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Tausende Flüchtlinge fremd in Deutschland
Wie Integration gelingen soll

In eigenen Worten: Flüchtlinge berichten über ihre Flucht
In eigenen Worten: Flüchtlinge berichten über ihre Flucht FOTO: rp
Berlin. Bis zu einer Million Flüchtlinge im Jahr 2015, zum großen Teil aus einer fremden Kultur. Nach der Erstversorgung steht der Bundesrepublik ein zweiter Kraftakt bevor. Jetzt wird intensiv diskutiert, was für eine erfolgreiche Integration der Flüchtlinge erforderlich ist. Ein Schlüsselkriterium ist unstrittig: Die Sprache.

Die Wirtschaft verspricht sich viel von einer schnellen Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt. Knapp 600.000 freie Stellen sind bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldet. Gleichzeitig wollen viele Flüchtlinge in Deutschland studieren oder arbeiten.

Bei einem Spitzentreffen in Berlin berieten am Freitag die Minister für Wirtschaft, Arbeit und Bildung und die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung mit Arbeitgebern und Gewerkschaften darüber, was zu tun ist, damit Iraker, Syrer und die Menschen aus zahlreichen anderen Nationen ein Teil Deutschlands werden.

"An Ideen mangelt es nicht, jeder weiß ganz genau, wo wir anpacken müssen, ob Arbeitsmarkt oder Schulen", betont die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD). Die Maßnahmen müssten nun gut gebündelt werden, "damit wir ein gutes Paket hinbekommen".

Sie fordert Bund und Länder auf, sich deutlich mehr anzustrengen. Der erste Schlüssel, darauf läuft es immer hinaus, ist die Sprache. In einem der "Welt" vorliegenden Strategiepapier verlangt die Staatsministerin daher Deutschkurse für Asylbewerber bereits in den Erstaufnahme-Einrichtungen. Dort sollten "erste Sprachmodule" angeboten werden, "mit denen sich Flüchtlinge im Alltag verständigen können und in denen sie auch erste Kenntnisse über unser Land erwerben", so die stellvertretende SPD-Vorsitzende.

"Mit der Sprache steht und fällt die Integration"

Özoguz fordert zudem, die Integrationskurse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Umfang von 600 Stunden sofort für Asylbewerber und Geduldete mit Bleibeperspektive zu öffnen und die erforderlichen Mittel vom Bund bereitzustellen.

Überfällig sei auch, die Honorare und Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte zu verbessern. Die Bundesländer forderte Özoguz auf, für Flüchtlingskinder in den Schulen ausreichend qualifizierte Lehrer und Sozialpädagogen bereitzustellen. Das Strategiepapier soll als Diskussionsgrundlage für Bundes- und Landesministerin für die weitere Integration der Flüchtlinge dienen.

Özoguz stößt in dieselbe Kerbe, in die schon am Freitag die Teilnehmer des Spitzentreffens in Berlin hieben. Der Weg zum Arbeitsplatz führe über Sprache und Ausbildung: "Deutsch, Deutsch, Deutsch, spätestens in der Berufsschule müssen sie Deutsch können", fordert Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Flüchtlinge, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in Deutschland bleiben dürfen, sollen schon in den Erstaufnahmeeinrichtungen mit dem Deutschunterricht beginnen, waren sich die Teilnehmer des Treffens einig. Flüchtlinge im berufschulpflichtigen Alter sollen in eigenen Klassen eine berufsbezogene Sprachförderung bekommen.

Vor allem die vielen jungen Flüchtlinge zu integrieren, sei "ganz wichtig", sagt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Die oft mit Smartphones ausgerüsteten Flüchtlinge sollten auch mit Hilfe von Apps an die deutsche Sprache herangeführt werden, außerdem könnten pensionierte Lehrer und Migranten in diese Aufgabe einbezogen werden.

Außerdem gehe es darum, die jungen Menschen nicht nur zu fragen, was sie könnten, sondern in zwei- bis dreitägigen Gespräche zu ermitteln, wo ihre Potenziale lägen. "Diese Potenzialanalysen haben wir schon seit Jahren gemacht", sagt die Bildungsministerin. Außerdem seien schon früher Fragebögen und Fachgespräche entwickelt worden, mit denen die Berufsqualifikation von Flüchtlingen ermittelt werden könne, die ohne ihre Ausbildungsurkunden nach Deutschland gekommen seien.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) befragt Asylbewerber schon bei der Antragstellung zu Bildung und Beruf. Gleichzeitig gehen viele Arbeitsagenturen direkt in die Erstaufnahmeeinrichtungen, um die Flüchtlinge nach Schulbildung, Beruf, Wunscharbeitsplatz und Deutschkenntnissen zu fragen. Nach dem ersten Gespräch mit der Arbeitsagentur werden die Asylbewerber in den regulären Arbeitsvermittlungsprozess einbezogen.

Trotzdem brauchen Flüchtlinge und Arbeitgeber einen langen Atem: Generell dürfen Asylbewerber drei Monate nach Antragstellung nicht arbeiten. Der Sprachkurs dauert in der Regel sechs Monate. Bei Bewerbern mit laufendem Asylverfahren oder Duldung ist in den ersten 15 Monaten des Aufenthalts eine Vorrangprüfung erforderlich, die klärt, ob es einen geeigneten deutschen oder europäischen Kandidaten für eine Stelle gibt oder ob der Asylbewerber sie bekommen kann. Diese Vorrangprüfung entfällt bislang nur bei sogenannten Mangelberufen wie Klempner oder Sanitärtechniker.

Es gebe eine "riesige Bereitschaft" in der Wirtschaft, den Flüchtlingen zu helfen, würdigt SPD-Chef Sigmar Gabriel. Sie tue das nicht nur aus Eigeninteresse und weil sie Arbeitskräfte brauche, sondern weil die Menschen Schutz bräuchten. Arbeitgeberpräsident Kramer appelliert aber an die Bundesregierung, den Managern die Sorge zu nehmen, "mit der speziellen Problematik nicht klar kommen zu können". Die Betriebe möchten, dass Azubis nach erfolgreichem Abschluss auf jeden Fall zwei weitere Jahre in Deutschland bleiben dürfen - und nicht gleich wieder gehen müssen.

(dpa AFP)
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