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Analyse
Die hysterische Gesellschaft

Analyse: Die hysterische Gesellschaft
FOTO: dpa, wst
Berlin. Erschöpfte Helfer, verunsicherte Bürger, eine Regierung im Dauerstreit: Deutschland gerät in ein Klima allgemeiner Anspannung, in der Gerüchte gedeihen, die Hass provozieren. Sogar wenn an allem nichts dran ist. Von Dorothee Krings

Ein Kindermörder geht um in Berlin. Erst gibt es nur Gerüchte, dann bringen aufgeregte Zeitungsverkäufer Extrablätter unters Volk, Fahndungsplakate hängen an allen Litfaßsäulen. Es gibt anonyme Anzeigen, Razzien, Gauner gründen eine Bürgerwehr, die Polizei ist überlastet. Da ist die Stimmung bereits so aufgeheizt, dass der Mob auf der Straße über einen Mann herfällt, nur weil der einem Kind die Uhrzeit angesagt hatte. In "M - eine Stadt sucht einen Mörder" spielt Fritz Lang 1931 meisterhaft durch, wie sich Furcht vor einem unheimlichen, weil unbekannten Täter in Hysterie verwandelt. Und wie Demagogen diesen Zustand gesellschaftlicher Anspannung für ihre Zwecke nutzen. Wenn die Nerven blank liegen, genügt ein Gerücht, um Menschenmengen zu mobilisieren. Dann grassiert das Misstrauen, greifen die Stereotype, stimmen auf einmal alle Klischees. Und Hass bricht sich Bahn.

Deutschland rutscht gerade in ein Klima allgemeiner Überreiztheit. Dafür gibt es Gründe: Der Staat wirkt als Verwaltung wie als Ordnungsmacht überfordert, die Regierung zankt, Europa auch. Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer quälen sich längst mit den Mühen der Ebene, müssen nach den euphorischen Anfängen mit geringeren Kräften haushalten und sind erschöpft. Dazu die ideologisch aufgeladene Debatte darüber, wie viele Flüchtlinge Deutschland integrieren kann. Und wie überwindbar die kulturellen Differenzen tatsächlich sind.

Die emotionalen Diskussionen schüren zum Teil diffuse Ängste vor "dem arabischen Mann", offenbaren aber auch Versäumnisse der Vergangenheit. Manches mahnende Wort etwa von Frauenrechtlerinnen mit muslimischem Hintergrund oder von Polizisten aus Problemkiezen wurde zu lange nicht ernst genommen. Und die Berichterstattung von Polizei und Medien hatte sich zum Teil verfangen in den Maßgaben der politischen Korrektheit. Wer Angst hat, mit bestimmten Fakten rassistische Stimmungen zu bedienen, glaubt nicht mehr an den mündigen Bürger und das Prinzip Öffentlichkeit.

Das ist nun aufgebrochen, und so könnten die Ereignisse in der Silvesternacht bei allem Leid für die Opfer reinigende Wirkung haben. Die selbstregulierenden Kräfte einer gefestigten Gesellschaft könnten einsetzen, eine neue, wohltuende Nüchternheit Raum greifen, die Probleme nicht mehr verklärt, aber auch die Stärke Deutschlands nicht unterschätzt. "Wir schaffen das" war mal ein Satz gesunden Selbstbewusstseins, der viele Menschen beflügelt hat. Es ist ein klägliches Zeichen, wenn er nun zur Hohnformel verkommt.

Doch die Katharsis bleibt aus. Stattdessen mehren sich Zeichen der Hysterie in der Gesellschaft. Plötzlich hat Russland leichtes Spiel, den Fall einer russlanddeutschen 13-Jährigen, in dem noch ermittelt wird, so mit Lügen aufzubauschen, dass in Berlin aufgebrachte Menschen aus der russlanddeutschen Gemeinschaft mit Rechten auf die Straße ziehen. Plötzlich behauptet eine 15-Jährige in Mönchengladbach, von einem Ausländer vergewaltigt worden zu sein. Und noch bevor die Polizei feststellen kann, dass alles erlogen ist, wird das Fahndungsbild des Beschuldigten bei Facebook millionenfach geteilt, hagelt es Hetzkommentare gegen einen Verdächtigen, bilden sich Bürgerwehren.

Ähnliche Fälle geschehen in Essen, in Wuppertal. Empörungswellen rollen über die Republik. Und besonnene Menschen wie der Psychiater Manfred Lütz fühlen sich genötigt, vom "Rückfall in die Steinzeit" zu sprechen und einen "Mangel an Gewissensbildung" zu beklagen. Auch jener Helfer einer Initiative, der in Berlin den Tod eines Flüchtlings erfand, löste eine gewaltige Protestwelle aus, ehe die Fakten geklärt werden konnten. Das Land ist nervös.

Die Fälle verbindet, dass Menschen, die vermutlich an schweren Persönlichkeitsstörungen leiden, perfide Geschichten erfinden, um sich interessant zu machen. Vielleicht auch, um das, was sie für wirklich halten, zu inszenieren. Doch sie tun dies in einer vergifteten Atmosphäre der Verunsicherung und des allgemeinen Misstrauens.

Und auf einmal gibt es kein "Im Zweifel für den Angeklagten", kein Vertrauen in die Ermittlungsarbeit der Polizei. Gerüchte und Beschuldigungen sind stärker, Verleumdungen fallen auf fruchtbaren Boden. Atemlos werden sie weitererzählt, geteilt, durch Hasskommentare verstärkt. Und wie schon in anderen Fällen erweisen sich die sozialen Netzwerke als Beschleuniger und Potenzierer, als filterloser Express-Vermittler auch von Unwahrheiten. Doch hilft Internet-Bashing nicht weiter, denn die Einträge sind ja nur Indizien der Hysterie, nicht deren Ursache.

In der Psychologie gilt Hysterie als eine Neurose, die auf krankhaftem Geltungsbedürfnis, Narzissmus und übermäßigem Hunger nach Anerkennung beruht. Wenn eine große Gruppe von Menschen von diesem Gefühl befallen ist, wenn sie sich zurückgesetzt, gekränkt, in ihren Interessen nicht ernstgenommen fühlt, dann kann Hysterie eine ganze Gesellschaft erfassen. Dann haben Aufwiegler, Lügner, Hetzer leichtes Spiel. Und prägen den Ton. Und finden Nachahmer. Denn einer hysterischen Gesellschaft fehlt es an Rückgrat und Stärke, Ereignisse von verschiedenen Seiten zu betrachten, auszuhalten, dass möglicherweise alles ganz anders ist, und daraus Konsequenzen zu ziehen. Das gilt für den geplatzten Traum vom grenzenlosen Europa, der vermutlich auch jene zum Umdenken zwingen wird, die ganz auf Freizügigkeit bauen wollten. Das gilt aber auch für scheinbar leichte Lösungen der drängenden Flüchtlingsfragen wie Obergrenzen oder Abschottungsfantasien an Europas Außengrenzen. Solche Ideen mögen eine hysterische Gesellschaft beruhigen. Zu mehr taugen sie nicht.

Quelle: RP
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