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Interview mit Marlene Mortler
"Drogenkarrieren beginnen mit Cannabis"

Drogenbeauftragte Marlene Mortler: Drogenkarrieren beginnen mit Cannabis
Marlene Mortler (CSU), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, im Gespräch mit der Rheinischen Post. FOTO: Endermann, Andreas
Düsseldorf. Marlene Mortler (CSU), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, lehnt die Legalisierung von Cannabis ab und spricht über die Gefahren synthetischer Stoffe.

Alle außer der Union wollen den Zugang zu Cannabis erleichtern. Fühlen Sie sich isoliert?

Marlene Mortler Weder im Deutschen Bundestag noch innerhalb der Europäischen Union gibt es hierfür Mehrheiten. Ich nehme wahr, dass eine Minderheit die Legalisierung von Cannabis fordert. Ich nehme aber auch wahr, dass der THC-Gehalt im Cannabis, also die rauscherzeugende Substanz, stark gestiegen ist. Damit ist das Suchtpotenzial von Cannabis deutlich größer geworden. Zudem lehnt die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger eine Freigabe ab. Und das ist gut so, denn auch Mediziner sagen mir, dass eine generelle Legalisierung aus gesundheitlicher Sicht unverantwortbar wäre. Wir bleiben also bei unserer Position: Cannabis als Medizin für schwerkranke Patienten ja, zum Freizeitkonsum nein.

Die Stadt Düsseldorf will einen Coffee-Shop zur legalen Ausgabe von Cannabis beantragen. Werden Sie zustimmen?

Mortler Jede Stadt hat das Recht, einen solchen Antrag zu stellen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn entscheidet, ob er genehmigt wird. Dieses Verfahren wird auch Düsseldorf durchlaufen. Ich muss aber hinzufügen, dass es nur ganz ganz wenige Kommunen gibt, die einen solchen Antrag stellen.

Mehrheit für legalen Cannabis-Verkauf in Düsseldorf

Was spricht gegen ein begrenztes Experiment mit Cannabis?

Mortler Es ist leicht, die Türen aufzumachen und Cannabis zu erlauben. Wenn es dann schief geht, ist es ungleich schwieriger, die Türen wieder zu schließen. Deshalb halten wir nichts davon.

Alkohol und Tabak sind ähnlich schädlich, wenn sie stark konsumiert werden. Warum wird nur Cannabis nicht legalisiert?

Mortler Es ist etwas anderes, ob ich eine seit jeher erlaubte Substanz verbiete oder eine gefährliche illegale Substanz legalisiere. Es geht auch um die Außenwirkung einer solchen Entscheidung. Cannabis ist fast immer dabei wenn Drogenkarrieren beginnen. Alle Suchthilfeeinrichtungen bestätigen, dass Drogenabhängige fast ausnahmslos immer auch Cannabis konsumieren oder konsumiert haben. Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, Cannabis sei harmlos.

Viele Experten erwarten, dass bei einer Entkriminalisierung der Droge die Zahl der Delikte zurückgeht. Ist das kein Argument für eine Freigabe?

Mortler Ich habe immer zuerst die Gesundheit im Blick. Und gerade für Kinder und Jugendliche bestehen enorme Gefahren. Wir sollten den Blick in der Rauschgiftkriminalität vielmehr auf die Verkäuferseite lenken. Alkohol richtet mehr Unheil an als Cannabis.

Hintergrund: Das sollten Sie über Cannabis wissen FOTO: dpa, ABIR SULTAN

Alkohol richtet mehr Unheil an als Cannabis.

Mortler Das ist richtig. Alleine 2,6 Millionen Kinder leben in einer suchtbelasteten Familie. 2,5 Millionen von ihnen in Alkoholiker-Haushalten. Das ist nicht hinnehmbar.

Was tun Sie dagegen?

Mortler Wir brauchen ein gesellschaftliches Umdenken im Umgang mit Alkohol. Es gibt erste gute Anzeichen. Als etwa US-Präsident Obama beim G7-Gipfel ein Weizenbier trank, drehte sich die Diskussion darum, ob es alkoholfrei war oder nicht. Das ist ein Fortschritt. Alkohol darf nicht zwingend als in der Gesellschaft dazugehörig angesehen werden.

Sollten Politiker überhaupt in der Öffentlichkeit trinken?

Mortler Politiker sollten glaubwürdig bleiben. Man darf daher in der Öffentlichkeit auch mal ein Gläschen Sekt oder Wein trinken. Ich selbst greife aber gerne zu einem alkoholfreien Bier. Und das tun andere zunehmend auch.

Das sind schöne Appelle. Haben Sie auch Mittel, den Alkoholkonsum zu verringern?

Mortler Wir haben über unsere vielfältigen Präventionsprojekte bereits viel erreicht. Der riskante Alkoholkonsum gerade von Kindern und Jugendlichen sinkt. Aber es gilt nicht nachzulassen. In allen Bereichen. Nehmen wir das Thema Schwangerschaft: Alkohol- und Tabakkonsum müssen während dieser Zeit absolut Tabu sein. Trotzdem haben wir jedes Jahr 2000 schwer geschädigte Neugeborene, die lebenslang auf Hilfe angewiesen sind. Ohne den Alkoholkonsum der Mutter wären sie gesund zur Welt gekommen. Hier müssen wir noch mehr tun. Mit meiner letzten Jahrestagung habe ich das Thema angepackt und Leitlinien entwickeln lassen, um die Aufklärung und Anwendung zu optimieren.

Mit der Marihuana-Bustour durch Denver FOTO: dpa, Heike Schmidt

Was halten Sie von der Regelung in Baden-Württemberg, ab 22 Uhr den Alkoholverkauf zu verbieten?

Mortler Das ist ein sehr guter Weg, um Jugendliche von übermäßigem Konsum abzuhalten. Das sagen uns alle Rettungsdienste und die Polizei. Ich würde eine Verkaufssperre für Alkohol ab 22 Uhr unbedingt befürworten.

Warum gibt es eine solche Regelung nicht in Bayern?

Mortler Das müssen Sie die bayerische Staatsregierung fragen.

Wo liegen die Schwierigkeiten im Kampf gegen Crystal Meth?

Mortler Das Problem war lange Zeit, dass der Grundstoff von Crystal Meth, Chlorephedrin, in Polen frei zugänglich war. Von dort gelangte er nach Tschechien und später als fertige Drogen nach Deutschland. Ein neues polnisches Gesetz soll dies eindämmen. Das war wichtig, denn vor allem im grenznahen Sachsen hat der Crystal-Meth-Konsum laut dem neuen sächsischen Drogen- und Suchtbericht zugenommen.

Gibt es ein Motiv, warum die Menschen Crystal Meth nehmen? Stichwort: Burnout, Leistungsdruck.

Mortler Die Leistungssteigerung ist schon das Motiv Nummer eins. Der typische Crystal-Meth-Konsument ist männlich, zwischen 20 und 30 Jahren alt, wobei der Konsum immer früher beginnt. Die Droge ist mittlerweile in jeder Gesellschaftsschaftschicht angekommen.

Wie dramatisch ist die Lage beim Konsum anderer synthetischer Drogen?

Mortler Wir haben ein großes Problem mit Neuen Psychoaktiven Substanzen (NPS, Anm. d. Red.), sogenannten "Legal Highs". Sie werden teilweise als Badesalze, Kräutermischungen oder dergleichen angeboten. Die Leute kaufen die Drogen anonym im Netz bei dubiosen Shops in Asien und konsumieren sie anschließend, ohne zu wissen, was eigentlich drin ist. Es gibt einige Zahlen zum Konsum von derartigen Drogen, doch die entscheidende Dunkelziffer schätzen wir weitaus höher ein. Alleine im letzten Jahr sind in Deutschland 25 Menschen nach dem Konsum solcher Substanzen ums Leben gekommen.

Können Sie von politischer Seite etwas gegen den stetig steigenden Konsum dieser Drogen tun?

Mortler Viele dieser Substanzen sind vermeintlich legal. Sie fallen nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Deshalb sind wir ständig hinterher, neue Änderungen im Gesetz zu erwirken. Das Ziel muss es aber sein, dass wir am Ende so schnell reagieren können,  dass alle neuen Substanzen auf dem Markt automatisch illegal werden.

Sie wollen also das Betäubungsmittelgesetz grundlegend verschärfen.

Mortler Wir arbeiten an Gesetzesregelungen, mit denen Neue Psychoaktive Substanzen effektiver verboten werden können. Wir werden dies so schnell wie möglich im Bundestag verabschieden.

Wie kritisch sehen Sie Tabakwerbung?

Mortler Ich strebe ein breitgefächertes Verbot an. Konkret soll es künftig keine Plakat-Außenwerbung sowie Kinowerbung für Tabak geben. Deutschland hat im Zuge der Tabakrahmen-Konvention vor vielen Jahren unterschrieben, dass wir die Tabakwerbung einstellen. Neben Bulgarien – das für mich in diesem Bereich kein Maßstab ist – sind wir das letzte EU-Land, das diese Regelung noch nicht umgesetzt hat.

Ab 2016 gibt es demnach außer an den Verkaufsstellen keine Tabakwerbung mehr?

Mortler So ist es.

Wie viele Menschen rauchen heute noch?

Mortler Schätzungsweise noch gut jeder Dritte. Aber der Konsum ist in allen Altersklassen leicht rückläufig. Bei Frauen geht er allerdings langsamer zurück als bei Männern.

DAS GESPRÄCH IN DER DÜSSELDORFER REDAKTION FASSTEN MARTIN KESSLER UND PHILIPP JACOBS ZUSAMMEN.

Quelle: RP
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