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Buch "Jenseits des Protokolls": Die Rückkehr der Wulffs

VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 11.09.2012 - 07:01

Berlin (RP). In ihrem Buch räumt Bettina Wulff nicht nur mit den Gerüchten über ihr früheres Leben auf. Das Werk ist eine bittere Bilanz einer einsamen, fremdgesteuerten First Lady, die Magenkrämpfe bekommt und nur noch im Bikini in die Sauna gehen konnte. Nun will Bettina Wulff ihre Eigenständigkeit und ihr Leben zurück.

Berlin/München Einsame Abende in einer wenig kinderfreundlichen Dienstvilla, die Dauerpräsenz der Bodyguards, Übelkeit, Weinkrämpfe, Rotlicht-Gerüchte im Internet und ein öffentliches Leben, das ihr den Gang in die Sauna nur noch mit Bikini erlaubt. Bettina Wulff präsentiert mit ihrem 223 Seiten starken Buch "Jenseits des Protokolls" eine bittere, ungeschminkte und erstaunlich offenherzige Bilanz ihrer Zeit als Frau des Bundespräsidenten.

Eine Werbekampagne brauchte dieses Buch nicht mehr. Fast heimlich und ohne die gewohnte Marketingmaschinerie lieferte der Münchner Riva-Verlag am Montag erste Exemplare des Buches aus. Nach der öffentlichkeitswirksamen Klage von Bettina Wulff gegen die Verbreitung von Gerüchten über ihr angebliches früheres Leben im Rotlicht-Milieu dürfte das Werk auch so zum politischen Bestseller des Herbstes werden. Der Journalistenverband wittert gar eine PR-Kampagne.

Mag sein. Doch interessante Einblicke in das Leben einer der wohl spektakulärsten Figuren der deutschen Politik bietet das Buch allemal. In 16 Kapiteln blickt die jüngste Ehefrau eines Bundespräsidenten auf die 598 Tage als First Lady, aber auch auf ihr früheres Leben in Niedersachsen, ihre Beziehungen zu einem Rettungsschwimmer, einem Immobilienmakler und einem Fitness-Club-Besitzer sowie ihren Job als PR-Beraterin zurück. In Kapitel 13 ("Die Gerüchte") befasst sich Bettina Wulff schließlich mit den Spekulationen über ihre angebliche frühere Tätigkeit als Escort-Lady. In nur einem Satz stellt sie klar: "Ich habe nie als Escort-Lady gearbeitet." Das sei "absoluter Quatsch". Die jahrelange Rufmordkampagne ging der gebürtigen Hannoveranerin nahe. Wulff berichtet, wie sie Weinkrämpfe bekam, wie selbst ihr neunjähriger Sohn Leander im Internet damit konfrontiert wurde. Als "übelste stille Post", die man sich vorstellen könne, bezeichnet sie die Spekulationen. "Entsetzlich", "beschämend".  Von einem Frühstück mit ihrem Mann und "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann berichtet Wulff in ihrem Buch. Der Journalist spricht sie direkt auf die Gerüchte an. "Ich war völlig entgeistert, und mir blieb fast das Brötchen im Hals stecken", schildert Wulff ihre Reaktion.

"Systematisch" gegen Denunziationen vorgehen

Für Diekmann war damit die Sache erledigt. Doch Bettina Wulff litt weiter. Es sind Passagen einer traurigen, verbitterten Frau, die verzweifelt um ihren Ruf kämpft. "Systematisch" gehe sie nun gegen alle Denunziationen vor, schreibt sie. Seit Wochen reichen ihre Anwälte Unterlassungsklagen gegen Medien und Internet-Blogger ein, die die Gerüchte über ihr angebliches Vorleben als Prostituierte unter dem Pseudonym "Lady Viktoria" thematisieren. Detailliert schildert Bettina Wulff im Buch selbst diese Spekulationen, erzählt von einem Etablissement namens "Chateau" in Osnabrück, wo sie angeblich verkehrt haben soll.

38 Unterlassungsklagen haben Wulffs Anwälte bereits eingereicht, mit dem Internet-Giganten Google legt sich die Ex-Präsidentengattin nun an. Die Internet-Suchmaschine bietet den Nutzern bei der Eingabe der Begriffe "Bettina" und "Wulff" automatisch die weitere Suchoption "Prostituierte" und "Escort" an. Durch die Klage hat Bettina Wulff nun das Interesse der Nutzer erst recht befeuert. Wer heute bei Google nur die Buchstaben "BE" in der Suchmaske eingibt, erhält als Erstes den Namen der Präsidenten-Gattin und die beiden Rotlicht-Begriffe vorgeschlagen. Der Name der Hauptstadt "Berlin" folgt erst an zweiter Stelle. Die juristische und mediale Offensive ist dennoch Mittel zum Zweck. Der offene Umgang mit den Gerüchten und die Buchvorstellung ist der Beginn einer Strategie, zur Rückgewinnung  ihrer Reputation.

Dienstvilla nicht kindertauglich

Ihre Zeit als First Lady beschreibt Bettina Wulff, die im politischen Berlin oft als karrierebewusst und medienfixiert beschrieben wurde, überraschend kritisch. Die entsprechenden Buchkapitel lesen sich wie intime Berichte einer einsamen, fremdgesteuerten und frustrierten Frau, die ihr Leben einem Amt übergibt. In den ersten Monaten habe sie sich als alleinerziehende Berufstätige im Haus in Großburgwedel einsam gefühlt. "Er war so sehr mit dem Komplettpaket Bundespräsident beschäftigt, dass er nicht realisierte, wie es mir ging", schreibt sie über ihren Mann. In Berlin wurde es nicht besser.

Die Dienstvilla in Dahlem ist für drei Kinder schlecht geschnitten, in "keiner Weise, sagen wir, warm und kuschelig". Die Präsenz der Sicherheitsleute nerven, die Pflichten als "First Lady" überfordern sie. "Die Position auszufüllen ist ein Fulltime-Job. Von einer 40-Stunden-Woche konnte ich nur träumen, haufenweise fallen Überstunden an." Sie leidet darunter, zu wenig Zeit für ihre Kinder zu haben. Ihr Fazit nach drei Monaten: "Ich war körperlich am Ende, einfach matt und ausgelaugt. Meine Gesichtshaut schlug bereits Alarm, war trockener, brannte und war ständig gerötet."

Tattoo sollte eigentlich noch größer werden

Die Öffentlichkeit erfährt das nicht, die Medien interessieren sich mehr für ihr Schultertattoo. Das Tribal sollte eigentlich noch deutlich größer werden, bis zum Rücken gehen, aber nach der zweiten Sitzung beim Tattoo-Spezialisten fand sich keine Zeit mehr, schreibt Wulff nüchtern. Der mediale Hype um das Tattoo hinterlässt Wulff ratlos zurück.

Das Scheinwerferlicht, das Interesse der Bevölkerung an ihr, macht die junge Mutter mürbe. "In der Sauna saß ich fortan selbst bei 100 Grad nur noch im Bikini, beim Einkaufen achtete ich darauf, besser nur eine Rotweinflasche statt zwei in den Wagen zu legen, und selbst, wenn ich nur kurz den Müll herausbrachte, schaute ich vorher kritisch in den Spiegel und überprüfte fix den Status meiner Vorzeigetauglichkeit." Mindestens einmal pro Woche plagen sie "heftige Magenschmerzen".

Bettina Wulf räumt auch mit dem Vorurteil auf, dass sie, die angeblich öffentlichkeitssuchende PR-Frau, ihren Mann ins Schloss Bellevue gedrängt habe. Als Christian Wulff im Juni 2010 von Bundeskanzlerin Angela Merkel das Angebot bekam, Bundespräsident zu werden, habe sie skeptisch reagiert. "Mir lag und liegt es fern, nur die Frau von ... zu sein, nur Mutter zu sein, dazu ein eigenes Haus mit Garten zu haben, aber keinen Euro selbst zu verdienen. Ich werde dann unleidlich", schreibt Bettina Wulff.

Aber ihr Mann habe das eben "sehr gerne" machen wollen. Immer wieder wird deutlich, wie sehr Bettina Wulff das Bild eines Anhängsels des Staatsoberhaupts, als Dame für das Damenprogramm, missfällt. Selbst im Moment des Rücktritts steht Bettina Wulff ein paar Meter abseits von ihrem Mann, um so zu zeigen: "Ich bin eine eigenständige, selbstständige Frau." Dass sie als Schirmherrin diverser Wohltätigkeitsorganisationen einen Fulltime-Job hat, erwähnt Bettina Wulff. Zugleich kritisiert sie, dass eine First Lady nicht entlohnt wird.  "Die finanzielle Abhängigkeit von meinen Mann machte mir zu schaffen", schreibt Bettina Wulff. Dies dürfte sich mit dem Buch ändern. Nach Angaben aus Branchenkreisen erhält die Ex-Präsidentengattin ein sechsstelliges Honorar plus einen prozentualen Anteil an den Verkaufserlösen. Christian Wulff ist sich bereits sicher, dass die Memoiren seiner Frau ein Erfolg werden. "Das Buch wird sich verkaufen", sagt er am Montag einem Reporter am Flughafen Hannover. Für den als Politiker gescheiterten Bundespräsidenten a.D. ist die mediale Offensive seiner Frau durchaus hilfreich. Auch Christian Wulff sucht einen Weg zurück in die Mitte der Gesellschaft. Seine Frau geht schon einmal vor.

Quelle: RP/csi/jh-


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