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Analyse
Erika Steinbach handelt grob fahrlässig

Hintergrund: Erika Steinbach im Kurzportrait
Hintergrund: Erika Steinbach im Kurzportrait FOTO: ddp
Düsseldorf. Ein kleines, blondes Kind umringt von dunkelhäutigen Menschen. Erika Steinbach will damit angeblich lediglich auf ein Problem hinweisen. Das Foto sei nicht aggressiv. Das kann sie nicht ernst meinen. Wahr ist: Steinbach handelt grob fahrlässig. Von Philipp Stempel

Was treibt bloß Erika Steinbach ajn? Mehr und mehr wächst der Eindruck, der CDU-Politikerin ginge es nur noch um Provokation. Regelmäßig begibt sie sich sehenden Auges durch maßlose Provokationen in den Shitstorm.

7. Januar 2015: Steinbach sendet einen Tweet zum Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Den Kommentar "Nur kath. Kirche kritisieren, sonst lebensgefährlich" garniert sie mit einem zwinkernden Smiley. Ein Aufschrei geht durchs Netz.

10. November 2015: Steinbach sendet einen Tweet nach dem Tod von Altkanzler Helmut Schmidt. Wo andere eines Staatsmanns gedenken, zitiert sie einen aggressiven Satz des Verstorbenen aus dem Jahr 1981. "Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag."

27. Februar 2015: Steinbach twittert das Bild des kleinen blonden Mädchens inmitten einer dunkelhäutigen Menschenmenge. Auf dem Foto ist ein Text eingeblendet. "Deutschland 2030. Woher kommst du denn?" Ein Aufschrei geht durchs Netz. Und selbst in der eigenen Partei herrscht Fassungslosigkeit. Die Grünen fordern ihren Rücktritt als Unions-Sprecherin für Menschenrechte.

Steinbach setzt sich via "Bild" zur Wehr. Ihr Argument: "Es ist kein aggressives Foto." Sie verweist auf das, was darauf zu sehen ist. "Freundliche Inder, die das blonde Kind neugierig und interessiert anschauen." Keine arabischen Flüchtlinge. "Was für eine Aktion? Ein einziges Bild mit netten Menschen ist keine Aktion. Dazu bedarf es schon mehr", antwortet sie auf Twitter auf entsprechende Vorwürfe.

Tatsächlich zeigt das Bild keine aggressive Situation. Die Lage für das Kind wirkt keineswegs bedrohlich. Doch macht Steinbach es sich damit sehr einfach. Denn im aktuellen Kontext von "Pegida" und Überfremdungsängsten ist die Kernbotschaft der Aufnahme eine ganz andere: Das blonde, deutsche Kind wird in der eigenen Heimat zum Exoten. Genau das bedient auch der Begleittext "Woher kommst du denn?".

In Wahrheit bedient Steinbach Ängste

Steinbach hat fahrlässig einem Motiv zur bundesweiten Aufmerksamkeit verholfen, das schon seit Jahren als Internet-Meme in rechtsextremen Kreisen kursiert. Eine Spurensuche führt zu Seiten wie volksbetrug.net, Plakaten auf "Pegida"-Demos oder russischen Plattformen, die gegen Islamisierung hetzen. Steinbach sagt, es gehe um Aufklärung. In Wahrheit bedient sie Ängste und schürt eine weitere Radikalisierung.

Gerne beruft sich Steinbach auf Demokratie und Meinungsfreiheit. Sie pocht darauf, nur offen auszusprechen, was doch vielen Sorge bereite. Das sei keine Hetze, sondern für viele ein Albtraum. Zahllose Zuschriften zeigen das!", lautet ihre Begründung in einem weiteren Tweet. Das Bild habe sie von einem besorgten Vater aus Frankfurt am Main bekommen, dessen Kind in seiner Klasse nur noch zwei weitere Mitschüler habe, erläuterte sie "Bild".

Der Ursprung des Bildes bleibt ein Rätsel

Das aber kann nicht rechtfertigen, als Vertreter einer Regierungspartei ungeprüft Motive aus einem extremistischen Umfeld zu verbreiten, die zudem noch offenkundig manipuliert sind. Damit ist nicht nur die Schrift gemeint. Schon mit wenigen kritischen Blicken hätte Steinbach sehen können, dass durch ein Bildbearbeitungsprogramm eine hässliche, gnomenhafte Fratze in die Schar der dunkelhäutigen Kinder hineinmontiert wurde. Dies legt eine Bilder-Recherche über Google offen. Bei Facebook kursieren bereits Bilder, die Original und Manipulation nebeneinanderstellen.

Steinbach scheint dem Trugschluss aufzusitzen, dass das Internet ein rechtsfreier Raum sei, in dem man auch ungeprüft Inhalte verbreiten dürfe, obwohl ihre Herkunft mehr als fragwürdig ist. Das Netz macht sich bereits einen Spaß daraus, sich vorzustellen, wie der Urheber des Bildes Steinbach verklagt. Nicht nur, weil sie es ohne Nutzungsrechte verwendet, sondern dazu auch noch sinnentstellend missbraucht.

Woher das Bild allerdings ursprünglich stammt, ist bislang vollkommen unklar. Schon im April 2012 hatte der niederländische Publizist und Dozent Eric Hennekam in seinem Blog öffentlich zur Suche nach dem Ursprung des Bildes aufgerufen. Bis ist er erfolglos geblieben. Eine der jüngeren Theorien zur Entstehungsgeschichte des Bildes: Photoshop.

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