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Boykott-Debatte vor Europameisterschaft: DFB-Kapitän Lahm übt Kritik an Ukraine

zuletzt aktualisiert: 05.05.2012 - 19:43

Jetzt beziehen auch die Sportler Stellung: Philipp Lahm, Kapitän der deutschen Nationalelf, hat die politischen Zustände in der Ukraine und den Umgang mit Julia Timoschenko kritisiert. Ob er Präsident Janukowitsch bei einer Siegerehrung die Hand geben würde, lässt er offen.

 "Meine Ansichten zu demokratischen Grundrechten, zu Menschenrechten, zu Fragen wie persönlicher Freiheit oder Pressefreiheit finde ich in der derzeitigen politischen Situation in der Ukraine nicht wieder. Wenn ich sehe, wie das Regime Julia Timoschenko behandelt, dann hat das nichts mit meinen Vorstellungen von Demokratie zu tun", sagte der Spielführer des deutschen Rekordmeisters Bayern München in einem Interview mit dem Nachrichten-Magazin Der Spiegel.

Von der Europäischen Fußball-Union UEFA und deren Präsidenten Michel Platini erwartet der 28-Jährige eine deutliche Stellungnahme zur Frage der Menschenrechte in der Ukraine: "Ich glaube, dass er Position beziehen sollte. Und ich bin gespannt, was er zu sagen hat." Lahm glaubt, dass die innenpolitischen Zustände in der Ukraine die EM überschatten werden: "Der Fußball ist zu groß geworden, um davon unbehelligt zu bleiben. Als ich die ersten Berichte über Timoschenkos angegriffene Gesundheit las, ahnte ich, in welche Richtung es geht."

Ob Lahm im Falle einer Finalteilnahme bei der Siegerehrung dem ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch die Hand reichen würde, hält sich der 85-malige Nationalspieler offen: "Das müsste ich mir dann ernsthaft überlegen. Soviel ich weiß, machen die Siegerehrung in Kiew aber nur Uefa-Leute."

Die deutsche Mannschaft bestreitet ihre drei Vorrundenspiele in der Ukraine. Die DFB-Elf trifft in der Vorrundengruppe B am 9. Juni auf Portugal und am 13. auf die Niederlande. Beide Spiele finden in Charkow statt, wo sich Timoschenko unweit des Stadions im Gefängnis befindet. Das letzte Gruppenspiel gegen Dänemark findet am 17. Juni in Lwiw statt.

Der frühere polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski hat derweil eine Verlegung des EM-Endspiels von Kiew nach Warschau gefordert. "Die UEFA muss das Finale verlegen. Jede andere Reaktion käme einer stillschweigenden Zustimmung zu den undemokratischen Taten der ukrainischen Regierung gleich", schrieb der Anführer der konservativen Oppositionspartei PiS in seinem Blog. Polen und die Ukraine richten die EM-Endrunde (8. Juni bis 1. Juli) gemeinsam aus.

Die inhaftierte Timoschenko sei "ein Symbol für Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine", schrieb Kaczynski weiter, diese wiederum seien außerdem ein Beweis für die wachsende Abhängigkeit der Ukraine von Russland.

Der ukrainische Box-Weltmeister Witali Klitschko hat die westlichen Politiker aufgefordert, Appelle zum EM-Boykott in seinem Heimatland nicht zu befolgen und stattdessen als Zuschauer in die Stadien zu kommen. "Ihr Missfallen an der Verletzung der Menschenrechte" könnten sie dann an Ort und Stelle "direkt gegenüber den ukrainischen Machthabern äußern", sagte der ukrainische Oppositionspolitiker in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Focus. So werde die Weltöffentlichkeit auf die Missstände in dem Land aufmerksam.

Unter anderem könnten ausländische Politiker darauf bestehen, bei ihren Reisen in die Ukraine politische Häftlinge zu besuchen, regte Klitschko an: "Das wäre auf jeden Fall effektiver, als die Fußball-EM zu boykottieren." Die Spiele seien ein sportliches Ereignis, auf dass sich Millionen Ukrainer freuen: "Man soll ihnen die Chance nicht nehmen, ihr Land zu präsentieren, ihre Gastfreundschaft zu zeigen und sich einfach gemeinsam mit den anderen am Fußball zu erfreuen."

Wegen der Behandlung der an einem chronischen Bandscheibenvorfall leidenden Timoschenko waren in den vergangenen Tagen in Deutschland wiederholt Forderungen laut geworden, die EM zu boykottieren.

Auch der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, sprach sich gegen einen politischen Boykott des Co-Gastgeberlandes aus. Der Besuch eines EM-Spiels in der Ukraine sei " eine Ehrerbietung vor allem den Spielern gegenüber - und nicht der politischen Führung des Landes", sagte Papier in einem Interview mit der Welt am Sonntag, "die Europameisterschaft ist keine Veranstaltung eines Staates. Alles andere wäre eine völlige Verkennung des Sinns solcher Sportveranstaltungen."

Quelle: sid

 
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