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Schmähkritik-Affäre
Angela Merkel ermächtigt Jan Böhmermann

Erdogan-Gedicht- Angela Merkel ermächtigt Jan Böhmermann
Spätestens jetzt ist Jan Böhmermann der bekannteste TV-Moderator des Landes. FOTO: dpa, sab
Meinung | Düsseldorf. Die Bundesregierung lässt Erdogans Strafverlangen gegen Jan Böhmermann zu. Etwas Besseres hätte dem Satiriker nicht passieren können. Er ist der einzige Gewinner der Schmähkritik-Affäre. Von Sebastian Dalkowski

Der blasse Junge hat gesiegt. Wieder einmal. Bei aller Sorge um seine Zukunft, um die eigene Sicherheit und die seiner Familie – Jan Böhmermann dürfte auch so etwas wie Triumph verspürt haben, als Angela Merkel im Fernsehen bekanntgab, das Strafverlangen Erdogans gegen ihn zuzulassen. Denn spätestens jetzt ist er der einzige der Beteiligten, der als Gewinner aus der Schmähgedicht-Affäre hervorgeht.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat schon durch das Einbestellen des deutschen Botschafters nach dem Beitrag der Satiresendung "Extra 3" sein wahres Gesicht gezeigt. Dass er es dann aber noch als nötig erachtete, gegen den Moderator einer ausländischen Spartensendung vorzugehen, zeigt, wie eitel und leicht erregbar er ist.

Angela Merkel kann man vorwerfen, sich nicht genügend für die Meinungsfreiheit eingesetzt zu haben. Daran ändert auch ihre Aussage nichts, dass die Zulassung der Strafverfolgung keine Vorverurteilung Böhmermanns sei. Schon dass sie es sagen muss, spricht für sich.

Das ZDF hat es versäumt, sich ausreichend vor seinen Moderator zu stellen. Trotz Beteuerungen bei Twitter. So gab der Sender dem Ersuchen von ZDF-Redakteuren nicht nach, die Schmähkritik, die er aus der Mediathek hatte entfernen lassen, wieder ins Netz zu stellen. Außerdem hat der Sender nun ein Problem: Böhmermann ist jetzt der bekannteste TV-Moderator des Landes. So einen Typen in einigen Wochen wieder auf ZDFneo sein "Neo Magazin Royale" moderieren zu lassen und die Wiederholung Freitagnacht im Programm des Hauptsenders zu verstecken, scheint unmöglich. Dafür ist Böhmermann jetzt zu groß.

Eine Aufmerksamkeit wie er hatten weder Hape Kerkeling noch Stefan Raab

Böhmermann hingegen ist der einzige, der größer aus der Affäre hervorgeht, als er hineingegangen ist. Mit einer Nummer über den Unterschied zwischen Schmähkritik und Satire, die nicht zu seinen besten gehörte, beschäftigt er seit zwei Wochen Medien, Politik und Öffentlichkeit.

Diese Aufmerksamkeit bleibt ihm nun noch eine Weile erhalten, so lange der juristische Vorgang nicht beendet ist. Durch Merkels Fernseh-Auftritt ist die Bühne größer geworden. Allein die Tatsache, dass Merkel in ihrer nervös vorgetragenen Rede den Namen "Jan Böhmermann" aussprach, ist eine Adelung über Bande. Eine Aufmerksamkeit wie er hatten weder Hape Kerkeling noch Stefan Raab.

Wie nebenbei hat Böhmermann dafür gesorgt - wenn auch unbeabsichtigt -, dass der aus der Zeit gefallene Paragraf 103 StGB über "Majestätsbeleidigung" vermutlich abgeschafft oder überarbeitet wird.

Merkel mag die deutsche Justiz zu einem Verfahren ermächtigt haben. Doch gleichzeitig hat sie Jan Böhmermann eine Macht gegeben, die ein Satiriker normalerweise nie hat. Wenn Böhmermann aufgehört hat sich zu fragen, was um Gottes Willen da eigentlich gerade vorgeht, wird er das erkennen.

Und hoffentlich diese Position weise nutzen.

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