| 07.24 Uhr
Interview mit Dirk Niebel
FDP-Minister für Doppelspitze im Wahlkampf
Dirk Niebel - ein Fallschirmjäger als Entwicklungshelfer
Dirk Niebel - ein Fallschirmjäger als Entwicklungshelfer FOTO: ddp
Berlin. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) hat für den Wahlkampf der Liberalen eine Doppelspitze aus Parteichef und Spitzenkandidat angeregt. "Sie sehen auch bei der SPD, dass ein Spitzenkandidat nicht zwingend Parteichef sein muss", sagte Niebel im Interview mit unserer Redaktion. Von Gregor Mayntz

Wahlkampf im Team sei immer eine gute Lösung. "Gewöhnlich gilt aber ein Vorsitzender als potenzieller Spitzenkandidat, es sei denn, es gibt gute Gründe, das anders zu entscheiden", so der Minister. Er betonte, Fraktionschef, Parteichef und "alle anderen Mitglieder des Präsidiums müssen im Team die Bundestagswahl meistern". Niebel sprach sich für eine Fortsetzung der Koalition mit der Union aus.

Im Interview mit unserer Redaktion sprach Niebel zudem über die Krise in Mali, die Ausgaben Deutschlands für Entwicklungshilfe und den Wahlkampf 2013.

Im Norden Malis führen islamistische Extremisten die Scharia mit grausamen Strafen ein. Bleibt noch viel Zeit bis zu einer Intervention?

Niebel: Jeder Tag, an dem die islamistischen Terroristen das Volk quälen, ist ein Tag zu viel. Aber die malische Armee ist noch nicht in der Lage, die territoriale Integrität Malis wiederherzustellen. Sie braucht Ausbildung und Unterstützung. Das dauert.

Was tun Sie?

Niebel: Entwicklungszusammenarbeit ist das schärfste Schwert gegen Extremismus. Wir bieten Perspektiven. Damit gibt es keinen Nährboden mehr für Extremisten und Terroristen.

Dann ist das da aber gründlich schiefgegangen.

Niebel: Im Gegenteil. Mali war ein Paradebeispiel für Regierungen, die das Geld aus der Entwicklungszusammenarbeit nicht in Waffen, sondern in neue Möglichkeiten für die Menschen investiert haben. Aber sie war zu schwach, um einen externen Angriff abzuwehren.

Was machen Sie in Mali konkret?

Niebel: Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit ist suspendiert, weil wir noch keine verfassungsmäßige Regierung haben. Wir arbeiten deshalb fern von der Administration und nah an den Menschen, insbesondere bei der Sicherung der Ernährung. Wir wollen mit den Fortschritten auf dem Weg zur Demokratie sukzessive auch wieder in die staatlichen Hilfen einsteigen.

Die Quote staatlicher Entwicklungshilfe (ODA) ist in Deutschland von 0,39 auf 0,40 Prozent des Bruttonationaleinkommens gestiegen. Bis zum Ziel von 0,7 im Jahr 2015 scheint der Weg zu weit zu sein.

Niebel: Wir waren mit über zehn Milliarden Euro im vergangenen Jahr weltweit der zweitgrößte Geber. Aber viel Geld ausgeben kann jeder, entscheidender ist doch, was man mit dem Geld macht. Wir geben damit nicht nur Hilfe zur Selbsthilfe. Für jeden Euro, den wir in die Entwicklungszusammenarbeit stecken, fließen drei bis vier Euro an die deutsche Wirtschaft zurück.

Dennoch stehen Sie in der Selbstverpflichtung, die 0,7 Prozent binnen drei Jahren zu schaffen. Ist das nicht realitätsfremd, da geht es doch um Milliarden?

Niebel: So steht es im Koalitionsvertrag, so ist es das erklärte eigene Ziel auch der Bundeskanzlerin. Wir haben in dieser Regierung die Mittel von 8,7 auf über zehn Milliarden gesteigert, sind bei der ODA-Quote von 0,35 auf 0,4 vorangekommen.

Der Bundestag hat aber jetzt entschieden, dass Sie 2013 weniger statt mehr Geld erhalten.

Niebel: Die faktische Absenkung schränkt unsere Arbeitsfähigkeit nicht ein. Doch für den Bundestag hatte das Ziel der Haushaltskonsolidierung erkennbar eine höhere Priorität als das Erreichen der ODA-Quote von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens. Das muss ich akzeptieren. Wir dürfen dann aber auch nicht länger der Lebenslüge erliegen und so tun, als würden wir das Ziel erreichen können, wenn der Bundestag die Grundlagen dafür nicht schafft.

Sie sind bei der Bundestagswahl nächsten Herbst Spitzenkandidat der Südwest-FDP, ohne Landesparteichef zu sein. Ist das auch ein Modell für den Bund?

Niebel: Sie sehen auch bei der SPD, dass ein Spitzenkandidat nicht zwingend Parteichef sein muss. Wahlkampf im Team ist immer eine gute Lösung. Gewöhnlich gilt aber ein Vorsitzender als potenzieller Spitzenkandidat, es sei denn, es gibt gute Gründe, das anders zu entscheiden.

Gäbe es gute Gründe für ein Tandem aus Parteichef Rösler und Fraktionschef Brüderle? Das hätte doch was, oder?

Niebel: Ich gehe sogar noch weiter: Der Fraktionsvorsitzende, der Parteivorsitzende und alle anderen Mitglieder des Präsidiums müssen im Team die Bundestagswahl meistern.

Gehen Sie mit einer Koalitionsaussage in diese Wahl?

Niebel: Es ist selbstverständlich, dass wir diese erfolgreiche Regierung über 2013 hinweg fortsetzen wollen.

Könnten Ihnen SPD und Grüne nicht doch sympathisch werden?

Niebel: Rote und Grüne wollen dem Bürger Eigenverantwortung nehmen, ihn mehr bevormunden, seine Steuern erhöhen und die Schulden Europas vergemeinschaften. Das geht mit uns nicht, und das wollen auch die meisten Menschen in Deutschland nicht.

So dass die FDP wie stark werden könnte bei den Bundestagswahlen?

Niebel: Ich gehe davon aus, dass wir mit einem guten, an die Zweistelligkeit ragenden Ergebnis in den nächsten Bundestag einziehen werden.

Gregor Mayntz führte das Gespräch.

Quelle: RP/rm
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung.
Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.


Melden Sie diesen Kommentar