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Zuwanderung
Flüchtlinge als Jahrhundertchance

Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht
Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht FOTO: ALESSANDRO BIANCHI
Meinung | Düsseldorf. Flüchtlinge sind weitgehend ungebildet, belasten unsere Sozialsysteme und bringen kulturelle Probleme mit sich. So lautet das gängige Klischee über die Asylbewerber. Es gibt indes auch eine andere Sicht. Von Michael Bröcker

In Sachsen ist die Polizei nicht in der Lage ein Willkommensfest für Flüchtlinge (und damit eine Demonstration gegen Fremdenhass) abzusichern, in einem Asylbewerberheim in Dresden stehen zehn Dixie-Klos für 250 Flüchtlinge zur Verfügung. In NRW muss jeder zweite Flüchtling zunächst in einem Container oder Zelt ausharren, weitgehend ohne Privatsphäre, im Grenzbereich der Menschenwürde. Die Flüchtlingskrise wird in die deutsche Geschichte eingehen als Beispiel für umfassendes Politik- und Verwaltungsversagen. Wir können eine Wiedervereinigung und eine Fußball-WM organisieren. Aber Hunderttausende Flüchtlinge? Es gibt keine bundesweiten Standards, keine Leitlinien, kaum Vorsorge, zu wenig Mittel. In den Kommunen wurschtelt jeder vor sich hin. Das Bundesamt für Migration ist hoffnungslos überfordert, die ehrenamtlichen Initiativen im Land retten den Ruf eines vermeintlich stets perfekt organisierten Deutschlands.

Das ist ein gefährliches Staatsdefizit. Denn die Flüchtlinge sind eine Jahrhundertchance für das alternde, schrumpfende Deutschland. Wenn wir es richtig machen. Nicht nur der Arzt aus Syrien und der Ingenieur aus dem Irak, auch der Handwerker und die Pflegekraft aus dem Westbalkan, der in aussichtslosen Asylverfahren festhängt, können unseren Wohlstand sichern, den Fachkräftemangel mildern. Einwanderung aus ureigenem deutschen Wirtschaftsinteresse. Dafür braucht es aber Strukturen. Schnelle Visa für diejenigen, die uns helfen. Und eine frühe Auswahl. Ein effizientes bürokratisches System, das die Talentierten und Willigen erkennt und ihnen schnell eine Jobchance eröffnet. Die Erstunterbringungen müssen auch Arbeitsagentur sein.

Brennpunkte: Die Flüchtlingsbrennpunkte Europas FOTO: dpa, kc jak

Dass Fremde Wohlstand für Einheimische bringen, beweist die Geschichte. Die Vereinigten Staaten wären ohne Zuwanderer heute ein Entwicklungsland, das deutsche Wirtschaftswunder wäre ohne die Vertriebenen und die Gastarbeiter nie geschehen. Wer unter lebensbedrohlichen Umständen seine Heimat verlässt, um ein besseres Leben zu führen, beweist eine Willens- und Gestaltungskraft, die sich – nicht immer, aber doch oft – in einer positiven wirtschaftlichen Betätigung entfaltet. Dies ist die Flüchtlingsdebatte, die wir führen sollten. Sie hilft auch, die kurzfristigen Ängste und Ressentiments abzumildern.

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