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Erzbischof Heiner Koch
Eine Verwässerung des Ehebegriffs

Ehe für alle: Eine Verwässerung des Ehebegriffs
"Die Verfasser des Grundgesetzes haben die Ehe in das Grundgesetz aufgenommen, weil sie die schützen wollten, die als Mütter und Väter Kindern das Leben schenken wollen": Erzbischof Heiner Koch. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch kritisiert die Entscheidung im Bundestag als hektisch durchgepeitschtes Wahlkampfthema. Vor allem aber bedeute die Öffnung der Ehe auch eine inhaltliche Schwächung des kirchlichen Eheverständnisses. Ein Gastbeitrag. Von Heiner Koch

Eigentlich müssten wir uns doch freuen. Seit Jahren beklagen wir, dass immer weniger Menschen heiraten, seit Jahren unternehmen wir manches, um Menschen zu einem verbindlichen "Ja" zueinander bewegen, "bis dass der Tod Euch scheidet", wie es übrigens nach wie vor auch auf dem Standesamt heißt. Mit zugegeben mäßigem Erfolg. Gleichzeitig sind die Scheidungszahlen weiter hoch; die Zahl der Kinder, die aus Ehen hervorgehen, stagniert ebenfalls, ganz egal was wir auch machen. Unsere Erfahrung zeigt: Schimpfen, Jammern und Klagen hilft nicht, aber auch freundliche Ermutigungen haben das "Ja" zur Ehe nicht wirklich attraktiver gemacht.

Kindern das Leben schenken

Also müssten wir uns wirklich freuen, dass jetzt - zwischen Sommerloch und Wahlkampf - die Bundesrepublik Deutschland, allen voran der Bundestag, die Ehe für sich entdeckt, und zwar für alle. Plötzlich sieht es so aus, als wäre die Ehe das einzig wirklich erstrebenswerte, als wäre man nur dafür Jahr für Jahr zur Christopher Street Day-Parade auf die Straße gegangen.

Doch worum geht es? Die Verfasser des Grundgesetzes haben die Ehe in das Grundgesetz aufgenommen, weil sie die schützen wollten, die als Mütter und Väter Kindern das Leben schenken wollen. Wird jetzt vor allem der Schutz von Beziehungen und die Übernahme der Verantwortung füreinander als Begründung für die Öffnung der Ehe vorgebracht, so bedeutet dies eine wesentliche inhaltliche Umgewichtung und eine Verwässerung des klassischen Ehebegriffs.

Wenn Umfragen durchgeführt werden, ob Menschen generell für die Unterstützung verbindlicher menschlicher Beziehungen sind, werden die zustimmenden Antworten als Bestätigung für die Veränderung des Ehebegriffs gewertet. Das aber ist Nebelwerferei, die die eigentliche inhaltliche Verschiebung verschleiern will. Nur so ist es übrigens auch zu erklären, dass viele der sogenannten 68er ,die jetzt in Lobbygruppen, aber auch im Parlament politische Entscheidungen prägen, eine Kehrtwende vollzogen haben: Kämpften sie bislang gegen das lebensfeindliche Auslaufmodell Ehe, so gehören sie nun zu den glühenden Verfechtern der Ehe für alle als die Lösung für alle Fragen von Gleichberechtigung, Verbindlichkeit und Zusammenhalt, als das Ende der Diskriminierung.

Verzweckung aus wahlkampftaktischen Gründen

Die Debatte im Bundestag sah zwar weitgehend von persönlichen Verunglimpfungen ab, betonte auch den Respekt vor der Gewissensentscheidung, das gesamte Verfahren hat mich aber vor allem wegen der Verzweckung aus wahlkampftaktischen Gründen enttäuscht. Ein hektisches Durchpeitschen kurz vor Ende der Legislaturperiode wird dem Thema und dem Gewicht, das Ehe und Familie für uns haben, nicht gerecht. Das hat die Ehe nicht verdient.

Wir sind als katholische Kirche in der Frage nach der Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe zwischen Mann und Frau auch nach unserer Position gefragt worden. Die sehen wir ganz in der Linie des Grundgesetzes, das nach unserer Auslegung der Ehe eine besondere Bedeutung gab, weil es in ihr den Ort sieht, Kindern aus dieser Ehe heraus Leben und eine dauerhafte Heimat zu geben. Wer diese Definition ändern will, muss liefern. Offen ist für mich auch die Frage, wie der Staat Verbindlichkeit in menschlichen Beziehungen politisch stärken soll.

Grünen-Politiker Volker Beck beruft sich im Reformationsjahr auf Martin Luther, für den die Ehe bekanntlich ein "weltlich Ding" war. Wenn evangelische Landeskirchen schon jetzt gleichgeschlechtliche Partnerschaften in der Kirche vor dem Altar wie eine Trauung behandeln, ist das nicht wirklich weltlich, sondern entspricht dem Wunsch der Paare nach einer sehr geistlichen Bestätigung und Segnung ihrer Liebe. Wenn mit dem Verweis auf das "weltlich Ding" gemeint ist, dass die Ehe für uns ein Sakrament ist und für die evangelische Kirche nicht, wenn damit gemeint ist, dass wir uns an dieser Stelle ökumenisch nicht wirklich einig sind, weder theologisch noch praktisch, stimme ich dem zu. Aber ein "weltlich Ding"? Für die katholische Kirche will ich daran erinnern, dass der sakramentale Charakter unseres Eheverständnisses von der heutigen Entscheidung im Deutschen Bundestag unberührt bleibt.

Schon seit Bismarck

Dass wir in Deutschland schon seit Bismarck eine Unterscheidung zwischen der Zivilehe und der kirchlichen Trauung haben, ist richtig und dahin will auch niemand zurück. Dass wir uns als Kirche nicht einmischen, wenn der Staat seine Angelegenheiten regelt, bestreiten wir auch nicht. Und es versteht sich von selbst, dass wir uns aus parteipolitischen und wahlkampftaktischen Überlegungen raushalten. Aber den Anspruch, mich politisch zu äußern, werde ich nicht aufgeben - weder für mich als Bischof noch für die vielen, die sich als katholische Christen für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft einsetzen. Dazu gehört auch das Engagement gegen jegliche Form von Diskriminierung, sei es wegen des Geschlechts, der Herkunft oder der sexuellen Orientierung. Gerade in der jetzt geführten Debatte wäre es ein Missverständnis , die hervorgehobene Rechtsstellung der Ehe und ihren bleibenden besonderen Schutz als Diskriminierung homosexuell veranlagter Männer und Frauen zu verstehen. Als Kirche haben wir Respekt für jene gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, in denen über viele Jahre hinweg gegenseitige Verantwortung und Fürsorge übernommen wird.

Als katholische Kirche werden wir uns nun verstärkt der Herausforderung stellen, die Lebenskraft des katholischen Eheverständnisses, wie es auch Papst Franziskus immer wieder klar benennt, überzeugend zu verdeutlichen und in der Öffentlichkeit einladend zu vertreten.

Quelle: RP
 
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