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Ex-AfD-Pressesprecher Hessenland
"Es sind hundertprozentig noch Antisemiten in der AfD"

Ex-AfD-Pressesprecher: "Es sind noch Antisemiten in der Partei"
Frank Hessenland war 2013 Pressesprecher der AfD. FOTO: Daniel Estrin
Düsseldorf. Frank Hessenland war überzeugt, in der AfD endlich eine Partei gefunden zu haben, die seine Interessen vertrat – bis er merkte, dass nicht jedes Mitglied von der Schuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg überzeugt war. Von Sebastian Dalkowski

Der Tag, an dem das Aus kam, war der Tag, an dem Frank Hessenland es wagte, die AfD als liberal zu bezeichnen. Er war Pressesprecher des Berliner Landesverbandes, und der Vorstand war anderer Ansicht über die politische Ausrichtung. Noch am selben Tag war er seinen Job los. So schildert der 48-jährige Hessenland es heute.

Die Geschichte von Frank Hessenland ist die Geschichte eines großen Irrtums: Dass er in der AfD endlich eine Partei gefunden hatte, die seine Interessen vertrat. Es ist Anfang 2013. Hessenland gehört zu jener größer werdenden Zahl an Menschen, die sich von den politischen Parteien nicht mehr repräsentiert fühlen, die etablierten Parteien, wie er sie nennt.

Hessenland kommt aus dem grünen Milieu, er war Pressesprecher bei Greenpeace, arbeitete als Auslandskorrespondent im Nahen Osten. Seine große Sorge gilt der europäischen Finanzkrise. Er ist dagegen, dass Griechenland und andere europäische Länder vor ihren Schulden gerettet werden. Er möchte nicht, dass Deutschland sich dabei finanziell überfordert und keine Freiheiten mehr hat, was den eigenen Haushalt betrifft. Das, so denkt er, gefährdet die Demokratie.

Dann kommen die Rechten

Ähnliche Positionen vertritt auch die AfD, und Hessenland gehört zu den ersten Mitgliedern. Sein Ausweis trägt die Nummer 66. Er macht Pressearbeit für die Bundespartei und wird Pressesprecher des Landesverbandes Berlin. Zu Beginn dominieren in der Partei die Liberalen, so schildert er die ersten Monate der AfD, viele Akademiker, Juden, Schwule, Nicht-Schwule, hauptsächlich Männer. Doch vor dem ersten Berliner Parteitag treffen immer mehr Mitgliedsanträge von Leuten ein, die so gar nicht liberal wirken.

Zwar steht in der Satzung der AfD, dass frühere NPD- und DVU-Mitglieder nicht aufgenommen werden dürften, sagt Hessenland, aber es gibt da noch andere rechte Splitterparteien wie "Die Freiheit". Als Hessenland einige der Namen nachschlägt, findet er sie auf Listen der Antifa wieder. Er drängt den Berliner Landesverband, diese Leute nicht aufzunehmen. Doch sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene wurde er übergangen, sagt er.

Wenn er die neuen Mitglieder am Telefon hat, stellt er fest, dass einige von ihnen großes Wissen über Nazi-Panzer haben. Andere stellen den Holocaust in Frage und relativieren die Schuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg. Auch aus diesen Erfahrungen heraus sagt Hessenland heute: "Es sind hundertprozentig noch Antisemiten in der AfD." Das Gefährliche an den neuen Mitgliedern ist: Sie beteiligen sich zwar nicht direkt in der Partei, aber sie kapern die neuen Medien und führen AfD-Facebook-Accounts ohne Auftrag der Partei.

Der Berliner Vorsitzende Matthias Lefahrt tritt zurück, weil Facebook-User – AfD-Mitglieder, sagt Hessenland – dessen Sexualität zum Thema gemacht haben. Die Liberalen werden immer weiter zurückgedrängt. Als Hessenland für die Bundespartei eine Presse-Veröffentlichung schreibt, in der die AfD die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes begrüßt, dass das Ehegatten-Splitting auch für homosexuelle Paare gilt, billigt Frauke Petry das laut seiner Aussage nicht.

Hessenland ist geschockt

Wenige Wochen später ist er seinen Job los. Im Wahlkampf für die Bundestagswahlen 2013 tauchen immer mehr Hitlerbärtchen auf AfD-Plakaten in Berlin auf. Hessenland aber will zeigen, dass Nazis bei der AfD keine Chancen hätte, er will ein liberales Gesicht nach draußen tragen. Einem Journalisten der "Deutschen Wirtschaftsnachrichten" sagt er: "Wir sind keine linke Partei, wir sind eine bürgerliche und liberale Partei." Und: "Es gibt viele Rechte, die im Internet für die AfD posten, was dem AfD-Vorstand gar nicht so genehm ist." Kaum ist der Artikel erschienen, teilt ihm der Vorstand per Fax mit, dass er von seinen Aufgaben als Pressesprecher des Landesverbandes entbunden ist. Ohne Angabe von Gründen. Hessenland sagt, dass der Vorstand nach rechts schielte. Seine Haltung passte da nicht.

Hessenland ist geschockt, bleibt aber in der Partei, weil eine Alternative fehlt – doch fortan ist er nur noch stilles Mitglied. Der Ärger aber hat kein Ende. Eines Tages erhält er den Hinweis, dass sein AfD-Mail-Account überwacht wird - Mails an ihn würden auch an den Berliner Vorstand weitergeleitet. Er überprüft das. Er legt sich einen Fake-Account zu, berichtet er, gibt sich als Adelige aus und schickt eine Mail an seinen Partei-Account, in der er der Partei eine Spende in fünfstelliger Höhe in Aussicht stellt. Kurze Zeit später bekommt er eine Antwort – vom neuen Pressesprecher des Landesverbandes. Die AfD Berlin bestreitet heute, dass Hessenlands Account überwacht wurde.

Als Lucke im Sommer 2015 die Partei verlässt, tritt auch Hessenland aus, weil er nun keine Hoffnung mehr hat, dass die Partei noch liberale Positionen vertreten wird. Doch seine Mitgliedschaft begleitet ihn noch heute. Eine jüdische Freundin hat ihm die Freundschaft gekündigt. Hessenland trainiert eine Kinderfußballmannschaft. "Ein Vater hat mir vorgehalten, dass seine Eltern unter den Nazis zu leiden hatten, und er daher womöglich sein Kind nicht von mir trainieren lassen könne, wenn ich nicht ihm nicht meine Gesinnung zweifelsfrei offenbare."

Die Partei werde weiter Zulauf erhalten

Hessenland ist davon überzeugt, dass die AfD "uns leider noch lange erhalten bleiben wird". Sie werde Zulauf erhalten, "fast egal, wer da nun drin ist oder nicht". Denn die Partei agiere geschickt. "Die AfD besetzt relevante Themen, die die anderen liegenlassen, aber sie tut es in inakzeptabler, teils ekelhafter Weise." Die kompetenten "Professoren" seien mittlerweile erfolgreich durch irre politische Brandstifter herausgedrängt worden. Hessenlands eigene Haltung zu Islam und Migration, den wichtigsten Themen der AfD: "Ich halte den Islam nicht für minderwertig. Aber deswegen möchte ich doch eine kontrollierte Einwanderung nach Deutschland und keinen Kontrollverlust."

Nach seinem Ausstieg hat er mittlerweile eine neue Partei gefunden: die Satire-Partei "Die Partei". "Wenn schon nicht reden, dann aber richtig."

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