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Flüchtlingskrise
Mein Gott, mag ich die Merkel?

Flüchtlingskrise - mein Gott, mag ich die Merkel?
Die neue Angela Merkel geht ans Herz - hier macht sie ein Selfie mit einem Flüchtling. FOTO: dpa, bvj pil cul fpt
Meinung Bis vor wenigen Tagen hatte unser Autor nie Sympathien für Angela Merkel. Doch seitdem die Bundeskanzlerin Christdemokraten mit ihrer Christlichkeit verstört, hat sich das geändert – Erkundung eines irritierenden Gefühls. Von Sebastian Dalkowski

Vielleicht sollte ich sagen, dass ich nicht verliebt bin. Also nicht so richtig. Ich habe selbst keine Ahnung, wie ich das beschreiben soll, was da zwischen Angela Merkel und mir läuft. Die Gefühle sind noch frisch.

Mir fällt Frankreich ein. 2002 schaffte es Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl um das Amt des Präsidenten gegen Jacques Chirac. Linke Wähler mussten nun für den eigentlich verhassten Jacques Chirac stimmen, um den noch verhassteren Jean-Marie Le Pen zu verhindern. Ich habe noch im Ohr, wie ein Nachrichtensprecher sagte, es sei nicht erlaubt, mit Handschuhen sein Kreuz zu machen.

Vielleicht ist es das Mindeste, das ich eingestehen kann: Im Vergleich zu dem, was andere Parteimitglieder sagen, was CSU-General-Generalisierer Andreas Scheuer sagt, was die Basis sagt, was die Leute bei Facebook sagen – da wirkt Merkels Haltung in der Flüchtlingsfrage geradezu linksradikal.

Aber eigentlich... nun ja, da ist mehr. Gar Sympathie?

Dass es mir so schwerfällt, meine Gefühle zu gestehen, hat damit zu tun, dass ich mit Merkel nie etwas anfangen konnte. Ich habe immer links gewählt, mal wirklich links, mal pseudo-links, jedenfalls weit weg von der CDU, und was Merkel so über Familie und Wirtschaft dachte, passte mir überhaupt nicht. Ich habe noch immer im Ohr, wie sie in Sachen Homo-Ehe herumeierte. Noch vor wenigen Wochen im Interview mit LeFloid. Und auch in der Flüchtlingsfrage hielt sie sich wochenlang zurück. Ich gehörte zu jenen, die von Merkel endlich ein Statement forderten, als es in Heidenau hässlich wurde.

Und nun hat Merkel sich mehrfach in der Angelegenheit positioniert. Sie hat gesagt, dass es keinen Aufnahme-Stopp geben wird. Dass sie der Welt nicht Deutschlands hässliches Gesicht zeigen will, damit die Welt nicht nach Deutschland kommt. Ich weiß nicht, wie realistisch es ist, was sie vorhat, aber ein Aufnahme-Stopp ist auf jeden Fall unrealistischer. Merkel hat zum ersten Mal Herz gezeigt und mein Herz erreicht.

Brrr. Wie sich das schon anhört "... mein Herz erreicht".

Aber es ist ja so: Momentan steht Angela Merkel mir in Sachen Flüchtlingen näher als ihrer Basis, die warnende Briefe versendet. Angela Merkel zeigt, wofür das C in CDU steht, und die Christdemokraten sind so verstört, als würde Ostern abgeschafft und gegen einen muslimischen Feiertag ersetzt. Dabei ist es ja nicht so, als sei Merkel ein selbstloser, naiver Samariter geworden. Das Kabinett hat eben beschlossen, die Asylbewerber in den Erstaufnahme-Einrichtungen eher mit Sachleistungen als mit Geld zu versorgen. Obwohl das bloß 143 Euro pro Monat sind. "Pro Asyl" ist nicht in Merkel verliebt.

Trotzdem: Die Frau hat plötzlich Herz und Haltung. Wie kann ich mich da nicht zu Angela Merkel hingezogen fühlen? Auch wenn die Unterschiede in allen anderen Punkten bleiben.

Und deshalb kann ich mich diesen Gefühle, wenn auch mit Zögern und Zweifeln, hingeben. Weil ich weiß, dass sie von begrenzter Dauer sind. Weil Merkel nicht plötzlich sagen wird "Jeder soll heiraten, wenn er will" und "Der Kapitalismus ist nicht die Antwort auf alle unsere Fragen". Angela Merkel mag ewig Kanzlerin sein, meine Kanzlerin aber ist sie nur auf Zeit.

Bis dahin stehe ich an deiner Seite.

Ich darf Angie sagen, oder?

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