| 20.09 Uhr

Abschied
Diese Abgeordneten werden wir im Bundestag vermissen

Norbert Lammert: Das sind seine schönsten Sprüche
Berlin. 85 Bundestagsabgeordnete haben ihren Rückzug aus dem Bundestag angekündigt. Manche verabschieden sich aus Altersgründen, andere wollen neue Ämter bekleiden. Unter den Abgängen sind auch viele prominente Vertreter. Wir geben eine Übersicht:  Von Gregor Mayntz, Birgit Marschall, Eva Quadbeck
  • Norbert Lammert 
Norbert Lammert (68), Präsident des Deutschen Bundestages. FOTO: dpa, soe fdt

Die geschliffene freie Rede beherrscht im Bundestag keiner so gut wie  Präsident Norbert Lammert (68). Seit 1980 gehört der promovierte Sozialwissenschaftler dem Bundestag an. Zwölf Jahre führte er das Bundestagspräsidium mit einer Mischung aus Strenge und Humor an. Dabei machte er sich mit seiner politischen Unabhängigkeit über die Parteigrenzen hinweg beliebt – oft genug zum Ärger seiner eigenen Fraktion.

Lammert war in der Zeit seiner Präsidentschaft ein leidenschaftlicher Verfechter  parlamentarischer Prinzipien. Mit der Einladung außergewöhnlicher Gäste in den  Bundestag vom Papst bis zum Liedermacher Wolf Biermann gelang es Lammert immer wieder, den Bundestag in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu rücken. Als wortgewaltiger und geschichtsbewusster Mahner für Freiheit, Demokratie und Toleranz wird er dem Bundestag fehlen.

  • Wolfgang Bosbach 
CDU-Urgestein Wolfgang Bosbach (65) verlässt nach 23 Jahren den Deutschen Bundestag. FOTO: dpa, jew;cse gfh

Wenn einer nicht immer die Kuh sein will, die quer im Stall steht, dann sagt ein solches Bild in wenigen Silben mehr als langwierige Erklärungen in vielen Sätzen aus. Ein typischer Bosbach. Der Bergisch Gladbacher CDU-Politiker war lange Jahre führend im Club der klaren Aussprache – und deshalb auch gern gesehener Gast in deutschen TV-Shows. Er hatte sich stets die menschliche Supermarkt-Perspektive bewahrt, auch wenn der Einzelhandelskaufmann über den zweiten Bildungsweg zum Rechtsanwalt wurde.

Seit 1994 im Bundestag, wurde er zum Experten der Union für Innere Sicherheit. Fraktionsvize, Ausschuss-Chef – gerne hätte er noch mehr geschultert. Das sollte nicht sein. Aber er (be)wirkte mehr als mancher Minister. In der Euro- und in der Flüchtlingsfrage stand er neben der Mehrheitslinie der Union. Das machte ihn bei vielen noch beliebter. Herzprobleme schafften ihn nicht, aber unheilbarer Krebs zwingt ihn zum Ausstieg.

  • Gerda Hasselfeldt 
Gerda Hasselfeldt (67), CSU-Landesgruppenchefin. FOTO: dpa

Die CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt (67) sitzt seit 1987 im Bundestag. Sie gehört zu den wenigen Politikern ihrer Partei, die ihre Überzeugungen lieber freundlich und differenziert erklärt, als den verbalen Holzhammer auszupacken. Ein Verlust ist schlaue Diplomvolkswirtin, die unter Helmut Kohl auch schon Bauministerin und Gesundheitsministerin war,  insbesondere für die Kanzlerin.

Während das Verhältnis zwischen den Parteichefs der Union, Merkel und Seehofer, auf dem Tiefpunkt war, musste Hasselfeldt oft genug vermitteln. In der Politik hat die mehrfache Großmutter fast alles gesehen und erlebt. Bevor sie für die CSU zentrale Position der Landesgruppenchefin übernahm, war sie Vize-Präsidentin des Bundestags. In der Hauptstadt machte sie gelegentlich wegen ihrer Vorliebe für extravagantes Schuhwerk von sich reden – mindestens so bunt und elegant wie bei der britischen Premierministerin Theresa May.

  • Hans-Christian Ströbele
Hans-Christian Ströbele (78) ist dienstältestes Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKG) des Deutschen Bundestages zur Kontrolle der Geheimdienste. FOTO: dpa, bvj gfh

Nach fast 20 Jahren verlässt Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele (78) den Bundestag. Der frühere RAF-Anwalt ist der bisher einzige Grüne, der für seine Partei ein Direktmandat erringen konnte. Dieser Erfolg gelang ihm seit  2002 vier Mal in Folge in seinem links-alternativ geprägten Berliner Wahlkreis Friedrichshain/Kreuzberg.

Ströbele saß bereits in den frühen Jahren der Grünen von 1985 bis 1987 nach dem damaligen Rotationsprinzip der Grünen im Bundestag. Der streitbare Jurist ist das dienstälteste Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums, das die Geheimdienste überwachen soll. Der überzeugte Pazifist war stets ein Kritiker des früheren Außenministers Joschka Fischer. Auf Wahlplakaten warb er: "Ströbele wählen, heißt Fischer quälen". Der Sicherheitsexperte machte sich einen Namen bei der Aufarbeitung der NSA-Spionageaffäre 2013. Ende Oktober 2013 flog er nach Moskau, um dort den US-Whistleblower Edward Snowden zu besuchen.

  • Jan van Aken
Jan van Aken (56) war acht Jahre lang für die Linken im Deutschen Bundestag. FOTO: dpa / Horst Galuschka

Der Botaniker Jan van Aken (56) ist ein Linker aus Leidenschaft. Kaum zwei Jahre war er Mitglied der Hamburger Linken, als er 2009 auch schon in den Bundestag einzog, acht Jahre später hört der streitbare Linke wieder auf, um einem "innerlichen Ausbrennen vorzubeugen".

Er will wieder Kampagne machen. So wie er eine Anti-G20-Demo organisierte. Für manche ist er ein rotes Tuch, weil sie sich seine Absage an Gewalt deutlicher wünschen. Er selbst unterstreicht, die Auseinandersetzung mit der Politik und nicht die Konfrontation mit der Polizei zu suchen. Er war Greenpeace-Aktivist, Hafenstraßen-Aktivist, Anti-Akw-Aktivist und in dem Zusammenhang wurde seine Immunität aufgehoben: Aufruf zum strafbaren Schottern von Gleisen. Er wurde bestraft, blieb aber dabei, eine Erklärung und keinen Appell unterschrieben zu haben. Der frühere UN-Biowaffeninspekteur kann Komplexes in einfache Sprache bringen. Ein Klassiker: "Jede Frittenbude wird schärfer kontrolliert als die Rüstungsindustrie."

  • Joachim Poß 

Der Westfale Joachim Poß (68) sitzt seit 1980 ununterbrochen für die SDP im Bundestag. Sein Mandat gewann der Gelsenkirchener stets direkt. Poß war zwischen 1999 und 2013 insgesamt 14 Jahre lang stellvertretender Fraktionsvorsitzender und gestaltete die SPD-Finanz- und Haushaltspolitik maßgeblich mit.

Als Frank-Walter Steinmeier 2010 aufgrund der Nierenspende für seine Frau krankheitsbedingt das Amt des Fraktionsvorsitzenden nicht ausüben konnte, bestimmte er den loyalen Kollegen zum Interimsvorsitzenden. 2010 stellte sich Poß schützend vor den damaligen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, als diesem vom konservativen Seeheimer Kreis in der SPD Konturlosigkeit vorgeworfen wurde. Poß arbeitete unter Finanzminister Hans Eichel wesentlich mit an der rot-grünen Steuerreform  und war dessen Nachfolger Peer Steinbrück in der Finanzkrise ein wichtiger parlamentarischer Rückhalt.

 
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