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Drogenaffäre um Volker Beck
Wenn Politik süchtig macht

Drogenaffäre um Volker Beck: Politik kann süchtig machen
Ein sichergestelltes Tütchen Crystal Meth. Der SPD-Politiker Michael Hartmann gab am im Sommer 2014 zu, die Droge konsumiert zu haben. Berichten zufolge soll sie auch bei Volker Beck gefunden worden sein. FOTO: dpa
Berlin. Die Drogenaffäre von Volker Beck wirft die Frage auf, wie sehr Rauschmittel im Politikbetrieb verbreitet sind. Und ob das politische Geschäft die Gefahren einer Abhängigkeit fördert. Der Blick hinter die Kulissen ist oft nebulös. Von Jan Drebes

Als Joschka Fischer 1983 erstmals mit den Grünen in den Bundestag einzog, bezeichnete er das Parlament in Bonn als "eine unglaubliche Alkoholikerversammlung, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps riecht". 33 Jahre später wurde der Grünen-Abgeordnete und Parteifreund Fischers, Volker Beck, am Dienstagabend in Berlin mit 0,6 Gramm einer "betäubungsmittelsuspekten Substanz" erwischt. So nennen es die Ermittler offiziell; die "Bild"-Zeitung glaubt, es sei die harte Droge Crystal Meth gewesen. Kurzerhand trat der 55-Jährige von sämtlichen politischen Ämtern in der Fraktion zurück. Und wieder einmal ist sie da, die Frage: Wie verbreitet sind Alkohol und andere Drogen bei unseren Volksvertretern? Und trifft es zu, dass insbesondere der Politikbetrieb in der Hauptstadt zur Sucht verleitet?

Bei Sommerfesten geht es ruhig zu

Unbestritten ist, dass sich die Zeiten bezüglich des offenen Alkoholkonsums von Politikern und deren Umfeld gewandelt haben. Weder bei politischen Sommerfesten noch in kleinen Hintergrundrunden wird heute exzessiv getrunken. Selbst bei Fraktionssitzungen, bei denen Journalisten nicht anwesend sind, stehen keine Bierflaschen mehr auf den Tischen. Das Glas Wein beim Mittagstisch gehört zur absoluten Ausnahme, stattdessen werden Kaffee, Tee, Wasser und Apfelschorle bestellt. Und sommerliche Empfänge wie die der Landesvertretungen zeichnen sich zwar immer auch durch ein reiches Angebot an regionalen Bier-, Wein- oder Schnapsspezialitäten aus. Aber nur wenige Gäste übertreiben es in den Gärten der Repräsentanzen mit dem Trinken.

Der Fall Detlef Kleinert

Bilder wie die des damaligen FDP-Abgeordneten Detlef Kleinert gehören damit wohl endgültig der Vergangenheit an. Er hatte 1994 stark lallend eine Rede im Bundestag gehalten und darin ausgerechnet die "Aufnahmefähigkeit eines Teils der Mitglieder des Hauses" als "offenbar nachhaltig eingeschränkt" bezeichnet.

Der gesamte Politikbetrieb zeigte sich denn auch überrascht vom Fall Beck. Ausgerechnet er als Innenpolitiker soll zu einer der härtesten illegalen Drogen gegriffen haben, die es auf dem Schwarzmarkt zu kaufen gibt? Sofort wird auch an Michael Hartmann erinnert. Der Mainzer SPD-Abgeordnete stolperte vor zwei Jahren ebenfalls über eine Drogenaffäre. Zwar ist er immer noch Mitglied der SPD-Fraktion, sein Amt als innenpolitischer Sprecher war er jedoch los. Über seinen Anwalt gab er zu, zeitweise Crystal Meth konsumiert zu haben. Zur Leistungssteigerung, wie es in der Erklärung hieß. Hartmann soll die Droge von einer Dealerin bezogen haben, die ihr Geschäft in einer Berliner Kleingartenkolonie betrieb. Beck wiederum wurde nach Angaben der "Bild" beim Verlassen einer Dealerwohnung im Berliner Westkiez Schöneberg beobachtet, Zivilfahnder griffen danach zu. Was sagt das über die Verbreitung illegaler Drogen im politischen Raumschiff Berlin aus?

Angeblich wusste niemand was

Aus Parlamentskreisen heißt es, dass weder Hartmanns Crystal-Meth-Konsum noch der angebliche Konsum Becks zuvor bekannt gewesen seien. Verwundert zeigt man sich auch darüber, dass eine solche Droge, die als billige und wegen ihrer massiv schädigenden Nebenwirkungen als schlechte Alternative zu Kokain gesehen wird, ausgerechnet bei gut verdienenden Abgeordneten auf dem Einkaufszettel stand. Über die Verbreitung harter Drogen im Bundestag gibt es also keine gesicherten Erkenntnisse. Ein Insider, der das Geschäft seit Jahren kennt, gibt jedoch an, dass Kokain in manchen Abgeordnetenbüros durchaus auch schon am Arbeitsplatz genommen worden sei - ebenfalls mit dem Hinweis auf den Wunsch nach Leistungssteigerung in einem stressigen Arbeitsumfeld.

Der Verdacht liegt also nahe, dass der Job eines Abgeordneten anfällig für Drogenkonsum und Suchtverhalten macht. Auch Politik und die damit verbundene Macht werden immer wieder als Droge beschrieben. Parlamentarier haben Privilegien wie Dienstwagen und Zugang zu exklusiven Veranstaltungen, sie genießen Prestige, Aufmerksamkeit und bei Erfolg auch Anerkennung im Wahlkreis und darüber hinaus. Macht kann süchtig machen, so haben es etwa Horst Seehofer (CSU), Julia Klöckner (CDU) oder der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann (SPD) in einer ARD-Reportage gesagt, die zuletzt 2013 ausgestrahlt wurde.

Der Nachschub ist gefährdet

Gerät diese Macht aber in Gefahr, etwa wenn der Konkurrenzdruck in der eigenen Partei und Fraktion wächst, ein politischer Wettstreit verloren geht oder die Wiederwahl fraglich ist, wird natürlich auch der Nachschub dieser besonderen Droge gefährdet. Wer sich dann darein flüchtet, die drohende Gefahr des Machtverlusts mit noch mehr Arbeit zu bekämpfen, kann schnell an die eigene Leistungsgrenze stoßen - und auf der Suche nach aufputschenden Mitteln sein. Crystal Meth eignet sich dafür aber am Arbeitsplatz angesichts enormer Nebenwirkungen wohl kaum.

Zwar zählen Drogenexperten wie der in Bayreuth praktizierende Facharzt für Psychiatrie, Roland Härtel-Petri, Leistungsträger etwa in Politik und Wirtschaft zu den klassischen Konsumentengruppen von Crystal Meth. Der Absturz nach dem Kick sei aber enorm. Häufig geht er einher mit extremem Schlafbedarf und akuten Depressionen. Und so wird in Berlin spekuliert, dass auch Hartmann die Droge nicht etwa zur Leistungssteigerung im Job, sondern im Privatleben genommen habe: Wer nach einem anstrengenden Berufsalltag noch fit für Unternehmungen im Nachtleben sein will, fühlt sich vielleicht von Crystal Meth angezogen, so die Theorie.

Unterdessen macht sich unter Politikern in Berlin eine ganz andere Sucht breit: die Abhängigkeit von sozialen Medien als Instrument für mehr Aufmerksamkeit. Vor allem Abgeordnete, die kein hohes Amt haben, seien anfällig dafür, heißt es im Regierungsviertel.

Quelle: RP
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