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Flüchtlingszahlen
Einreise von unbegleiteten Minderjährigen auf Rekordhoch

Flüchtlingszahlen: Rekord bei Einreise von unbegleiteten Minderjährigen
Mehr als 42.000 Kinder und Jugendliche kamen 2015 ohne ihre Eltern nach Deutschland. Sie werden von den Jugendämtern betreut. FOTO: dpa, dka soe wst cul
Düsseldorf. Die Jugendämter in Deutschland haben im vergangenen Jahr so viele Kinder in Obhut genommen wie noch nie – mehr als 77.600. Darunter waren 42.300 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. 263 Prozent mehr als im Vorjahr. Von Christina Rentmeister

Wenn Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind, es gravierende Probleme in Schule oder Ausbildung gibt oder Kinder und Jugendliche selbst Suchtprobleme haben, dann greift in Deutschland das Jugendamt ein. Oft werden die Minderjährigen dann in Obhut genommen und in Wohngruppen oder Pflegefamilien untergebracht.

Das passiert auch, wenn es keinen Erziehungsberechtigten in der Nähe gibt. 42.300 Inobhutnahmen von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen gab es aus diesem Grund im Jahr 2015. Das waren fast 30.700, also 263 Prozent, mehr als im Vorjahr. Das teilte das statistische Bundesamt (Destatis) mit. 91 Prozent der unbegleiteten Flüchtlingskinder seien Jungen oder junge Männer gewesen. 

Zusammen mit den 35.300 Inobhutnahmen aus anderen Gründen mussten die Jugendämter damit so viele Kinder und Jugendliche aufnehmen wie noch nie. Mit 77.600 Fällen liegt die Zahl deutlich über der aus dem Vorjahr. 2014 lag die Gesamtzahl der durch Jungendämter untergebrachten Minderjährigen noch bei 48.059. Vor sechs Jahren waren es nicht mal halb so viele (36.343) wie im vergangenen Jahr.

Infografik: Zahl der minderjährigen Flüchtlinge stark gestiegen | Statista
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Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) haben von den 2015 eingereisten unbegleiteten Minderjährigen 22.300 einen Asylantrag gestellt. 4700 von ihnen kamen aus Afghanistan, 4000 aus Syrien und 1350 aus Eritrea.

Aktuell sind laut Auskunft der Bundesregierung fast 26.000 Minderjährige ohne Begleitung im Asylverfahren. Um die 17.900 seien im ersten Halbjahr 2016 eröffnet worden. Auch dabei kommt die größte Gruppe aus Afghanistan (7000 Asylverfahren). 6100 unbegleitete Kinder aus Syrien stellten einen Antrag auf Asyl.

Das Verhältnis zwischen den Inobhutnahmen wegen Überforderung der Eltern und von unbegleiteten Flüchtlingen hat sich in den vergangenen sechs Jahren deutlich verschoben. 2010 waren es noch 2822 unbegleitete Minderjährige gegenüber 33.521 anderen Inobhutnahmen.

Die Flüchtlingskrise ließ die Zahl jetzt aber sprunghaft steigen. Dies verursacht, dass die Jugendämter neue Plätz und Einrichtungen schaffen müssen – und die Flüchtlingskinder auf die Bundesländer verteilt werden. So genannte Clearinghäuser haben sich auf die Aufnahme der oft traumatisierten minderjährigen Flüchtlinge spezialisiert. Andere Flüchtlinge werden in Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht. Für die Betreuung haben Bund und Länder in den vergangenen Monaten vermehrt Sozialarbeiter und anderes pädagogisches Personal eingestellt.

Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in NRW

Mit der Verteilung der Minderjährigen wurde im Bund im November 2015 begonnen. Damals wurden 7.903 unbegleitete minderjährige in Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen betreut (siehe Grafik oben). Im Dezember waren es bereits 10.299, bis April diesen Jahres stieg die Zahl auf 13.211, teilte Landesjugendamt, das beim Landschaftsverband Rheinland angesiedelt ist, mit. Die Mehrheit der Inobhutgenommennen ist zwischen 16 und gerade 18 Jahren alt (60 Prozent). Fünf Prozent sind jünger als zehn Jahre.

Wo die Jugendlichen untergebracht werden, richtet sich zum einen danach, welches Jugendamt in NRW bereits die Aufnahmequote erfüllt hat und welches nicht, sagte ein Sprecher des LVR. Wenn ein Jugendamt bereits mehr Jugendliche aufgenommen hat, als es die Quote vorsieht, wird der Jugendliche wenn möglich auf ein Jugendamt verteilt, das die Quote bisher nicht erfüllt. Die Quote ergibt sich aus der Anzahl der bisher aufgenommenen jungen Flüchtlinge und der Einwohnerzahl. Das Ziel sei eine gleichmäßige Verteilung auf die Kommunen.

"Zum anderen wird auch berücksichtigt, ob sich Verwandte im In- oder Ausland aufhalten, ob es zum Wohle des Kindes oder Jugendlichen eine gemeinsame Inobhutnahme mit Geschwistern oder anderen Jugendlichen geben soll, oder ob aufgrund des Gesundheitszustandes eine Weiterverteilung das Kindeswohl gefährden würde", sagte der Sprecher des LVR.

Inzwischen würden in NRW wieder weniger unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Mitte Juni waren es 12.659 in unserem Bundesland. In ganz Deutschland lebten zu diesem Zeitpunkt 64.186 Flüchtlingskinder ohne Eltern. 42 Prozent der in NRW lebenden unbegleiteten Flüchtlinge kommen aus Afghanistan, 28 Prozent aus Syrien und elf Prozent aus dem Irak und damit aus Kriegsgebieten.

Auch deshalb sei die Aufnahme der Flüchtlingskinder vor allem für kleinere Jugendämter im vergangenen Jahr eine Herausforderung gewesen. "Es mussten nicht nur Sprachbarrieren überwunden werden. Auch der Umgang mit traumatisierten Jugendlichen, das Schaffen von Plätzen in Jugendhilfe-Einrichtungen und Pflegefamilien sowie der Aufbau von interkulturellen Kompetenzen standen im Fokus", sagte der LVR-Sprecher.

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