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Erzkonservative Christen und die AfD
Rechtspopulisten unterm Kreuz

Erzkonservative Christen und die AfD: Rechtspopulisten unterm Kreuz
Die christlichen Kirchen reagieren auf die Rechtspopulisten zunächst noch mit reichlich Erschrecken und mit verzagter Ausgrenzung. FOTO: Grafik: Carla Schnettler
Düsseldorf. Eine "Heilige Allianz" wird er genannt: der Schulterschluss von erzkonservativen Christen und der AfD. Ihr gemeinsamer Nenner ist die Bewahrung der Familie, eine ausgeprägte Homophobie und ein aggressiver Anti-Islamismus. Eine Analyse. Von Lothar Schröder

"Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde . . ." – sie endet also mit dem Glaubensbekenntnis: die Grundsatzerklärung der Bundesvereinigung Christen in der AfD mit ihrem eher kryptischen Kürzel "ChrAfD".

Dahinter steht nun nicht die Mehrheit der deutschen Christen; doch ist der Verein mehr als ein versprengtes Häuflein und wirkmächtiger als sonstige exotische Stichwortgeber. Denn längst haben wertkonservative Christen –gerne auch erzkatholisch genannt – bei den Rechtspopulisten unter anderem der Alternative für Deutschland (AfD) Themen und Aussagen gefunden, die sie in ihrer Kirche zunehmend vermisst haben.

Das sind die führenden Köpfe der AfD FOTO: dpa, mb pil rho

Darum ist es auch bedeutungslos, nachzuzählen, wie oft im knapp 80-seitigen Entwurf des AfD-Grundsatzprogrammes nun "Christ" oder "christlich" tatsächlich vorkommt (angeblich bloß sechsmal). Wichtiger für Christen aus dem wertkonservativen Milieu sind andere Haltungen und Einstellungen. Sie finden sich bei der AfD in gemeinsamen Feindbildern wieder: der sogenannten Homo-Lobby, im vermeintlichen Genderwahn und vor allem dem Islam. "Maria statt Scharia" lautet eine Parole, die von Rechtspopulisten in der Schweiz erfunden wurde.

Glaube wird beflügelt, indem Ängste geschürt werden

Andere Sprachrohre der neuen Rechten sind die Zeitung "Junge Freiheit" mit einer Auflage von 35.000 Exemplaren sowie "kath.net" – ein 2001 in Österreich gegründetes konservatives Internetportal mit bis zu 400.000 Zugriffen im Monat, das unter anderem von den deutschen Kardinälen Meisner und Müller empfohlen wird. Doch Nachrichten aus der katholischen Kirche sind dort spärlich.

Es geht zunächst gegen den Islam: also um Salafisten in Berlin, um fanatische Schläger in Flüchtlingsunterkünften und auffallend häufig um allerlei Umfragen, also um des Volkes vermeintliche Meinung. Mal sagt dabei die große Mehrheit der Bürger, dass der Islam nicht zu Deutschland gehörte; ein anderes Mal ist dann die Mehrheit der Deutschen für eine Verschärfung des Sexualstrafrechts. Und daneben wird eine DVD beworben mit einem Vortrag von Erzbischof Gänswein zum Thema "Bedrohte Christen in Europa".

Der Glaube wird beflügelt, indem Ängste geschürt werden. Die zum Teil aggressive Islamfeindlichkeit ist zwar der kleinste gemeinsame Nenner zwischen erzkonservativen Katholiken und AfD-lern, doch er ist groß genug zum Schulterschluss – bis das Christliche immer stärker vom Rechtskonservativen überlagert wird. Von einer "Heiligen Allianz" beider Gruppierungen ist schon die Rede.

Kreml-Chef Putin wird plötzlich für viele interessant

Die Sorge kittet manches zusammen. Alte Kulturpessimisten wie Oswald Spengler (1880-1936) werden dann zu neuen Auguren, die den Untergang des vor allem christlichen Abendlandes beschwören. Diese Angst ist auch Ausdruck einer Sehnsucht: nach der kulturell homogenen Gesellschaft, die übersichtlich ist und wertebeständig. Da reicht der Blick dann zurück bis ins christliche Mittelalter, das ausgeschmückt und ideologisch aufgeladen wird.

Solche Rückblicke sind nicht konservativ, sondern reaktionär. Denn sie versuchen nichts zu bewahren, sondern Vergangenes und längst Abgelegtes wieder zu vitalisieren und zu aktivieren. Das führt zu neuen, zumindest ungewöhnlichen Beziehungen.

Während Papst Franziskus ob seiner unkonventionellen Amtsführung und seinen Reformbemühungen gelinde gesagt nicht allzu hoch im Kurs steht, wird Kreml-Chef Putin plötzlich für viele christliche Werteverteidiger interessant: als ein homophober Präsident, der in Kirchen fromm Kerzen entzündet, Familienwerte schützt und eine autoritäre Kirchenstruktur mit seiner autoritären Staatsführung verknüpft. Das macht ihn für alle Verunsicherten attraktiv, wie es eine neue Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung über Radikalisierungen am rechten Rand der Kirche nachzeichnet.

Die Besorgten finden hierzulande einen Resonanzboden fast ausschließlich in der AfD, die sich selbst als "identitäre Kraft" bezeichnet. Postulierte Abgrenzung soll Sicherheit gewähren und Heimat ein wieder vertrautes Gesicht geben. Solche identitären Kräfte – genauer gesagt: Kräfteversprechen – gedeihen immer dort, wo vertraute Institutionen an Bedeutung verlieren und sie ihre vormalige Selbstverständlichkeit einbüßen. Christliche Kirchen in Deutschland gehören zweifelsohne dazu.

Vertreter der AfD waren beim Katholikentag nicht eingeladen

Und wie reagieren diese? Zunächst noch mit reichlich Erschrecken und mit verzagter Ausgrenzung. Beim jüngsten Katholikentag in Leipzig waren Vertreter der AfD nicht eingeladen. Damit schien man rechtspopulistischen Politikern kein Podium gegeben zu haben. Man grenzte damit zugleich aber auch erzkonservative Katholiken aus und machte sie quasi mundtot. Dennoch war die AfD massiv präsent in Leipzig – mit Provokationen von außen.

Und während kurz vor Schluss des katholischen Laientreffens sich im Foyer der Oper Experten die Köpfe heißredeten über das Thema, saß AfD-Vorsitzende Frauke Petry unten im Ü-Wagen des Deutschlandfunkes und gab zur Kirche das Interview der Woche, in dem sie die Flüchtlingshilfe der Kirche zu einer Form des modernen Ablasshandels deklarierte. Ein Flüchtlingsboot vor dem Kölner Dom ging ihr "definitiv zu weit".

Man kann und muss das nicht akzeptieren. Aber man darf nichts verschweigen. Keine Frage wird durch Dialogverweigerung beantwortet. Schwierig wird ein solcher Disput allemal. Und doch wird er ausgetragen werden müssen.

Lesetipp Armin Nassehi, Peter Felixberger (Hg.): "Rechts. Ausgrabungen". Kursbuch 186. Murmann, 192 Seiten, 19 Euro

Quelle: RP
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