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Festnahme von Kölner Schriftsteller
"Ich dachte, die türkische Willkür kann Europa nicht erreichen"

Festnahme von Dogan Akhanli - "Ich dachte, die türkische Willkür kann Europa nicht erreichen"
Der deutsch-türkische Schriftsteller Dogan Akhanli, der auf Geheiß der türkischen Regierung in Spanien festgesetzt wurde, ist wieder frei. Er muss jedoch in Madrid bleiben, solange das Auslieferungsverfahren gegen ihn läuft. FOTO: dpa, hka fgj
Madrid. Dass er tatsächlich an die Türkei ausgeliefert werden könnte, hält der Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli für unwahrscheinlich. Und doch hat seine Festnahme in Spanien sein Sicherheitsgefühl tief erschüttert: "Ich dachte, dass ich in Europa sicher bin."  Von Beate Wyglenda

Es war Samstagmorgen, als es an Akhanlis Hotelzimmertür in Spanien klopfte. Der 60-Jährige machte mit seiner Frau Urlaub in Granada. Das Paar schlief noch, als vor der Tür bewaffnete spanische Polizeibeamte standen. "Mein erster Gedanke war, das hätte mit den Terroranschlägen in Barcelona zu tun", sagte der Kölner Autor "Spiegel Online". "Ich dachte, vielleicht wollen sie jetzt einfach alle ausländischen Gäste kontrollieren."

Doch Akhanli wurde gleich aufgefordert, mit auf das Polizeirevier zu kommen. Gründe nannten die Beamten für die Festnahme nicht. Erst zwei Stunden später erfuhr er, dass die Türkei bei Interpol eine internationale Fahndung (Red Notice) nach ihm ausgeschrieben hatte und nun die Auslieferung des deutschen Staatsbürgers fordert.

Am Sonntag wurde der Autor wieder aus der Haft entlassen. Er darf Spanien jedoch nicht verlassen, solange das Auslieferungsverfahren gegen ihn läuft. Jeden Montag muss er sich beim Gericht in Madrid melden. 

Nach Freilassung geht es Akhanli "ganz gut"

Seit der Freilassung gehe es ihm ganz gut, sagte Akhanli. Die Festnahme sei aber ein Schock gewesen. "Ich dachte, dass ich in Europa sicher bin. Ich dachte, die türkische Willkür und Arroganz kann Europa nicht erreichen. Aber wahrscheinlich stimmt das nicht ganz", sagte Akhanli "tagesschau.de". 

Noch immer könne er sich nicht erklären, wie die spanische Polizei ihn ausfindig gemacht haben könnte. Akhanlis Anwalt, Ilias Uyar, geht davon aus, dass sein Mandant vor der Festnahme in Spanien von der Türkei bespitzelt worden ist. "Es war eine zielgerichtete Festnahme", sagte er im Bayerischen Rundfunk. "Ich glaube, dass die Türkei meinen Mandanten im Ausland bespitzelt und den Tipp gegeben hat, da ist ein Terrorist, den müsst ihr festnehmen."

Für eine zielgerichtete Aktion würden die Umstände der Festnahme sprechen. "Es sind Polizeibeamte gewesen, die mit schusssicheren Westen ausgestattet waren, Maschinenpistolen am Anschlag hatten", sagte Uyar.

Der Vorwurf war zunächst unklar. Die spanische Nachrichtenagentur Europa Press meldete unter Berufung auf Polizeikreise, Akhanli werde beschuldigt, Mitglied einer bewaffneten, terroristischen Vereinigung zu sein. Der Autor selbst bestätigte im Spiegel-Interview: "Mir wurde 2010 in der Türkei vorgeworfen, Kopf einer Terrororganisation mit dem Codenamen 'Dogan K.' zu sein, außerdem soll ich 1989 in einen Raubüberfall verwickelt gewesen sein, bei dem ein Mensch ermordet wurde."

Beide Vorwürfe seien aus der Luft gegriffen, betonte Akhanli. Seinem Anwalt Uyar zufolge war Akhanli zur Tatzeit des Raubüberfalls nachweislich gar nicht in der Türkei. Aus Mangel an Beweisen wurde der Schriftsteller 2011 durch ein türkisches Gericht freigesprochen. 2013 wurde das Urteil jedoch wieder aufgehoben.

Akhanli: "Die Türkei missbraucht internationales Recht"

Akhanli selbst sieht in der internationalen Fahndung einen Versuch der Türkei, ihn zum Schweigen zu bringen. In seinen Werken befasst sich der Schriftsteller unter anderem mit der Verfolgung der Armenier in der Türkei – einem höchst kontroversen Thema. "Die Türkei missbraucht einfach das internationale Recht, welches an sich ja gut ist. Das hat mit Rechtsstaat nichts zu tun", kritisierte Akhanli im Interview mit "tagesschau.de".

Zugleich zeigte sich der gebürtige Türkei froh und auch "etwas stolz", dass er Deutscher sei und die Bundesregierung so rasch reagiert habe. "Das ist im Moment die einzige Sicherheit für mich, dass ich Deutscher bin. Es gibt keine andere Sicherheit, aber es ist vielleicht die einzige und beste." Er könne sich nicht vorstellen, dass er als deutscher Staatsbürger an ein Nicht-EU-Land ausgeliefert werde, sagte Akhanli.

Auslieferung ist unwahrscheinlich 

Auch sein Rechtsanwalt sowie die Bundesregierung halten die Auslieferung an die Türkei für unwahrscheinlich. "Wir können uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass unter diesen Umständen (...) eine Auslieferung eines deutschen Staatsangehörigen in die Türkei in Betracht kommt", sagte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer. Er bezog sich dabei auch auf die Vorwürfe in diesem Fall, "die nach politischer Verfolgung geradezu riechen", so Schäfer.

Akhanlis Rechtsanwalt Uyar sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "In der Türkei sei ein rechtsstaatlicher Prozess für Akhanli nicht möglich." Der Deutsche Richterbund bestätigte, in der türkischen Justiz herrsche ein "Klima der Angst". 

Aus diesem Grund bleibt Akhali weiter beunruhigt: "Das ist für mich eine sehr bedrohliche Situation."

 
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