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Schulkrieg und die Folgen: Die Lehren aus Hamburg

VON EVA QUADBECK UND FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 20.07.2010 - 17:45

Düsseldorf/Berlin  (RP). Die Hamburger haben die schwarz-grüne Schulreform gestoppt. Daraus lässt sich für Nordrhein-Westfalen ableiten: Wenn sich Eltern in ihrer Wahlfreiheit eingeschränkt fühlen, gehen sie auf die Straße. Zwang ist kontraproduktiv. Das weiß auch die neue Regierung in Düsseldorf.

Ein Blick in die Statistik verrät, was da vor sich gegangen ist am Sonntag in Hamburg. Die Beteiligung am Volksentscheid gegen die vom schwarz-grünen Senat geplante Schulreform war im Westen und im Norden mit bis zu 60 Prozent am höchsten – in wohlhabenden Stadtteilen wie Ohlstedt und Blankenese. In ärmeren Gegenden gab dagegen teils nur jeder Achte seine Stimme ab.

In Hamburg hat das Bürgertum rebelliert – pikanterweise gegen einen christdemokratisch geführten Senat, der Politik gegen die eigene Klientel machte. Es hat eine Schulreform gestoppt, die eine obligatorische sechsjährige Primarschule eingeführt und das klassische Gymnasium damit auf sechs Jahre verkürzt hätte. Das wurde als Angriff auf das Gymnasium verstanden.

Daher liegt es nahe, das Hamburger Votum als Warnschuss für die Schulpolitik der rot-grünen Minderheitsregierung in NRW zu verstehen. Auch sie hat eine neue Schulform ersonnen, die längeres gemeinsames Lernen ermöglichen soll: die Gemeinschaftsschule. Auch in NRW formieren sich die Kritiker. Eine "Einebnung der Schullandschaft" fürchtet etwa Peter Silbernagel, Chef des Philologenverbands, und dass die Gymnasien "ausgehungert und letztlich durch Gemeinschaftsschulen ersetzt" würden. Schulstrukturreformen sind für jede Regierung hochgefährlich, wenn sie (vermeintlich oder tatsächlich) das Gymnasium betreffen. Das ist die erste Lehre aus Hamburg.

Dabei ist der rot-grüne Plan für NRW keineswegs so rabiat wie der schwarz-grüne für Hamburg: Keine Schulform wird abgeschafft, stattdessen eine zusätzliche eingeführt. Zudem war in Hamburg ursprünglich geplant, das Wahlrecht der Eltern abzuschaffen, welche Schulform ihr Kind besuchen soll. Das wurde wohlweislich schon vorher fallengelassen.

Allein der Versuch aber richtete Schaden an. "Es war ein psychologischer Fehler, den Eltern das Wahlrecht für die Schulform nehmen zu wollen", sagt Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD im Bundestag und Mitglied der Parlamentarischen Linken seiner Fraktion. Ähnliches versuchte NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU), als sie Noten zum Entscheidungskriterium für den Wechsel machte. Auch das erzürnte die Eltern – Rot-Grün will die verbindlichen Grundschulgutachten wieder abschaffen.

Von der Wucht, die der Elternwille entfalten kann, wurde auch der Berliner Senat schon überrascht. Der Initiative "Pro Reli" war es 2009 gelungen, einen Volksentscheid über Religion als "Wahlpflichtfach" an Berliner Schulen zu erzwingen. Die Abstimmung ging zwar verloren, doch hatten die Initiatoren weit mehr erreicht, als ihnen die Senatsverwaltung zugetraut hatte.

In Berlin wie in Hamburg zeigen sich gleiche Muster: Eltern reagieren allergisch, wenn sie sich in ihrer Autonomie eingeschränkt fühlen. Wer über den Elternwillen hinwegregiert, bringt Bürger auf die Straße, die eigentlich wenig Neigung zu Demos haben. Das ist die zweite Lehre aus Hamburg. Die grüne NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann hat schon versichert, die Landesregierung fühle sich auf ihrem Kurs bestätigt. Löhrmann weiß, dass die Schülerzahlen in Nordrhein-Westfalen deutlich sinken werden und dass dies ihren Plänen entgegenkommt – viele Kommunen, vor allem auf dem Land, werden weiterführende Schulen mit gymnasialen Standards nur durch Zusammenlegung bestehender Schulformen erhalten können.

Das ist ein Unterschied zu Hamburg. Dort werden die Schülerzahlen nach einer Prognose der Bertelsmann-Stiftung bis 2025 deutlich weniger stark zurückgehen; in der Altersgruppe von zehn bis 15 Jahren sollen sie sogar konstant bleiben, während einzelne Kreise in NRW hier bis zu 30 Prozent Einbußen zu gewärtigen haben.

Löhrmann hat auch gesagt, der Systemwandel zur Gemeinschaftsschule solle ohne Zwang vonstatten gehen. Nach den Erfahrungen von Sonntag scheint es dazu kaum eine Alternative zu geben.

Quelle: RP

 
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