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First Lady Daniela Schadt im Interview
"Für die Queen hätte ich mich umgezogen"

First Lady Daniela Schadt: "Für die Queen hätte ich mich umgezogen"
Daniela Schadt im Gespräch mit RP-Chefredakteur Michael Bröcker. FOTO: Marco Urban
Berlin. Seit 2012 ist sie Hausherrin im Schloss Bellevue: Daniela Schadt. Genau dort haben wir die First Lady getroffen. Ein Gespräch über Journalismus, Politik und die Kleider der britischen Königin. Von Michael Bröcker

Sonnenstrahlen fallen durch die weißen Sprossenfenster in den Südflügel des Schlosses Bellevue. Dunkler Holzboden, weißer Teppich, eher Wohnzimmer als Büro. Auf dem Schreibtisch liegen Zeitungen, eine Unterschriftenmappe, ein Buch über China. Am nächsten Tag wird Daniela Schadt ihren Lebensgefährten, Bundespräsident Joachim Gauck, nach Fernost begleiten. Der Terror in Belgien ist noch weit weg.

Daniela Schadt begrüßt freundlich, fester Händedruck. "Wie geht's im Rheinland?" Sie weist zur Sitzecke am Fenster. Die Bilder des Chemnitzer Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff passen zur kraftvoll diskutierenden First Lady.

Millionen Bürger haben das Vertrauen in die Elite verloren. Von Staatsversagen ist die Rede, die AfD eilt von Erfolg zu Erfolg. Beunruhigt Sie das?

Schadt Nun mal langsam. Das ist doch im Kern nicht neu. Wir haben als Journalisten in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder über Protest gegen die etablierte Politik geschrieben. Er entzündete sich an unterschiedlichen Themen und hatte unterschiedliche Auslöser. Aber es gab ihn auch in früheren Zeiten. Teilweise mündete dieser Protest in Bewegungen, die sich ihrerseits etabliert oder irgendwann auch wieder aufgelöst haben. Was ich damit sagen will: Natürlich muss man sich damit auseinandersetzen, dass ein Teil der Bevölkerung ganz allgemein mit der Politik und mit den Politikern hadert, aber man muss es sachlich und mit Augenmaß tun.

"In meinem Herzen bleibe ich immer Journalistin"

Der öffentliche Diskurs wird scharf und unerbittlich geführt.

Schadt Auch das gab es immer wieder. Manchmal höre ich die Klage, dass es früher alles geordneter war. Psychologisch ist das nachvollziehbar: Die moderne Welt ist unübersichtlicher, ja! Aber über welche "gute alte Zeit" sprechen wir denn? Die Berlin-Blockade? Den Mauerbau? Die Kuba-Krise? Die Massendemonstrationen gegen Nachrüstung? Sie sehen: Es gab auch damals existenzielle Ängste. Oder denken Sie an den RAF-Terror 1977, da war ich 17 Jahre alt. Es gab Tote. Da war eine unglaublich lähmende Stimmung in Deutschland. Heute gibt es angesichts der Migrationswelle einen leidenschaftlichen Diskurs. Das muss – wenn Hetze außen vor bleibt – nicht schlecht sein.

Sie waren selbst Journalistin. Trifft Sie der Vorwurf der Lügenpresse?

Schadt Das trifft mich als Bürgerin, aber auch als ehemalige Journalistin. Wir haben eine plurale Medienlandschaft, die sich meines Erachtens intensiv und differenziert mit der Flüchtlingspolitik befasst. Die Medien kontrollieren sich zudem gegenseitig. Dieses Meinungskartell, das einige vermuten, gibt es nicht: Am Tag nach einem EU-Gipfel lese ich in fünf Zeitungen fünf verschiedene Meinungen. Natürlich muss es Selbstkritik geben und Selbstreflexion. Aber ich sehe vor allem einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema. Und ich freue mich, wenn Journalisten dies selbstbewusst tun.

Eigentlich ja eine gute Zeit für Journalismus.

Schadt Auf jeden Fall eine spannende, lehrreiche und herausfordernde Zeit. Die Welt ist komplexer geworden, auch Migration ist ein sehr vielschichtiges Thema. Journalisten müssen schauen: Was passiert da eigentlich, welche Ursachen hat es, wer verfolgt welchen Lösungsansatz? Sie müssen informieren, analysieren, kommentieren. Genau das tun ungezählte Journalisten täglich, und zwar mit großem Engagement.

Ihr Kommentar als Journalistin zur Flüchtlingsdebatte würde also lauten: Mehr Gelassenheit?

Schadt Gelassenheit kann nie schaden. Aber natürlich treibt das Thema uns alle um – die Journalisten, Politiker und Bürger. Und: Sich mit diesem Thema intensiv zu befassen, heißt doch auch, dem demokratischen Diskurs einen Schub zu geben – unter anderem, indem wir Fragen beantworten, die wir bisher nicht beantwortet haben: Wie steuern wir Einwanderung besser als bisher? Welche genau sind heute unsere Werte? Wie sehen wir unsere Identität? Gerade die momentane Krise zwingt uns zur Suche nach Antworten. Das hilft bei der Selbstfindung – einem Prozess, der ja nie ganz abgeschlossen ist.

Sie haben in einem früheren Artikel vor einer Multikulti-Lobby gewarnt.

Schadt Ja, aber die Lage ist heute anders. Die Politik stellt sich den Fragen stärker. Es wird intensiv über die Integrationspolitik diskutiert und um den richtigen Weg in der Flüchtlingsfrage gerungen. Unser Leben wird sich weiter verändern, das ist klar. Und diese Veränderungen sorgen bei einem Teil der Bevölkerung für Unsicherheit oder gar Angst. Viele Menschen fremdeln erst mal mit Neuem, Ungewohntem. Mir selbst geht es ja auch oft nicht anders: Ich hadere zum Beispiel mit moderner Technik, bin eher altmodisch. Selbst meine Zugfahrkarte kaufe ich, wenn es geht, am Schalter und nicht am Automaten oder im Internet. Meine Nichten hingegen wachsen in der digitalen Welt auf. Und ich merke: Ich kann mich der Entwicklung auf diesem Gebiet auf Dauer nicht ganz verweigern. Ich muss sie zwar nicht kritiklos bewundern, sollte aber doch offen sein. Mir gefällt Realismus: sich öffnen und das Neue kennenlernen. Allerdings: Es braucht beides – ein gewisses Beharrungsvermögen und die Dynamik des Neuen. Erst aus der richtigen Balance ergibt sich Fortschritt.

Sind Deutsche besonders veränderungsunwillig?

Schadt Nein, das glaube ich nicht. Dass man mit manchen Veränderungen zunächst mal fremdelt, ist menschlich. Aber die Dinge verändern sich so oder so, denn allein die Perspektive ändert sich: Es gibt in meiner Heimatstadt Hanau zum Beispiel einen kleinen, zehn Meter hohen Hügel im Park Wilhelmsbad, auf dem wir früher Schlitten gefahren sind. In meiner Erinnerung war das ein riesiger Berg. Wenn ich heute da vorbeigehe, ist er geschrumpft, ist nur ein kleiner Hügel. Denn mein Blick hat sich verändert. Ich bin nicht mehr dieselbe.

Unterstützen Sie den Merkel'schen Satz: "Wir schaffen das"?

Schadt Ja – auf lange Sicht sicher. Was genau wir schaffen wollen und wie – das müssen wir jetzt gesellschaftlich aushandeln.

Spreche ich eigentlich mit der Journalistin oder der politischen Persönlichkeit Daniela Schadt?

Schadt In meinem Herzen bleibe ich immer Journalistin, mich fasziniert aber Politik auch privat. Sie ist wie ein guter sportlicher Wettkampf: Du musst Talent, Können und Ausdauer haben, aber auch Teamgeist, Leidenschaft und viel Glück. Manchmal geht es anders aus als gedacht. Und das Spiel kann sich in der letzten Minute drehen. Politik ist eine hochspannende Angelegenheit.

Können Sie sich vorstellen, in die Politik zu gehen wie Hillary Clinton?

Schadt Nein. So reizvoll ein politisches Amt sein mag: Man würde mir einen Amtsbonus durch Joachim Gauck unterstellen. Außerdem liegt mir eher die ausgeruhte, schriftliche Analyse. Ich glaube, ich wäre zu langsam für die heute sehr beschleunigte aktive Politik. Ich wälze die Argumente meistens eine ganze Weile hin und her, bevor ich mich entscheide.

Also lieber wieder Journalismus?

Schadt Ich kann mir schon vorstellen, irgendwann wieder zu schreiben.

Nach der Amtszeit von Joachim Gauck 2017?

Schadt (lacht) Schau'n mer mal. Er wird Sie rechtzeitig in Kenntnis setzen.

Es ist das Tuschel-Thema im politischen Berlin: Tritt Joachim Gauck – sie nennt ihn stets nur beim Namen, nie "mein Mann" oder ähnlich – 2017 erneut an? Er wäre dann 77. Aber Daniela Schadt lässt bei ihrer Antwort keine Interpretation zu. Nichtssagend lächeln, eigentlich ein Politikertalent. Sie kann es auch.

"Man muss sich eine gewisse Distanz bewahren"

Schreiben Sie auf, was Sie erleben? Dafür wären Sie ja prädestiniert.

Schadt Nein. Dafür fehlt mir, ehrlich gesagt, die Zeit, auch wenn ich das manchmal bedauere. Ich plane auch nicht, später ein Buch über die Zeit zu verfassen. Ich habe in meinem früheren Leben ja schon viel geschrieben.

Läuft es hinter den Kulissen im politischen Berlin wie in der Serie "House of Cards"?

Schadt (lacht) Da fragen Sie die Falsche; ich habe die Serie nämlich leider noch nicht gesehen. Viele reden davon, und einer meiner Lieblingsschauspieler, Kevin Spacey, spielt mit. Aber man kommt ja zu nichts.

Wie? Haben Sie keinen normalen Arbeitstag, 9 bis 18 Uhr?

Schadt Nicht ganz. Es kommen viele Besucher ins Schloss Bellevue. Ich besuche zahlreiche Einrichtungen, Organisationen im In- und Ausland und begleite Joachim Gauck, wann immer es geht. Ich kann in dem Amt spannende und außergewöhnliche Persönlichkeiten aus allen Bereichen kennenlernen, wenn ich das möchte. Das ist ein großes Geschenk.

Von der Würde des Amts wird immer gesprochen. Spüren Sie die?

Schadt Die Würde bezieht sich auf das Amt, wie Sie schon sagen. Ein Bundespräsident repräsentiert, er steht für dieses Land. Die Formalitäten gelten dem Amt, nicht der Person Joachim Gauck. So ist das in meiner davon abgeleiteten Funktion auch. Wenn der Bundespräsident einen Orden an einen ehrenamtlich engagierten Bürger verleiht, vergibt er ihn für den Staat. Das ist eine von der Person losgelöste Funktion. Das muss man immer bedenken. Und die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben die Rolle des Bundespräsidenten wunderbar in dem Mobilee aus Legislative, Judikative und Exekutive ausbalanciert. Es geht beim Bundespräsidenten nicht um den politischen Alltagsbetrieb und Wahlkämpfe, sondern um das Gemeinwesen. Er repräsentiert den Staat und damit auch die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Das ist eine ganz besondere Bedeutung. Der Mensch füllt das Amt zwar aus. Das Amt ist aber das Wesentliche.

Mal ehrlich: Müssen Ihre Freundinnen Sie gelegentlich auf den Boden der Normalität zurückholen?

Schadt Nein, eigentlich nicht. Bei Freundinnen, die ich seit 25 Jahren kenne, bin ich Daniela, nicht die Partnerin des Bundespräsidenten. Und es ist ja auch nicht so, dass ich schon beim Kauf von Zahnpasta die Bedeutung des Amtes spüre. Man muss sich eine gewisse Distanz bewahren, und das gelingt mir, auch mit Hilfe meiner alten Freundschaften, recht gut.

"Ich bin weltfreundlicher geworden"

Können Sie einfach mit Ihrem Mann zu Abend essen oder ins Theater gehen?

Schadt Ja, das kann ich. Wenn ich mit Joachim Gauck essen gehe, sind Sicherheitsbeamte dabei. Wenn ich ohne ihn unterwegs bin, nicht.

Was hat Sie in Ihrer Funktion in den letzten Jahren überrascht?

Schadt Ich erlebe eine sehr engagierte, solidarische Gesellschaft. Als Politikredakteurin ist man meist mit dem beschäftigt, was falsch läuft im Land, man entwickelt einen besonders kritischen Blick. Heute erlebe ich viel häufiger als früher, wie viele Menschen sich in ihrer freien Zeit für andere Menschen einsetzen. Nicht nur die organisierte Zivilgesellschaft, auch Menschen, die ihre Eltern pflegen, die ihrem Nachbarskind bei den Hausaufgaben helfen, ohne dass diese Tätigkeiten statistisch erfasst sind. Das ist eine aufbauende Erfahrung. Deutschland hat eine im Kern solidarische Gesellschaft.

Haben Sie sich persönlich verändert?

Schadt Ja, diese positiven Erfahrungen haben mir, glaube ich, zu einem offeneren und auch positiveren Blick auf dieses Land verholfen. Ich bin weltfreundlicher geworden.

Daniela Schadt beugt sich nach vorne, gestikuliert. Man merkt, dass sie das Thema gesellschaftliches Engagement umtreibt. Die Pressesprecherin schaut auf die Uhr, drängt zum Aufbruch. Ein paar Fragen, die mir Kollegen mit auf den Weg in das Schloss Bellevue gegeben haben, muss ich noch schnell loswerden.

Charlène von Monaco auf die Schleppe getreten

Haben Sie schon mal diplomatische Irritationen ausgelöst?

Schadt Es sind mir ein paar kleinere protokollarische Fehler unterlaufen: Auf dem roten Teppich die Schrittfolge missachtet oder Charlène von Monaco auf die Schleppe getreten. Keine größeren Verwerfungen. Ich habe viele hilfsbereite Menschen um mich herum, die mir sagen, wann ich rechts, links oder geradeaus gehen soll.

Gibt es für Sie in Ihrer Rolle als Frau des Bundespräsidenten ein Vorbild?

Schadt Nein. Ich bin viel zu beschäftigt damit, Dinge aufzunehmen und zu verarbeiten, als dass ich mir ständig über meine Rolle Gedanken machen könnte. Das ergibt sich. Meine Funktion ist ja auch in der Verfassung nicht definiert.

Das Wichtigste zum Schluss: Sprechen Sie Ihre Kleidung bei gemeinsamen Terminen mit Frau Merkel ab?

Schadt (lacht) Nein. Nur das Protokoll der britischen Königin hatte vor dem Besuch einige Fragen dazu. Es war alles in Ordnung. Aber für die Queen hätte ich mich auch umgezogen.

RP-Chefredakteur Michael Bröcker führte das Gespräch.

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