Gegenentwurf zu von der Leyen: Eine "Super-Nanny" für die SPD
VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 07.07.2009 - 07:23Velbert (RP). SPD-Generalsekretär Hubertus Heil holt sich Wahlkampfhilfe bei der "Super Nanny". Schatten-Ministerin wolle sie nicht werden, erklärt Katharina Saalfrank, die als roter Gegenentwurf zu Ursula von der Leyen Punkte machen soll.
Schon lange bevor Katharina Saalfrank den früheren Gottesdienst-Raum im Offenen Bürgerforum Velbert-Bilo betritt, ist die Luft vollständig aufgebraucht. Gut 150 Velberter drängeln sich auf der engen Bestuhlung in Erwartung der "Super Nanny", die mit SPD-Generalsekretär Hubertus Heil auf Tournee ist. Achtmal in fünf Bundesländern soll es die lockere Polit-Plauder-Show "Bildung und Erziehung. Was brauchen unsere Kinder?" geben, mit der die SPD Wahlkampf für ihre familienpolitischen Vorstellungen machen will. Dazu braucht man einen Auftritt, der schon optisch als Gegenentwurf zu Ursula von der Leyen was hermachen muss.
Für den Inhalt sorgen andere. Kerstin Griese zum Beispiel, die in Velbert die SPD-Wahlkreisabgeordnete ist, im Bundestag dem Familienausschuss vorsitzt und im Parteivorstand dem Forum Familie, in das sie Katharina Saalfrank vor einem Jahr berufen hat.
Im Velberter Bürgerforum macht sie die gleiche Erfahrung, die der Generalsekretär im vergangenen Jahr schon in Peine gemacht hat: Wenn du die "Super Nanny" mitbringst, hören die Leute sich sogar die familienpolitischen Vorstellungen der SPD an. Man darf nur nicht vergessen, sie in die etwas wolkigen Ansichten Saalfranks hineinzumoderieren. Die "Super Nanny", in deren Fernseh-Sendung renitente Kinder wahlweise auf die so genannte "stille Treppe" oder ins "Wut-Zelt" müssen, mag nämlich schon den Begriff Erziehung nicht. "Ich mag Beziehung. Da ist alles drin", erklärt sie.
Braungebrannt im ärmellosen schwarzen Rolli, mit braunen Leder-Schlappen unter der grauen Flausch-Schlaghose, mit Fußkettchen, aber ohne Uhr, sitzt Katharina Saalfrank so hingegossen wie ihre langen schwarzen Haare in einem wuchtigen roten Sessel zwischen Heil und Griese. "Katja" sagen sie zu der 37-jährigen Mutter von vier Kindern. Doch, ja: So wie sie wäre eine "rote" Ursula von der Leyen. Vater Pfarrer, Mutter Lehrerin, sie selbst die Älteste von fünf Geschwistern, Diplom-Pädagogin, Musik-Therapeutin, eine Sehenswürdigkeit. Der man nicht übel nimmt, wenn's mal sehr seicht wird. Von Problemen in den Familien mag sie nicht sprechen. "Es gibt halt Situationen, wo es schwierig ist", sagt sie lieber.
Klar, dass man ihr da mit Kategorien wie Richtig oder Falsch gar nicht erst zu kommen braucht. "Mmh, das war jetzt nicht so gut", sagt sie dann lieber. Dazwischen bleibt genug Luft für Heil, der sich gewohnheitsgemäß in die Rolle des Moderators gefunden hat, mit Griese ein bisschen Wahlprogramm einzustreuen. Dass man natürlich Kinderrechte gerne ins Grundgesetz hätte, aber die CDU halt dagegen sei. Immerhin habe man ja bereits das Kinderrecht auf eine gewaltfreie Erziehung gesichert. "Was iss'n gewaltfrei", fragt die "Super Nanny" plötzlich funkelnd und streicht sich die langen schwarzen Haare hinters Ohr. "Hinter geschlossenen Türen findet mehr statt, als man sich vorstellen kann", sagt sie.
Dass sie das nicht hinter diesen Türen belässt, sondern Eltern und Kinder in die RTL-Öffentlichkeit zerrt, die Gezeigten damit bloßstellt, das finden nicht alle 150 Niederberger im Saal gut. Einige sind auch nur gekommen, um ihr das mal zu sagen. Der SPD-General kann nicht erkennen, dass bei Saalfrank Menschen vorgeführt werden, Griese findet, es verdiene Respekt, "in was für schreckliche Situationen du da reingehst".
Vor allem aber kann Saalfrank aus der Baumschul-Perspektive erklären, warum Turbo-Abi und Schnellabschluss-Studium nix taugen: "Bildung geht nicht schnell, da kann sich nichts entwickeln. Man kann auch eine Blume nur gießen und nicht an ihr ziehen. Davon wird sie nicht groß." Gute Bildung mache eben auch aus, dass man die Welt erfahren und begreifen dürfe "und nicht nur lernen, lernen, lernen". Na gut, das steht jetzt so nicht im SPD-Programm, aber dafür ja immerhin die Abschaffung von Studiengebühren. Außerdem gibt es Heil die Gelegenheit, mal kurz Generalsekretär zu sein: "Wer Ihnen in diesem Wahlkampf Steuersenkungen verspricht, führt sie hinter die Mühle. Ich finde das unredlich, wir brauchen das Geld für Bildung und Familien."
Nein, antwortet sie artig auf Journalisten-Fragen, sie wolle nicht Schatten-Familienministerin in Steinmeiers Küchen-Kabinett werden. Irgendwie sich einbringen will sie schon, aber eigentlich ist ihr Politik zu langsam. "Und wenn überhaupt", assistiert Kerstin Griese strahlend, "müsste es dann ja wohl nicht Schatten-, sondern Sonnenministerin heißen." Es ist fast wie im richtigen RTL-Leben: Wenn die Super-Nanny gerufen wird, dann ist es meist ganz schlimm.
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