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Grünen-Chef Özdemir im Interview: "Erzieher gleich viel wert wie Gymnasiallehrer"

zuletzt aktualisiert: 03.08.2009 - 06:59

Düsseldorf (RP). Der Parteichef der Grünen hat ein neues System für die Bezahlung von Pädagogen gefordert. "Wir müssen das gesamte System vom Kopf auf die Füße stellen", sagte Özdemir gegenüber unserer Redaktion.

Auch in Deutschland sei inzwischen angekommen, dass die Phase vor dem Eintritt in die erste Klasse mindestens so wichtig sei, wie die Phase danach. Özdemir sagte weiter: "Der Erzieher ist im Weltbild der Grünen nicht weniger wert als der Gymnasiallehrer."

Ihre Partei steht in den Umfragen derzeit sehr gut da. Sind die Grünen Krisengewinnler der Wirtschaftskrise und der Panne im Atomreaktor Krümmel?

Özdemir Nein. So einfach lässt sich das nicht erklären. Unsere guten Umfragewerte sind ein Resultat der beharrlichen Oppositionsarbeit der Bundestagsfraktion in Verbindung mit einer programmatisch gut aufgestellten Partei. Wir bleiben aber auf dem Teppich: Das Europawahlergebnis von 12,1 Prozent kann man nicht direkt auf die Bundestagswahl umrechnen.

Die Panne im Atomreaktor Krümmel bringt Ihnen keine Stimmen?

Özdemir Das wissen wir nicht, und natürlich kann sich kein seriöser Politiker über eine solche Panne freuen. Die Panne zeigt aber, dass die Grünen recht hatten mit dem Atomausstieg. Sie zeigt auch, dass die Position von Union und FDP eine zynische ist, trotz permanenter Störfälle die Laufzeiten der Schrottreaktoren noch verlängern zu wollen.

Was ist Ihr Ziel für die Bundestagswahl?

Özdemir Wir wollen ein zweistelliges Ergebnis und die drittstärkste Kraft im Bundestag werden. Außerdem stehen die Verhinderung von Schwarz-Gelb und die Beendigung der Großen Koalition ganz oben auf der Agenda.

Werden Sie als Parteichef den Grünen in den Ländern freie Hand lassen, wenn in Schleswig-Holstein eine Jamaika-Koalition und im Saarland Rot-Rot-Grün zueinander finden?

Özdemir Wir sind mit den Landesverbänden in enger Abstimmung, aber natürlich entscheiden am Ende die Grünen vor Ort. Eines ist jedoch klar: Es gibt da keine Beliebigkeit. Gleichgültig, ob Sie in Thüringen, Sachsen, Saarland oder Schleswig-Holstein ihr Kreuz bei den Grünen machen, Sie kriegen überall grüne Inhalte, und die unterscheiden sich nicht.

Freie Hand oder nicht?

Özdemir Es wäre absurd, wenn wir einen Leitfaden vorgeben würden. Die Grünen vor Ort schauen, in welcher Konstellation sie unsere Inhalte durchsetzen können. In Bremen koalieren wir mit den Sozialdemokraten und haben eine sehr erfolgreiche Koalition. In Hamburg haben wir ebenfalls eine erfolgreiche Koalition mit einer großstädtischen CDU, die sich in Umweltfragen und Fragen der Bildungspolitik auf uns zu bewegt hat.

Wie finden Sie das Team von SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier?

Özdemir Ich bin gegen Kopfnoten. Dass die SPD die Frauen und den Osten stärker entdeckt hat, ist zu begrüßen. Für das Team gilt daher das gleiche wie für das Vorhaben, neue Arbeitsplätze im Öko-Bereich zu schaffen: Willkommen im Grünen-Club.

Sie sind selbst gelernter Erzieher. Können Kinder sinnvoll betreut werden, wenn eine Kraft mit 20 oder 25 Kindern alleine ist?

Özdemir Nicht angesichts dessen, was in den Einrichtungen eigentlich geleistet werden müsste. Wir haben es häufig mit Kindern zu tun, die Probleme im Sozialverhalten und Sprachschwierigkeiten haben. Dafür brauchen wir einen besseren Personalschlüssel, eine bessere Ausbildung und eine bessere Bezahlung der pädagogischen Kräfte.

Die Erzieherinnen haben doch gerade saftige Tariferhöhungen bekommen.

Özdemir 120 Euro mehr im Schnitt sind bei den derzeitigen Hungerlöhnen nicht gerade luxuriös. Damit sind wir erst am Anfang des Weges. Wir müssen das gesamte System vom Kopf auf die Füße stellen. Bislang werden Gymnasiallehrerinnen und -lehrer am besten bezahlt, Hauptschullehrer dagegen schlechter, als ob ihre Arbeit leichter wäre. Und die Grundschullehrerinnen und -lehrer, die in internationalen Schulstudien am besten abschneiden, werden noch mal ein Stück schlechter bezahlt. Erzieherinnen und Erzieher sind am Ende der Skala. Das entspricht nicht der sozialen Notwendigkeit und auch nicht dem Forschungsstand. Auch in Deutschland ist inzwischen angekommen, dass die Phase vor dem Eintritt in die erste Klasse mindestens so wichtig ist wie die Phase danach. Der Erzieher ist im Weltbild der Grünen nicht weniger wert als der Gymnasiallehrer.

Eva Quadbeck führte das Interview

Quelle: RP

 
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