringe Geburtenraten und steigende Lebenserwartung lassen die Bevölkerung bis 2060 dramatisch altern, bestätigt eine neue Prognose. Jeder Dritte wird dann über 65 Jahre alt sein. Die Stadt der Zukunft wird anders aussehen. Von Detlev Hüwel, Jörg Isringhaus und Birgit Marschall

Haldern, ein Ort am Niederrhein mit 5000 Einwohnern, ist ein Ort mit Weitblick. Rund 80 ältere Menschen leben mitten im Ort in der Pflegeeinrichtung Sankt Marien in zwei neu errichteten Häusern mit je vier Wohngruppen. Im Haus befindet sich auch der Waldzwerge-Kindergarten. Gemeindezentrum, Pfarrbüro und Leihbücherei sollen folgen. "Wenn die Menschen nicht mehr ins Dorf können, muss man das Dorf zu den Menschen bringen" - das war die Idee des Altenheim-Konzepts in Haldern.

Es versteht sich als Gegenentwurf zum üblichen abgeschotteten Altenheim an der Peripherie der Stadt. "Warum soll die Stadtratsitzung nicht in einem Saal bei uns stattfinden?", fragt Geschäftsführer Johannes Fockenberg. So könnten die Altenheim-Bewohner teilnehmen, wenn sie wollten: "Der Einzelne ist damit nicht mehr der Einsamkeit des Alters ausgeliefert."

Sankt Marien in Haldern ist ein Ort der Zukunft, weil er heute schon Strukturen bietet, die der rapide alternden Bevölkerung entsprechen und helfen. Noch sind solche offenen und sozial vernetzten Pflegeeinrichtungen für ältere Menschen mitten im Ortszentrum in Deutschland eine Seltenheit. Doch Städte und Investoren werden überall umdenken müssen - und das nicht nur bei der Planung neuer stadtnaher Pflegeeinrichtungen. Auch das Wohnen insgesamt, Straßen, Treppen und Brücken, der öffentliche Nahverkehr, Theater, Büchereien, Museen, Schwimmbäder, soziale Einrichtungen - die gesamte öffentliche Infrastruktur - müssen Kommunen altengerechter umbauen.

"Wir stehen vor dem Riesen-Kraftakt, nicht nur ein kinderfreundlicheres, sondern auch ein alten- und behindertenfreundliches Land zu werden", sagt Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes. "Wir werden die Städte komplett umbauen müssen. Wer heute einen Kindergarten neu baut, muss jetzt schon daran denken, dass er ihn später zum Altenheim umbauen kann", sagt Landsberg. Altenheime gehörten in die Stadt, nicht an ihre Ränder. In Kommunen müssten Busse und Bahnen häufiger verkehren, weil ältere Menschen darauf angewiesen seien - trotz aller visionären Hoffnung auf das selbstfahrende Google-Auto, das auch den greisen oder behinderten Besitzer bald sicher zum Zielort bringen könnte. Neue Wohn-Lösungen und technische Erleichterungen könnten helfen, den Pflegenotstand aufzulösen, der sich bereits ankündige.

Schon jetzt steckt Deutschland mitten im demografischen Wandel. In wenigen Jahren werden auch die geburtenstarken 1960er-Jahrgänge in Rente gehen. Heute ist bereits jeder Fünfte 65 Jahre oder älter, 2030 wird es jeder Vierte und 2060 jeder Dritte sein, wie aus der neuen Bevölkerungsprognose des Statistischen Bundesamtes hervorgeht, die gestern in Berlin vorgestellt wurde.

Die Alterung der Gesellschaft schreitet demnach rapide voran. Die Zahl der Menschen über 80 Jahre werde sich 2060 gegenüber heute fast verdreifachen: 13 Prozent der Menschen werden der Prognose zufolge im Greisenalter sein. Dem stehen 2060 mit einem Anteil von nur 16 Prozent an der Gesamtbevölkerung jedoch kaum mehr Kinder gegenüber. Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 beziehungsweise 67 Jahren geht dagegen mit beängstigender Geschwindigkeit zurück. Sie schrumpft von heute 49 Millionen bis 2060 um 23 Prozent auf noch 38 Millionen, wenn man das Rentenalter 64 Jahre zugrunde lege, so die Statistiker. Gelinge es, den tatsächlichen Rentenbeginn auf 67 Jahre zu erhöhen, gäbe es 2060 immerhin noch zwei Millionen mehr Arbeitende.

Es hilft nichts: 100 arbeitende Menschen werden 2060 etwa genauso viele Kinder und alte Menschen versorgen müssen. Anders ausgedrückt: Jeder einzelne Erwerbstätige wird über die sozialen Umverteilungssysteme mindestens einen anderen Menschen miternähren.

Vor der Vergreisung rettet auch die zuletzt stärkere Zuwanderung nicht. Migrantinnen hätten zwar in den vergangenen Jahren etwas mehr Kinder zur Welt gebracht als Frauen mit deutschem Pass, berichtet Statistikerin Olga Pötzsch. Doch die Geburtenraten näherten sich an. Langfristig stagnierten sie insgesamt bei 1,4 Kindern pro Frau.

Zugleich steige aber die Lebenserwartung: Wer 2060 als Junge zur Welt komme, werde im Schnitt 85 und damit sieben Jahre älter als einer, der heute geboren wird. Bei den Mädchen nehme die Lebenserwartung bis 2060 um sechs auf durchschnittlich 89 Jahre zu. Ergebnis: Die Bevölkerungszahl von derzeit 81 Millionen sinkt bis 2060 auf nur noch 68 bis 73 Millionen - trotz der Annahme, dass die Nettozuwanderung (abzüglich der Abwanderung) jährlich bei bis zu 200 000 Menschen liegt.

Auch die Länder, insbesondere das bevölkerungsreichste, richten sich darauf ein. Nordrhein-Westfalen hat sein Programm "Stadtumbau West" auch auf altengerechtes Umbauen von Wohnungen ausgerichtet. Als beispielhaft lobt die Landesregierung generationenübergreifende Wohnprojekte wie Südliche Furth (Neuss), Kevelaer-Klostergarten, Pöstenhof (Lemgo) und Hiltroper Landwehr in Bochum. Hier wurden in Siedlungen mit Unterstützung des Landes barrierefreie Eigentumswohnungen, Mietwohnungen, Gruppenwohnungen, Pflegeplätze und Gemeinschaftsräume geschaffen.

In Haldern wollen sie auch für eine bessere soziale Integration der Älteren sorgen. Auch kranke Menschen, beispielsweise demente Bewohner, werden in die offenen Strukturen eingebunden. Geschäftsführer Fockenberg will keine baulichen Begrenzungen. Sankt Marien setze auf vertraute Umgebungen: "Beim Schützenfest führt der Umzug auch über den Platz von Sankt Marien, so dass alle Bewohner das Gefühl haben, dazuzugehören", sagt er.

Quelle: RP
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