Irak: Entführer drohen deutsche Geiseln zu ermorden
zuletzt aktualisiert: 01.02.2006 - 19:54Berlin (rpo). Nach der Ausstrahlung des 72-Stunden-Ultimatums im arabischen Fernsehen schweben die beiden im Irak entführten deutschen Geiseln offenbar in akuter Lebensgefahr. "Die Lage entwickelt sich auch nach unserer Beurteilung ernst", bestätigte Außenminister Steinmeier. Jetzt stellte die Regierung klar: Sie werde kein Lösegeld für die beiden Ingenieure zahlen. Unterdessen appellieren Anghörige und Freunde an die Entführer, ihre Geiseln unbeschadet freizugeben.
Der Chef und die Arbeitskollegen der beiden sächsischen Ingenieure wollten nach Mahnwachen und Gedenkgottesdiensten weitere Aktionen starten. Cryotec-Chef Peter Bienert rief die Entführer zur Freilassung seiner Mitarbeiter auf. Seine Firma betrachte ihre Tätigkeit "als ein Stück Entwicklungshilfe im weitesten Sinn", sagte Bienert in einem Interview mit Radio PSR. Das sächsische Unternehmen richtete einen Krisenstab ein. Der Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, Christian Führer, kündigte für Donnerstag und Montag weitere Mahnwachen an. Bereits am vergangenen Montag hatte es eine erste Mahnwache für die beiden Irak-Geiseln gegeben.
Cryotec rief darüber hinaus bundesweit alle Fussballvereine auf, bei den Spielen am Wochenende ein Zeichen der Solidarität mit den Geiseln zu setzen. "Es ist wichtig, jetzt Kraft zu sammeln und diese Kraft in den Irak weiterzuleiten", sagte Firmensprecherin Karin Bernd in Leipzig. Pfarrer Führer betonte, dass ausdrücklich auch die Bundesliga aufgerufen sei.
Forderungen der Entführer
In dem Band forderten die Entführer die Bundesregierung auf, die deutsche Botschaft in Bagdad zu schließen und die Zusammenarbeit mit den irakischen Behörden einzustellen. Zudem sollten sich alle deutschen Firmen aus dem Irak zurückziehen.
Eine Stellungnahme zu den Forderungen der Entführer lehnte das Auswärtige Amt ab. Dies würde auch Aufschluss geben über "unsere operativen Überlegungen", sagte ein Ministeriumssprecher. Die Zahlung von Lösegeld werde weiter abgelehnt, betonte er. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), sagte, der Staat dürfe sich nicht erpressen lassen. "Es muss unser politisches Ziel bleiben, auf einen stabilen Irak hinzuwirken", sagte Polenz der Berliner Tageszeitung "B.Z." (Donnerstagsausgabe).
Die Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke waren am Dienstag vergangener Woche in der nordirakischen Stadt Baidschi entführt worden. Bereits drei Tage nach der Entführung hatte El Dschasira ein Video der Gruppe Ansar el Tawhid wal Sunna ausgestrahlt, auf dem die beiden Männer am Boden kauernd mit vier bewaffneten, vermummten Geiselnehmern zu sehen waren.
Am Vormittag hatte Steinmeier das Bundeskabinett in Berlin über die Lage informiert. Dabei ging es den Angaben zufolge um die Auswertung des Videos, das auf den 29. Januar datiert ist. Darin setzen die Entführer eine Frist von 72 Stunden, binnen derer die deutsche Botschaft in Bagdad geschlossen und jegliche Zusammenarbeit Deutschlands mit dem Irak eingestellt werden soll. Zudem sollen alle deutschen Firmen ihr Personal abziehen. Andernfalls würden die Geiseln getötet.
Steinmeier sprach vom "Zeugnis einer menschenverachtenden Tat", die von der Bundesregierung scharf verurteilt werde. Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) sagte, das neue Video zeige die ganze Brutalität dieses Verbrechens. "Wir können nur hoffen und an die Entführer appellieren, dass sie die Geiseln menschenwürdig behandeln und zu realistischen Verhandlungen zurückkehren."
In deutschen Geheimdienstkreisen werden die Geiselnehmer als "unberechenbar" eingestuft. Die Entführer zögen "überhaupt nicht in Rechnung, dass Deutschland als ein souveräner Staat nicht auf ihre Forderungen im entferntesten eingehen kann", sagte ein Mitarbeiter gegenüber der Nachrichtenagentur ddp. Für Grünen-Fraktionsvize Jürgen Trittin ist es unvorstellbar, dass sich Deutschland erpressen lässt. Das werde "sicherlich nicht gehen".
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