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Jesidischer Flüchtling
Ein Selfie mit Merkel machte Shaker Alias Kedida berühmt

Berlin. Sein Bild mit der Kanzlerin ging um die Welt, wurde zum Sinnbild der Flüchtlingsdebatte. Seinen Namen kannte damals fast niemand. Das ist die Geschichte von Shaker Alias Kedida und seiner Flucht. Von Constantin Magnis

Der Mann, dessen Bild um die Welt ging, ist noch etwas verschlafen. Er war noch in München, bei Verwandten. Dann kam der Anruf, dass ein Reporter ihn sprechen wolle. Er hat sich sofort in den Zug gesetzt. Um fünf Uhr morgens war er wieder in Berlin. Sich der deutschen Presse zur Verfügung zu stellen, ist für ihn eine Frage der Ehre, eine Pflicht.

Im September vergangenen Jahres entstand ein Foto, das einen Mann ohne Namen vor einem Flüchtlingsheim bei der Aufnahme eines Selfies mit der Kanzlerin zeigt. Dieses wurde zum Sinnbild der Flüchtlingsdebatte.

Seit Monaten wird in Deutschland kontrovers darüber diskutiert, ob diese Bilder den Flüchtlingsstrom verstärkt haben. "Die Selfie-Bilder zeigen schon durch die körperliche Nähe zur Kanzlerin: Flüchtlinge sind hier willkommen", sagt der Social-Media-Forscher Christoph Bieber. "Sicher geht davon eine große Wirkung aus. Allerdings lässt sich kaum beurteilen, inwieweit das etwa individuelle Entscheidungen zur Flucht beeinflusst." Für Kritiker steht trotzdem fest: Merkel hat mit solchen Fotos die Menschen ermuntert, nach Deutschland zu kommen.

Shaker Alias Kedida ist Jeside aus dem Irak

Das Foto erzählt nicht, wer der zierliche Schnurrbartträger ist: Shaker Alias Kedida, geboren 1975 in Mossul, Jeside aus dem Irak, führt durch die Gänge seiner Unterkunft, er lebt immer noch dort, wo das Foto entstand.

Dies ist seine Geschichte: Das Unglück hat begonnen, als sie Saddam Hussein aufgehängt haben, sagt Shaker. Jesiden wurden im Irak seit jeher ausgegrenzt und misshandelt. Aber Shaker, seine Frau und ihre fünf Kinder leben in Frieden in einem Dorf bei Mossul. Shaker hat ein Haus und ein Feld, auf dem er Gemüse anbaut. Er hat einen roten Traktor und einige Hühner und Schafe. Es geht ihm gut.

Dann stürzen die Amerikaner Saddam, und als sie 2011 wieder abziehen, versinkt der Irak im Chaos. Regelmäßig werden jesidische Dörfer jetzt von Terroristen und Freischärlern überfallen. Shaker und seine Familie leben in Angst.

Männer des Dorfes massakriert, Frauen verschleppt

Im Juni 2014 rollen Panzer der irakischen Armee in sein Dorf. Mörderbanden des IS seien auf dem Weg hierher, sagen die Soldaten. Am 2. August geben diese überstürzt ihre Stellungen auf. Shaker weiß, er wird hier nicht überleben. Er nimmt all sein Geld, packt die Familie und 240 Liter Benzin auf den Anhänger seines Traktors. Sein jüngstes Kind ist anderthalb Jahre alt, sein ältestes elf. Durch die Staubwolke der flüchtenden Armee fahren sie davon.

Der IS kommt am nächsten Tag, massakriert die Männer des Dorfes und verschleppt die Frauen. Shakers Traktor hat da bereits die türkische Grenze erreicht. Doch kurdische Kämpfer haben sie abgeriegelt. Shakers Familie flüchtet durchs Gebirge in die Kurdenprovinz Dohuk.

Ende August 2014 haben etwa eine halbe Million Flüchtlinge Dohuk erreicht. Sie schlafen in Turnhallen, Bauruinen oder Parks. Shaker hat Glück. Ein Kurde gibt ihm eine Wohnung. Dort lebt er mit seiner Familie, seinen Eltern und seinen zwei Brüdern sowie deren Familien.

Es ist eng, sie haben Hunger und kaum noch Geld, Shaker spürt, wie sich die Gastfreundschaft nach und nach erschöpft. Er ist 42 Jahre alt. Vielleicht, sagt er sich, lebt er nur noch zehn oder 15 Jahre. Diese Jahre will er glücklich und in Frieden verbringen. In Deutschland.

Er wählt aus Furcht vor dem Meer den Landweg

Sein Onkel ist vor zwölf Jahren als Flüchtling nach München gekommen, zwei Jahre später seine Schwester. Deshalb hofft Shaker, dass auch er in Deutschland Schutz und Gerechtigkeit finden wird.

Shaker verkauft seinen Traktor und den Goldschmuck seiner Frau. Umgerechnet 10.000 Dollar bekommt er dafür. Es ist der Preis für die Reise nach Deutschland, den er im örtlichen Schlepperbüro zahlen muss. Er unterschreibt eine Quittung. Das Geld behält die Familie, gezahlt wird erst nach sicherer Ankunft. Er flieht alleine, seine Familie will er nachholen.

Am 11. Juni 2015 verlässt Shaker den Irak. Aus Furcht vor dem Meer wählt er den Landweg. Er läuft zu Fuß in die Türkei, ein Wagen bringt ihn nach Istanbul, von dort schafft ein Transporter ihn und 23 andere nach Bulgarien. Dort geht es wieder zu Fuß weiter. Ein Schleuser führt die Gruppe durchs Gebirge, aber ihm fällt sein GPS-Empfänger ins Wasser. Tagelang irren sie umher.

Über Serbien reist Shaker weiter nach Ungarn. In Budapest steckt ihn die Polizei ins Gefängnis, nimmt ihm alles Geld und sein Handy ab. Nichts davon erhält er zurück, als er drei Tage später freikommt. Schließlich wird er mit 35 anderen Flüchtlingen in einem Kühlwagen über Polen nach Deutschland transportiert.

In Notunterkunft Berlin-Moabit untergebracht

Um 2 Uhr am Morgen des 5. Juli 2015 setzen die Schleuser Shaker an einer Straße bei Dresden aus. Er ist überglücklich und stellt sich der Polizei. Die hält ihn zwei Tage fest und schickt ihn dann zum Lageso nach Berlin. Dort leiht er sich ein Handy und meldet seiner Familie, dass er es geschafft hat.

Shaker wird in einer Notunterkunft in Berlin-Moabit untergebracht, wenig später sieht er seine Schwester wieder. Zum ersten Mal seit neun Jahren. Sie umarmen sich und weinen. Sie verkauft Döner in München und bringt ihm ein Smartphone. Über Facebook ist er jetzt wieder mit der Familie im Irak verbunden. Er schickt ihnen Bilder, von ihm auf einer Parkbank oder vor dem Brandenburger Tor. Sie schicken ihm Bilder von ertrunkenen Flüchtlingen, verstümmelten Kindern, qualmenden Dorfruinen und gelynchten IS-Kämpfern.

Shaker wird schließlich in Berlin-Spandau untergebracht. In einem Flüchtlingsheim der Arbeiterwohlfahrt teilt er sich ein Zimmer mit drei anderen Jesiden.

Dass sich am 10. September 2015 die Bundeskanzlerin dort persönlich ein Bild machen würde, weiß er nicht. Auf dem Weg nach draußen versperren ihm auf einmal Sicherheitsleute den Weg. Und dann sieht er Angela Merkel im Licht der gerade durch die Wolken brechenden Sonne, umringt von Menschen.

Shaker nennt Angela Merkel die Schutzpatronin der Jesiden

Merkel, sagt er, ist die Schutzpatronin der Jesiden. Für Shaker war es Merkel, die im vergangenen Sommer Bomben über dem IS und Hilfsgüter für die Jesiden abwerfen ließ. Sie hat dem Volk der Jesiden in Deutschland eine neue Heimat, einen neuen Staat geschaffen, sagt er. Nicht für kurze Zeit, sondern für immer. "Unsere Tante, unser Lächeln, unsere Krone", so nennt man Merkel im Irak. Ihr Name, sagt Shaker, ist für alle Ewigkeiten eingeschrieben in unsere Volksgeschichte.

Und jetzt steht die Schutzpatronin vor ihm. Merkel hatte nach dem Besuch der Unterkunft eigentlich einen zügigen Abmarsch geplant. Aber dann bleibt sie am Ausgang des Heimes im Auflauf der Menschen stecken, alle wollen ein Bild mit ihr, sie lässt es bereitwillig zu.

Shaker will auch ein Foto, die Security stoppt ihn. Aber Merkel sieht ihn und winkt ihn heran. Er zögert nicht. Wenn die Kanzlerin ruft, muss man kommen, sagt Shaker, das ist Gesetz. Er legt ihr mutig den Arm um, sie fährt kaum merklich den Ellbogen aus. Er will ihr sagen, dass er kurdischer Jeside ist. Sie lächelt und sagt: "Ja, danke, danke." Wie Shaker da so steht, ist er plötzlich sehr verlegen. Er weiß: Es gilt jetzt, ein Foto zu machen, aber seine Hand zittert. Dann drückt er ab.

Die Freunde überschlagen sich in Kommentaren

Ihm gegenüber steht Bernd von Jutrczenka, Fotochef der DPA, und knipst ebenfalls. Er hat heute schon Dutzende solcher Bilder gemacht, aber dieses ist ein besonderes. Die Sonne, der bescheiden lächelnde Mann. Es könnte das Foto des Tages werden, denkt er. Es wird ein Bild des Jahres. Doch am nächsten Tag, sagt von Jutrczenka, läuft es bei der DPA zunächst nur mittelmäßig.

Shaker postet das Selfie auf Facebook. "Heute mit der Tante im Heim in Spandau, Berlin", schreibt er dazu. 1600 Likes bekommt das Bild, die Freunde überschlagen sich in den Kommentaren vor Freude. "Gott erhalte uns die Tante", schreiben sie. "Die beste Frau der Welt" oder: "Sei stolz auf das Foto mit der Schutzpatronin der Flüchtlinge."

Dieser Text ist vorab im Nachrichtenmagazin "Cicero" erschienen.

Quelle: RP
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