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Flüchtlings-Debatte
Die Angst vor dem Fremden

Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen
Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen FOTO: RP
Düsseldorf. Angriffe auf Flüchtlingsheime, Hetze im Internet gegen Asylbewerber – in Deutschland tritt eine Fremdenfeindlichkeit neu zutage, die durch Abstiegsängste einer fragilen Mitte allein nicht zu erklären ist. Von Dorothee Krings

Nun fliegen wieder Steine auf Asylbewerberheime. Nun werden wieder geplante Unterkünfte in Brand gesteckt, und Til Schweiger erhält Hassbotschaften im Internet, weil er dazu aufgerufen hat, eine Hamburger Initiative für Flüchtlinge zu unterstützen. In diesen Tagen tritt in Deutschland eine Fremdenfeindlichkeit zutage, die beschämt und erschreckt – und die viele für überwunden gehalten hatten. Es gibt auch Bürger, die sich schützend vor Flüchtlinge stellen und dem Pöbel die Stirn bieten, die Willkommensschilder basteln, Menschen aus Syrien oder dem Irak in ihrem privaten Haus aufnehmen und sich auch politisch für deren Wohl engagieren. Doch erst zeigten die Pegida-Aufzüge, die sich im vergangenen Jahr scheinbar aus dem Nichts formierten, wie viele Ressentiments gegenüber Menschen anderer Herkunft in der deutschen Bevölkerung schlummern. Nun entladen sich aggressive Vorurteile und diffuse Ängste wieder in Gewalt. Und Randalierer vor Flüchtlingsheimen heißen plötzlich "Asylgegner".

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Eine gängige Erklärung für diese Entwicklung ist der Hinweis auf die Prekarisierung der deutschen Mittelschicht. Der Kampf um attraktive Jobs oder bezahlbaren Wohnraum wird härter, auch die Söhne und Töchter der Besserverdienenden sind nicht mehr davor gefeit, bisweilen auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein. Da steigt die Spannung, wächst der Sozialneid, beobachten Menschen argwöhnischer, aus welchen Gründen andere in ihr Land kommen und welche Leistungen sie beziehen. Fremdenfeindlichkeit ist nach diesem Erklärungsmuster eine Reaktion auf reale soziale Konflikte und tritt vor allem dort auf, wo Inländer und Ausländer miteinander konkurrieren.

Weder beim Arbeits- noch beim Wohnungsmarkt ist das bei Flüchtlingen aber der Fall. Der Hinweis auf die neue Verunsicherung der Mittelschicht erklärt auch nicht, dass Fremdenfeindlichkeit in bestimmten wohlhabenden Kreisen salonfähig ist – bei Menschen also, die sich um ihre wirtschaftliche Lage keine Sorgen machen müssen und trotzdem finden, dass das Boot voll sei oder dass das Asylbewerberheim nicht in ihre Nachbarschaft gehöre. Ressentiments, so zeigt sich, haben auch ganz andere Ursprünge als die öffentlich vorgetragenen.

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Damit hat sich der Sozialpsychologe Erich Fromm schon in Zeiten des heraufziehenden Nationalsozialismus befasst. Theodor W. Adorno hat daraus die wirkmächtige Theorie von der autoritären Persönlichkeit entwickelt. In einer empirischen Studie hatte ein Forscherteam damals untersucht, warum manche Individuen antisemitische Ideen akzeptieren, warum sie starr an Konventionen, Machtorientierung und Unterwürfigkeit festhalten, während andere fähig sind, fremde Meinungen auszuhalten und Vielfalt als Bereicherung zu sehen.

Nach Adorno bilden Menschen negative Haltungen gegenüber Minderheiten aus, wenn sie in autoritären Strukturen aufwachsen, wenn ihre angeborenen aggressiven Triebe von den Gehorsamkeitsgeboten der Eltern oder durch den Anpassungsdruck einer repressiven Gesellschaft unterdrückt werden und sich dann in Gewalt gegenüber Schwächeren entladen. Und Flüchtlinge sind immer die Schwächsten im sozialen Gefüge.

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Fremdenfeindlichkeit ist also zumindest in Teilen auch ein Persönlichkeitsmerkmal, eine charakterliche Prägung – und weil Haltungen unbewusst verinnerlicht werden, sind sie hartnäckig. Eine international vergleichende Studie in Europa hat jedenfalls ergeben, dass Fremdenfeindlichkeit von Faktoren wie Alter, Bildung, sozialer Schicht und Nationalstolz abhängig ist, vor allem aber von der Werteorientierung. Menschen, die starr auf autoritär-materielle Werte wie Sicherheit und Ordnung setzen, sind demnach anfälliger für Ressentiments gegenüber Minderheiten. Jürgen Winkler, Politikwissenschaftler an der Uni Mainz, der die Untersuchung vorgenommen hat, mahnt daher, fremdenfeindlichen Einstellungen möglichst früh zu begegnen. "Wenn Leute schon in der Schule oder im Jugendverein mit Menschen anderer Herkunft in Kontakt kommen, baut das Vorurteile ab", sagt Winkler. Allerdings gehe es nicht um irgendwelche Kontakte, sondern um solche, bei denen Menschen unterschiedlicher Herkunft ohne Konkurrenzdruck gemeinsame Ziele verfolgen – im Fußballverein, im Chor, beim Straßenfest. Auch die Forderung nach mehr Bildung, um Fremdenhass vorzubeugen, hält Winkler pauschal für unzulänglich. "Formale Bildung allein sagt gar nichts", so Winkler, "Schule muss Toleranz üben; sie sollte vermitteln, dass Ausländer kein Problem sind, sondern eine Gesellschaft bereichern." Es gehe auch um das Klima in der Klasse, ob im Unterricht etwa Mitspracherecht eingeräumt werde, und die Schüler übten, strittige Themen offen zu diskutieren.

Eine Strategie gegen Fremdenhass besteht also darin, dogmatische Haltungen ins Wanken zu bringen – durch den Kontakt mit Wirklichkeit. So hat die Forschung auch ergeben, dass homogene soziale Milieus dazu beitragen, dass Vorurteile nicht hinterfragt und an die nächste Generation vererbt werden. Darum ist die Ausländerfeindlichkeit oft dort am höchsten, wo am wenigsten Menschen aus anderen Kulturen leben.

Ressentiments, diffuse Ängste, Überheblichkeit – auf diesem Boden wächst Hass. Für Deutschland wird es darauf ankommen, die Aufnahme von Menschen aus anderen Kulturen nicht mehr als generöse Gefälligkeit zu betrachten, sondern als gesellschaftliche Notwendigkeit, die sich gestalten lässt. An vielen Orten geschieht das schon. Die Universität Hildesheim etwa lässt Flüchtlinge als Gasthörer zu und betreibt dabei Talentsuche. Der Rektor hat einfach begonnen. Anregungen kamen von Studenten. Sie hatten mit Flüchtlingen Fußball gespielt. Und waren Freunde geworden.

Quelle: RP
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