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Protest der Datenschützer: Deutschlands Schüler werden nummeriert

VON MARGAREHTE VAN ACKEREN UND THOMAS WELS - zuletzt aktualisiert: 13.10.2006 - 12:07

Berlin/Düsselorf (RP). Wer zur Schule geht, erhält künftig eine Identifikationsnummer. Die Kultusminister wollen so den Bildungsweg des Einzelnen besser verfolgen.

Nach den bisherigen Plänen soll jeder Schüler eine personenbezogene Identifikationsnummer bekommen, die er in der gesamten Schulzeit und während des Studiums - unabhängig von Schule und Wohnort - behält. Staatsangehörigkeit, Geschlecht, Wohnort und Geburtsmonat werden ebenso gespeichert wie Informationen über Fehlzeiten und schulische Leistungen. Bei nichtdeutschen Schülern soll das Jahr der Ankunft erfasst werden.

Gegen das Vorhaben erhebt sich zunehmend Protest von Datenschützern, auch die Lehrergewerkschaft GEW lehnt die Pläne rundweg ab. Die Rede ist vom "gläsernen Schüler". Es entstünde mit ungeheurem Aufwand eine zusätzliche Menge von Daten, von der keiner wisse, wozu sie sinnvoll zu nutzen sei, sagte Ute Lorenz von der GEW in NRW. Die GEW fürchtet auch den zusätzlichen Zeitaufwand für die Erfassung. Datenschützer sehen vor allem die Gefahr, dass die Identifikationsnummer mit bestehenden Daten, etwa Kranken- oder und Sozialversicherungsnummern verknüpft werden kann.

Auch die Datenschutzbeauftragte in NRW, Bettina Sokol, ist grundsätzlich skeptisch gegen die Umstellung der bisherigen Schul-Statistik auf Individualdaten. Zudem widerspreche diese ungeheure Menge an Informationen "dem Gebot der Daten-Sparsamkeit", sagte ein Sprecher, zumal die Ziele der Erfassung noch nicht klar erkennbar seien. Aus der Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz (KMK) hieß es: "Noch sind die Pläne nicht abgeschlossen."

Ziel sei es, ab 2008 ein nationales Bildungsregister mit Schülerdaten aufzubauen. Davon versprechen sich Bildungspolitiker und Schulforscher Antworten auf Fragen wie: Wie wirkt sich die soziale Herkunft auf eine Schülerlaufbahn aus? Haben Reformen oder Sprach-Angebote etwas gebracht? Welche Folgen hat Sitzenbleiben für die Entwicklung eines Menschen? Die KMK meint, dass dazu besseres Datenmaterial nötig sei. Das NRW-Schulministerium wollte sich gestern nicht äußern. Zunächst wolle man die Sitzung der Kultusminister-Konferenz Ende kommender Woche abwarten. Aus internen Schreiben des Ministeriums an Schulleiter geht hervor, dass das Ministerium von Barbara Sommer (CDU) einer "anonymisierten Erfassung von Schülerindividualdaten" wohlwollend gegenübersteht.

Ute Schäfer, Fraktions-Vize der SPD in NRW, hält eine anonymisierte Erfassung zur Verfolgung von Schulkarrieren für sinnvoll, um Missstände zu erkennen. "Den gläsernen Schüler und Lehrer lehnen wir aber ab." Der Vorsitzende der KMK-Arbeitsgruppe, Joachim Jacobi, sichert zu, dass Schülerbiographien anonymisiert werden. Vereinfacht gesagt: Niemand kann später nachvollziehen, dass Willy Schmitz, der Prokurist eines großen Unternehmens, die 6. Klasse wiederholen musste. Wohl aber wäre nachvollziehbar, dass ein Sitzenbleiber der 6. Klasse es zum Akademiker brachte.


 
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