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Turbo-Abitur: Familen gehen daran kaputt

VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 06.03.2008 - 18:30

Düsseldorf (RPO). Es lässt sich leicht mehr Leistung und mehr Bildung einfordern. Erzwingen lässt es sich nicht. Aber genau das versuchen die deutschen Bildungspolitiker mit ihrer übers Knie gebrochenen Verkürzung der gymnasialen Schulzeit. Mit skandalösen Folgen.

Der Verfasser dieser Zeilen spricht aus leidvoller Erfahrung. Mit zwei schulpflichtigen Kindern ist für ihn alles, was mit der Schulzeitverkürzung zusammenhängt zum roten Tuch geworden.

Jeden Tag erleben wir die fatalen Folgen:

So sieht es in der Schule aus: 32-Stunden-Woche in der sechsten Klasse. Wenn es das Personal hergeben würde, kämen noch Stunden drauf. Dreimal bis zur siebten Stunde, allerdings ohne Mittagspause. Ohne warme Mahlzeit und ohne eine Pause zum Durchschnaufen bleibt bei den Kindern in der siebten Stunde nichts mehr hängen.

Der Stoff: Wird durchgepeitscht. In vier Wochen alle Rechenarten der Bruchrechnung, Grundlage für die Mathematik bis zur achten Klasse. In vier Stunden die gesamte französische Revolution. Inhalte werden nur noch angerissen. Schule ist zu einem Aneinanderreihen von Themen-Schlagwörtern verkommen.

Kapieren zuhause: Im Unterricht wurden die Themen den Schülern vor die Füße geworfen. Zuhause muss das eigentliche Verstehen und Vertiefen erfolgen. Mit Hausaufgaben und zusätzlicher Arbeit aus Eigeninitiative. Letztlich wird so das eigentliche „Lehren“ Aufgabe der Eltern. Wer kein Elternhaus hat, dass dafür die Voraussetzungen mitbringt, hat Pech gehabt. Alleinerziehende und Familien mit berufstätigen Eltern sind systematisch benachteiligt. Wer keine Nachhilfe finanzieren kann, fällt hinten runter.

Immenser Druck: Schon in der sechsten Klasse (wohlgemerkt: das sind elf- bis zwölfjährige Kinder) herrscht massiver Druck. Freude an Inhalten, Neugier aufs Wissen? Fehlanzeige. Eine Tragödie. Denn die Lernforschung weiß schon lange, dass Stoff viel besser hängenbleibt, wenn Schüler eigenes Interesse und Entdeckungsfreude entwickeln. G8 bewirkt das Gegenteil. Kinder verbinden mit Schule Stress, Druck und Leid. Pauken statt Bildung, das ist das Ergebnis von G8.

Familien leiden: Eltern müssen mit ihren Kindern für die nächste Arbeit lernen. Nur nicht den Anschluss verlieren. Nur nicht krank werden. Der chronische  Leistungsdruck führt unweigerlich zu Spannungen. Kinder und Eltern sind überlastet. Tränen und Streit sind die Folge. Schule diktiert bei Familien mit Kindern auf dem Gymnasium drei Viertel der verfügbaren Zeit, Haushalt nicht eingerechnet.

Persönlichkeitsbildung: In früheren Jahren kamen Schüler nach dem Unterricht um halb zwei nach Hause, machten eine Stunde Hausaufgaben und konnten dann raus, Freunde treffen, Spielen, Sport treiben. Für Kinder und ihre Persönlichkeitsbildung extrem wichtig. Denn auch damit lernen sie fürs Leben. Heutzutage sind solche freien Stunden Luxus. Längst haben auch Kinderärzte Alarm geschlagen: Schulangst macht krank.

Hinzu kommt: In der Pubertät haben Jugendliche oft genug massive Probleme mit sich selbst. Die Hormonumstellung bringt manche völlig durcheinander. Unverschuldet. Eine Schwächephase in der Schule können sie sich nicht erlauben. Mit den jetzigen Anforderungen bei G8 ist das Sitzenbleiben vorprogrammiert. 

Fazit: G-8 war eine panische Reaktion auf Pisa. Eltern und Kindern sind die Leidtragenden. Die jetzigen Zustände sind unerträglich. Das Abi in acht Jahren zu machen ist ein gutes und machbares Ziel. Ganztagsschulen mit einem breiten Spektrum an Bildungsangeboten als sozialer Mittelpunkt des Lebens unserer Kinder ebenso. Um diese Ziele aber ohne gravierende Kollateralschäden erreichen zu können, müssen Lehrpläne entschlackt, Mensen gebaut und Schulen besser ausgestattet werden. Schleunigst!


 
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