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SPD-Politikerin mit türkischen Wurzeln
Die radikalen Brüder der Frau Özoguz

Porträt: Aydan Özoguz - Vize-Frau der SPD
Porträt: Aydan Özoguz - Vize-Frau der SPD FOTO: dpa, Tim Brakemeier
Hamburg (RP). In fünf Wochen soll Aydan Özoguz stellvertretende Vorsitzende der Bundes-SPD werden. Die 44-Jährige mit türkischen Wurzeln hat ein Problem: Ihre Brüder sind radikale Muslime, der Verfassungsschutz beobachtete die Aktivitäten deren Webportals "Muslim-Markt". Die Politikerin grenzt sich jetzt ab.

Noch ist ihr Gesicht weitgehend unbekannt. Das wird sich allerdings bald ändern. Anfang Dezember, beim Parteitag der SPD in Berlin, soll Aydan Özoguz zur fünften Stellvertreterin von SPD-Parteichef Sigmar Gabriel gewählt werden. Die Eltern der 44-Jährigen stammen aus der Türkei. Erstmals wird ein Kind von Migranten in die Spitze der SPD aufsteigen.

Die Personalie symbolisiert den gesellschaftlichen Wandel in Deutschland. Nachdem Thilo Sarrazin mit seinen kritischen Thesen viele Migranten verschreckt hatte, soll Özoguz die Verunsicherten nun für die SPD zurückgewinnen.

Die gebürtige Hamburgerin macht erst seit 2009 für die SPD im Bundestag Politik. Die Muslimin ist mit dem Hamburger Innensenator Michael Neumann (SPD) verheiratet, der der katholischen Kirche angehört. Die gemeinsame Tochter lernt beide Religionen kennen. Özoguz steht für eine liberale und pragmatische Integrationspolitik.

Brüder sind fundamentalistische Schiiten

Dennoch muss die studierte Anglistin schon vor ihrem Amtsantritt um Fairness in der öffentlichen Diskussion kämpfen. Es geht nicht um sie selbst, sondern um ihre Brüder. Yavuz und Gürhan Özoguz sind fundamentalistische Schiiten. Die Verfahrenstechniker betreiben das Internet-Portal "Muslim-Markt".

Die Webseiten gelten als pro-iranisch und israelfeindlich. Unter anderem wird dort zum Boykott israelischer Waren aufgerufen. Der Verfassungsschutz beobachtete die Netz-Aktivitäten jahrelang. Yavuz Özoguz musste sich wegen Volksverhetzung vor Gericht verantworten.

Drohungen gegen deutsche Politiker – ein Überblick FOTO: dpa, hsc lre

Nun, mit der Kandidatur für den Vize-Parteivorsitz, wird die Vergangenheit der Brüder für Aydan Özoguz zum Problem. "Ich fände es unfair, wenn ich für meine Brüder verantwortlich gemacht würde", sagte die Politikerin der "Bild am Sonntag". "Weil ich ihre Einstellung in keiner Weise teile, beginne ich nicht damit, mich von jeder neuen Aussage meiner Brüder abzugrenzen. Man muss mich nach dem beurteilen, was ich sage und tue. Diesen fairen Umgang mit mir erwarte ich."

Die Brüder geben sich auf ihrer aktuellen Internetseite betont rechtskonform und transparent. In der Rubrik "Über uns" heißt es: "Einzige Voraussetzungen zur Kooperation mit dem Muslim-Markt sind: Bekenntnis zu Gott, Deutschsprachigkeit und Rechtstreue gegenüber dem deutschen Gesetz." In der Rubrik "Was andere über uns schreiben" findet sich ein unkommentierter Artikel aus dem "Bayern-Kurier" vom Mai dieses Jahres. Die Überschrift lautet: "Verdächtige Brüder. SPD-Integrations-Expertin Aydan Özoguz unter Islamisten-Einfluss".

Liberales Elternhaus

Die SPD-Politikerin unterhält regelmäßigen Kontakt zu ihren Brüdern. Man rede trotz aller "politischen Differenzen" miteinander, sagt Aydan Özoguz. Wie und warum ihre Brüder radikal geworden seien, kann sie sich nicht erklären. Das Elternhaus war liberal. Die Großmutter sei die einzige Frau gewesen, die in der Familie je ein Kopftuch getragen habe, sagt die Politikerin. Der Vater war 1961 als Unternehmer nach Deutschland gekommen und hatte ein Handelsunternehmen aufgebaut.

Was hält Özoguz von muslimischen Frauen, die ein Kopftuch tragen? Die 44-Jährige hält ein freiwillig getragenes Kopftuch für legitim. Frauen, die in Deutschland ein Kopftuch trügen, würden aber "oft an den Rand gedrängt", bekämen Schwierigkeiten im Beruf und würden als nicht voll integriert betrachtet. "Dies sollte uns nachdenklich machen", sagt die Hoffnungsträgerin der SPD.

Özoguz will den Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in dieser Woche nutzen, um politische Akzente zu setzen. Im Vorfeld kritisierte sie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die müsse Erdogan hinsichtlich der vielen Türken mit deutschem Pass sagen: "Das sind meine Leute, ich bin deren Kanzlerin."

(RP/gmv)
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