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Ministerin darf Doktortitel behalten
Dr. med. Ursula von der Leyen ist zerknirscht, aber froh

Dr. med. Ursula von der Leyen ist zerknirscht, aber froh
"Teile meiner damaligen Arbeit entsprechen nicht den Maßstäben, die ich an mich selber stelle“, erklärte von der Leyen kurz nach der Entscheidung. FOTO: dpa, mkx hpl dna
Berlin. Weil die jetzige Verteidigungsministerin seinerzeit bei ihrer Dissertation "Fehler" gemacht, aber "kein Fehlverhalten" begangen habe, darf Ursula von der Leyen nach der Entscheidung der Medizinischen Hochschule in Hannover ihren Doktortitel behalten. Plagiatsjäger sind verärgert. Von Gregor Mayntz

Die Reise war offenbar mit Bedacht gewählt. Als sich das Verfahren zur möglichen Aberkennung ihrer Dissertation dem Höhepunkt näherte, brach Frau Doktor von der Leyen in die USA auf. Und just für den Tag der Entscheidung setzte sie einen Vortrag bei der kalifornischen Elite-Universität Stanford an. Als Botschaft, dass sie auch ohne Doktortitel noch etwas zu sagen haben würde?

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel beugte vor. Gut eine Stunde vor Beginn der Sitzung des Hochschulsenates in Hannover stellte sich die Regierungschefin hinter ihre Ministerin. "Selbstverständlich" habe von der Leyen auch ohne einen Doktortitel noch das Vertrauen der Kanzlerin, ließ sie ihren Sprecher Steffen Seibert ausrichten. "Die Ministerin ist eine hervorragende Verteidigungsministerin, was man gerade in diesen Tagen wieder beim Zustandekommen der Nato-Aktivitäten in der Ägäis gesehen hat", erläuterte Seibert.

"Plagiate sind Fehlverhalten"

Das Vertrauen gilt nun erst Recht. Denn der Senat kam nach "sorgfältiger", von von der Leyen selbst in Gang gebrachter Überprüfung "ohne Ansehen der Person" mit sieben zu einer Stimme bei einer Enthaltung zu dem Ergebnis, ihr den Titel "nicht abzuerkennen", obwohl die Hochschule 32 Plagiate in der 1990 verfassten Doktorarbeit fand. Es habe zwar "klare Mängel im Wesentlichen in der Einleitung" gegeben, ausdrücklich "Fehler in der Form von Plagiaten", doch das Muster der Plagiate spreche nicht für eine Täuschungsabsicht. "Es geht um Fehler, nicht um Fehlverhalten", erläuterte Hochschulpräsident Prof. Christopher Baum.

"Das ärgert mich", kommentierte Jura-Professor Gerhard Dannemann, selbst Plagiatsjäger, im Gespräch mit unserer Redaktion. "Plagiate sind Fehlverhalten", stellte er fest. Und er beklagte, dass die Hochschule in Hannover die "Rechtsprechung verbogen" habe. Nach Auffassung der Verwaltungsgerichte sei nämlich ein "solches Muster der wiederholten Verstöße ein objektives Anzeichen für Täuschung" – es sei denn, es gebe gute Gründe, die Verfasserin zu entschuldigen. Dafür aber hätte die Hochschule einräumen müssen, die Doktorandin selbst schlecht betreut zu haben. Und davor habe man in Hannover ebenfalls zurückgeschreckt.

"Auch Frau von der Leyen ist nicht übermenschlich"

Die Grünen äußerten Verständnis. Deren Wissenschaftsexperte Kai Gehring sagte unserer Redaktion, es gebe keinen Grund zu Zweifeln am einwandfreien Verlauf des zweistufigen universitären Prüfverfahren. "Fehler zu machen ist menschlich, auch Frau von der Leyen ist nicht übermenschlich", erklärte Gehring.

Für die Linken bleiben indes Fragen. Die Ministerin sei "mit dem Schrecken davongekommen" bei dieser Plagiatsaffäre. "Das Problem ist, dass es offenbar immer wieder Menschen gibt, die aufgrund ihrer privilegierten Herkunft denken, dass Regeln nur für die anderen gelten", sagte Linken-Chef Bernd Riexinger unserer Redaktion. Nach der Entscheidung bleibe ein "Nachgeschmack", erklärte Riexinger. "Vielleicht hat die Verteidigungsministerin ja ihre neuesten 130 Milliarden Euro Aufrüstungspläne bei Heckler und Koch abgeschrieben?", fragte der Linken-Chef ironisch mit Bezug auf den Waffenhersteller.

Von der Leyen gibt sich selbstkritisch

Die Ministerin selbst zeigte sich zerknirscht: "Teile meiner damaligen Arbeit entsprechen nicht den Maßstäben, die ich an mich selber stelle", erklärte von der Leyen kurz nach der Entscheidung ihrer Hannoveraner Hochschule, in der sie selbst als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet hatte. "Ich bin froh, dass die Universität nach eingehender Prüfung zum Schluss gekommen ist, dass meine Experimente für die medizinische Forschung relevant waren und die Arbeit insgesamt die wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt", stellte die CDU-Politikerin fest. Sie hatte sich mit dem Einsatz von Protein bei beginnenden Geburten befasst. Zu einer Tätigkeit als Gynäkologin kam es jedoch nicht.

Statt dessen machte die Tochter des früheren Ministerpräsidenten Ernst Albrecht Karriere in der Politik. Nach Stationen als Familienministerin und Arbeitsministerin gilt ihre jetzige Verwendung als Verteidigungsministerin als ultimativer Härtetest für noch Höheres. Der Verlust ihres Doktortitels hätte sie möglicherweise nicht aus der Bahn geworfen, aber hässliche Kratzer im Lack hinterlassen. Nun ist sie in den Kreis der potenziellen Merkel-Nachfolgerinnen zurückgekehrt.

Der gleichsam für höchste Staatsämter gehandelte Vor-Vorgänger von der Leyens, der CSU-Spitzenpolitiker Karl-Theodor zu Guttenberg, war 2011 über eine Plagiatsaffäre gestolpert. Er verlor seinen Doktortitel und gab unter gewaltigem Druck sein Amt als Verteidigungsminister auf. Auch er räumte Fehler ein, widersprach aber jeder vorsätzlichen Täuschungsabsicht. Es habe an seinem "chaotischen Arbeitsstil" gelegen, die gesammelten Texte nicht gleich mit Quellen versehen zu haben. Bei ihm wurden jedenfalls die Fehler auch als Fehlverhalten gewertet.

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