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Flüchtlinge
Eritrea - Lampedusa - Rosenheim

Die Odysse der Flüchtinge: Eritrea - Lampedusa - Rosenheim
Die Schwestern Ruth und Mihert und Miherts Tochter Tarik aus Eritrea bei ihrer Ankunft in Rosenheim Anfang des Monats. FOTO: dpa, geb sja
Rosenheim/München. In der südlichsten Stadt Deutschlands treffen täglich Hunderte von Flüchtlingen ein. Am Bahnhof erwartet sie die Polizei. Von Franziska Hein

Die Treppe zu Gleis 1 ist eine andere Welt. Jenseits des rot-weißen Flatterbands mit dem Emblem der Bundespolizei ist Krieg, Terror, Hilflosigkeit. Davor ist Alltag: Menschen mit Koffern im Schlepptau eilen die Stufen in die Empfangshalle des Rosenheimer Bahnhofs hinauf. Manche werfen im Vorbeigehen verstohlen einen Blick auf die andere Treppe. Dort stehen die Flüchtlinge. Einer erwidert alle Blicke, fast trotzig. Er steht da, hat die rechte Hand in die Hüfte gestemmt, eine weiße Decke über den Schultern und starrt zurück. Andere sitzen auch auf den Stufen, vor allem die Frauen und Kinder. Hier auf der Treppe warten sie darauf, dass die Bundespolizisten sie registrieren.

"Seit vier Monaten geht das so", sagt die Bäckereiverkäuferin in der Halle. Vergnügt sagt sie das, nicht naserümpfend. "Am Montagmorgen sind es besonders viele", sagt ein Kunde, der sich gerade einen Kaffee und eine Butterbrezel bestellt hat. Ein Polizist kauft nebenan am Kiosk eine Cola, er trägt seine Waffe gut sichtbar am Gürtel, blaue Plastikhandschuhe gucken aus der Brusttasche heraus, aber er hat eine dunkle Fleece-Jacke ohne Polizei-Aufdruck an, auch seine Mütze trägt er nicht. Die meisten Reisenden lassen sich überhaupt nicht anmerken, dass es hier vor Polizisten nur so wimmelt und dass vor dem einzigen Münzfernsprecher Menschen Schlange stehen, die mit ihrem letzten Geld nach Hause telefonieren. Sie kaufen Zeitschriften oder besorgen vor der Reise noch Kopfschmerztabletten und etwas gegen Sodbrennen in der Bahnhofsapotheke.

Die Bedienung im Asia-Restaurant an Gleis 1 ist unzufrieden. Die Bundespolizei hat den gesamten Bereich vor dem Restaurant mit Flatterband abgesperrt. Am oberen Ende der Treppe sitzen zwei Beamte hinter einem Pult und verteilen grüne Bändchen mit Nummern an die Flüchtlinge. Anschließend durchsuchen eine blonde Polizistin und ein Kollege die Plastiktüten und Rucksäcke, die die Gestrandeten dabei haben, auf gefährliche Gegenstände. Dazu tragen sie die blauen Einweghandschuhe. Dann begleitet die blonde Beamtin die Flüchtlinge in einen großen Mannschaftsbus der Bundespolizei, der neben dem Restaurant parkt. Denn die eigentliche Erfassung passiert erst auf der Dienststelle in Rosenheim.

Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht FOTO: ALESSANDRO BIANCHI

Im Zweistundentakt treffen am Bahnhof die Züge aus Italien ein. Frau Sommer am Informationspunkt der Deutschen Bahn erzählt, dass die mittags um viertel vor eins und abends um viertel vor acht besonders voll sind. Plötzlich legt ein Junge einen Zettel auf die Theke und schiebt ihn zu Frau Sommer. Darauf steht ein Wort auf Arabisch, darunter in Krakelschrift "Wetzlar".

Frau Sommer schickt ihn ins Reisezentrum. Eine Mitarbeiterin hilft dem Jungen, eine Fahrkarte am Automaten zu buchen. Er erzählt, er sei 17 Jahre alt und stamme aus Syrien, aus Aleppo. Er heißt Mohammed und möchte zu seiner Schwester ins hessische Wetzlar. Mehr kann er auf Englisch nicht sagen. Die Frage, wie er nach Deutschland gekommen ist, versteht er nicht. Er tippt nur auf die Hosentasche seiner Jeans und sagt "holy papers" ("Heilige Papiere"). Damit meint er die Dokumente, die er von der Bundespolizei bekommen hat, damit er weiterreisen kann.

Mohammed hat einen 20- und einen 50-Euro-Schein im Portemonnaie. Ein Ticket für den ICE mit zwei Umstiegen in München und Frankfurt würde 111 Euro kosten, ein Ticket für den Nahverkehr 44 Euro. Da muss Mohammed aber viermal umsteigen - in Orten wie Treuchtlingen, die sogar vielen Deutschen nichts sagen würden. Trotzdem muss er sich für den günstigeren Fahrschein entscheiden. Als er das Ticket aus dem Automaten genommen hat, lacht er und bedankt sich.

Mazedonien: Polizei macht Grenzen für Flüchtlinge dicht FOTO: dpa, gl sh

An diesem Tag greift die Bundespolizei im Freistaat Bayern 1266 Menschen auf, die unerlaubt einreisen: 729 davon in Passau, 334 in Rosenheim, berichtet der für Bayern zuständige Sprecher der Bundespolizei, Thomas Borowik. "Der 815 Kilometer lange deutsch-österreichische Grenzabschnitt ist der Brennpunkt schlechthin - deutschlandweit", sagt Borowik. "Es gibt Wochen mit über 7000 unerlaubten Einreisen. Die Beamten sind schon lange nicht mehr in der Lage, das allein zu bewältigen." Borowik spricht nicht gern von "Flüchtlingen". Denn ob jemand wirklich ein Flüchtling sei, müsse das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge feststellen. Er spricht deswegen lieber von "unerlaubten Einreisen" oder "Migranten". In Deutschland ist die Einreise ohne gültiges Visum oder Aufenthaltsstatus eine Straftat. Wie auch immer man die Menschen auf der Treppe nennt, es kommen immer mehr. Vor etwa drei Monaten seien die Zahlen explodiert.

Wenn die Bundespolizisten am Bahnhof von Rosenheim einmal nicht alle Flüchtlinge aus einem Zug holen können, schicken sie sie weiter nach München. Dort ist die Landespolizei zuständig. Das Bayerische Innenministerium meldet, dass das Polizeipräsidium München an diesem Tag 318 Flüchtlinge registriert hat. Am Bahnhof unterstützt die Bundespolizeiinspektion die Beamten der Landespolizei.

Auf Gleis 10 kommen die Züge aus Rosenheim an. Polizisten in Uniform begleiten eine Familie vom Gleis, der Vater hält einen Säugling im Arm, die Mutter führt ein Kleinkind an der Hand. Die Gruppe geht an einem Starbucks-Café vorbei, in dem die Leute fair gehandelten Kaffee in Pappbechern kaufen. Eine Glasscheibe trennt die Welt des Vaters, der einen Soja-Cappuccino kauft, während seine Tochter ungeduldig daneben steht, von dieser syrischen Familie.

Die Bundespolizeiinspektion München sitzt an Gleis 26 am Hauptbahnhof. Man muss klingeln, wenn man in die Wache will. Drinnen telefoniert der diensthabende Polizist gerade. Nachdem er den Hörer aufgelegt hat, zeigt er mit dem Finger durch das Fenster nach draußen. Da stehen die grünen Einsatzfahrzeuge der Landespolizei. Die Flüchtlinge werden in eine Bahnhofshalle gebracht, durch die es zu den Gleisen 26 bis 31 geht. Auch die Schleuser kennen die Adresse. Das weiß die Bundespolizei. Oft haben die Flüchtlinge ein Smartphone, in dem die Nummer der Polizeiwache eingespeichert ist. Manche Flüchtlinge kennen sogar die Rampe vor der Wache, wo die Beamten rauchen. Sie wissen, dass die deutschen Polizisten ihnen helfen. Viele von ihnen kommen aus Ländern wie Eritrea oder Syrien, wo staatliche Willkür und Terror des Machtapparats Realität sind. Menschlichkeit ist deswegen das oberste Gebot der Bundespolizisten im Umgang mit Flüchtlingen wie Mohammed, die Freudentränen vergießen, wenn sie deutschen Boden betreten.

Bis München hat der 17-jährige Mohammed es geschafft. Dort muss er das erste Mal umsteigen. Im Zug dorthin hat er neben zwei Müttern gesessen, die sich über vegane Schokoladeneier unterhalten haben, während ihre Kinder über die Sitze turnen. Eine andere Welt.

Quelle: RP