Der Fall Karl-Heinz Kurras: Ende der 68er-Lebenslüge
VON GERT KAISER - zuletzt aktualisiert: 29.05.2009 - 07:31Düsseldorf (RP). Der frühere Rektor der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Gert Kaiser, meint: Die 68er-Bewegung wäre erloschen, hätten die Studenten gewusst, dass Karl-Heinz Kurras Stasi-Spitzel war.
Die Lebenslüge der 68er-Bewegung war ihre Behauptung, dass sie die linke Politik in Deutschland selber erfunden und dass die DDR damit nichts zu tun habe. Um sich von den dogmatischen Kommunisten jenseits der Mauer abzusetzen, nannte sie sich die kritische Linke. Sie berief sich auf die Frankfurter Vordenker Adorno, Horkheimer und dann Habermas.
Es wurde alles theoretisch Mögliche unternommen, um mit den Beton-Kommunisten in der DDR und UdSSR nicht in einen Topf gerührt zu werden. Politisch konnte man sich mit den "Genossen" des Warschauer Paktes ja nicht mehr sehen lassen – theoretisch schon gar nicht.
Ja, die linken Theoretiker standen nicht an, den realen Sozialismus in der DDR zu verunglimpfen und ihm mit der Befreiung durch den utopischen Sozialismus zu drohen. Diese eifernde Selbsttäuschung, dass man eine DDR-freie linke Theorie entwickelt habe, sie ist gelungen. Und sie hat gewaltige gesellschaftliche Wirkungen entfaltet.
Vieles wäre anders gekommen
Hätten wir damals erfahren, dass Benno Ohnesorg von einem bezahlten Stasi-Agenten erschossen worden war – vieles wäre anders gekommen. Der ganze großartige Schwung der Studentenbewegung wäre in sich zusammengebrochen. Die ganze Dynamik des Aufbegehrens gegen Professoren, Lehrer, Politiker, gegen Eltern und Großeltern hätte ihre Unschuld verloren. Die vielen auch ästhetisch gelungenen Unverschämtheiten des Antiautoritären hätten kaum Resonanz gefunden.
Selbst die große Empörung gegen die Notstandsgesetze hätte sich nur krampfhaft rechtfertigen können – wenn sie denn überhaupt entstanden wäre. Und die vollmundige Befreiungsrhetorik jener Jahre wäre uns schal vorgekommen. Und wir hätten nicht die aggressiven Bilder der sexuellen Selbstbefreiung gehabt – was man auch bedauern könnte.
Alles in allem: die linke Protestbewegung wäre dem latenten Verdacht der Fernsteuerung aus Moskau oder Ostberlin nicht entkommen. Und wer sich dauernd rechtfertigen muss, der entfaltet keinen Schwung, schon gar keine gesellschaftliche Dynamik.
Da hätten auch die linken Bewegungen in Italien und Frankreich nichts vermocht und schon gar nicht die Blumenkinder aus den USA. Im Gegenteil, auch sie wären unter Rechtfertigungszwang geraten. Gewiß, es hätte – vor allem an den Universitäten – weiterhin heftige linke Diskussionen und Aktionen gegeben, aber sie wären niemals zu einer gesellschaftlichen Schwungmasse geworden.
Man erschrickt eigentlich vor dem Gedanken, dass eine einzige Information, nämlich die Stasi-Zugehörigkeit des Todesschützen, den Gang der Geschichte verändert hätte. Dass die grundstürzenden gesellschaftlichen Entwicklungen seit den siebziger Jahren mit ihren gewaltigen Verschiebungen des Wertesystems gar nicht stattgefunden hätten oder ganz anders verlaufen wären.
Es hat sich ja heute ein Konsens darüber hergestellt, dass diese Bewegung zu einer Beendigung der restaurativen Nachkriegsjahre, ja zu einer Erneuerung der Demokratie, zu einer wirklichen Gleichstellung der Frauen geführt hat.
Haben wir diesen Konsens womöglich schön gebetet? Eine der Errungenschaften des linken Denkens ist die Forderung nach kritischer Selbstreflexion. Die Öffentlichkeit erwartet das jetzt, von den Wortführern des linken "mainstream" ebenso wie von den Mitschwimmern.
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