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Gastbeitrag
Wir setzen auf Leistung in der Schule

Gastbeitrag von Susanne Eisenmann: Wir setzen auf Leistung in der Schule
Eine Lehrerin an einer Grundschule (Symbolfoto). FOTO: dpa, bra kno fhu sja
Düsseldorf. Unsere Viertklässler schneiden in Deutsch und Mathematik nicht so gut ab, wie sie sollten. Nun muss gelten: strikte Orientierung auf Unterrichtsqualität. Und keine ideologische Gefälligkeit bei den Methoden. Von Susanne Eisenmann

Wer die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2016 zur Kenntnis nimmt und sich lediglich entlang der Schlagzeilen mit den Entwicklungen der Schülerinnen- und Schülerleistungsvergleiche beschäftigt, den könnte die Angst beschleichen: die Angst, dass der Bildungsstandort Deutschland in großer Gefahr ist, weil die Schülerleistungen insgesamt zurückgegangen sind und es an individueller Förderung fehlt. So pauschal vorgebracht täuscht dieser Eindruck, wenngleich die Herausforderungen in der deutschen Bildungslandschaft erheblich sind.

Es gibt jedoch nicht nur Herausforderungen in Bildungsdeutschland, sondern auch vielversprechende Lösungsansätze. Von ihnen wird noch zu wenig geredet, stattdessen zu viel lamentiert. Das muss sich zuallererst ändern.

Susanne Eisenmann ist für das Amtsjahr 2017 Präsidentin der Kultusministerkonferenz. FOTO: Lino Mirgeler

Nüchtern betrachtet besteht unzweideutig Handlungsbedarf, und zwar deutschlandweit. Die Leistungen der Viertklässlerinnen und Viertklässler in den zentralen Fächern Deutsch und Mathematik sind nicht flächendeckend so, wie sie sein sollten. Dabei sind sprachliche genau wie mathematische Fähigkeiten und Kenntnisse unverzichtbar für erfolgreiche Bildungsprozesse jeder Art und für jede Bildungskarriere ein absolutes Muss. Da gibt es nichts zu beschönigen. Aber es gilt eben auch: Wir haben eine ansehnliche Zahl besonders begabter und besonders leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler, wie die IQB-Studie belegt. Auch ihnen, immerhin knapp ein Viertel der Schülerinnen und Schüler, muss unser Augenmerk gelten.

Wir müssen dringend an der Qualität arbeiten

Ganz besonders gilt die geschilderte Diagnose für Baden-Württemberg. Landeten die Grundschüler bei Schulleistungsvergleichen bis 2011 stets in der deutschen Spitzengruppe, so sind sie nun ins Mittelmaß abgerutscht. Wir müssen also dringend an der Qualität arbeiten und den Unterricht verbessern. Das ist eine große Aufgabe, aber sie ist lösbar. Bezeichnenderweise bietet gerade der Bildungsföderalismus eine Lösungsmöglichkeit für die Probleme, die das IQB im Auftrag der Kultusministerkonferenz festgestellt hat.

Länder wie Hamburg oder Schleswig-Holstein haben gezeigt, dass es neben den bereits bekannten Entwicklungsmustern (immer oben, wie Bayern, oder empfindlicher Rückgang, wie diesmal Baden-Württemberg) auch eine erfreuliche Entwicklungsrichtung gibt: nach oben. Was Hamburg und Schleswig-Holstein lehren können, ist dieses: Eine langfristig orientierte Bildungspolitik, die auf polemische Schulstruktur-Debatten endlich verzichtet und konsequent und mit wissenschaftlicher Begleitung auf Qualität, Empirie und Leistung setzt, kann zwar keine Wunder wirken, aber doch sehr positive Ergebnisse zeitigen.

Diesen Weg wollen wir nun, nach einer jahrelangen - zu langen - Ruhephase in Sachen inhaltlich-qualitativer Schulentwicklung, auch in Baden-Württemberg gehen. Wir werden dazu zum Jahresbeginn 2019 zwei neue Institutionen aus der Taufe heben und die Lehreraus- und -fortbildung ebenso wie ein strategisches Bildungscontrolling ganz neu aufbauen und vom Kopf auf die Füße stellen.

Ein Institut für Bildungsanalysen wird sich, wissenschaftlich fundiert und mit klarem empirischem Arbeits- und Forschungsauftrag, um die Konzeption hilfreicher und vor allem wirksamer Unterrichts- und Fortbildungsinstrumente kümmern. Dagegen wird ein Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung aus einer Hand die Lehrerfortbildungen konzipieren und dezentral (wie es einem Flächenland wie Baden-Württemberg entspricht) durchführen.

Von "Kooperationsverbot" kann strenggenommen nicht die Rede sein

Von Erfolgsmodellen lernen kann indes nur, wer solche vor Augen hat. Fruchtbare Lernprozesse unter den Ländern wären nicht möglich, wenn der Bund die Bildungspolitik zentral steuern würde. Vielmehr würde eine bundeseinheitliche Bildungspolitik (die ja für immerhin rund 40.000 Schulen zuständig sein müsste) für eine Nivellierung sorgen, deren Leistungs-Vektor in erster Linie eine Richtung anzeigen würde: nach unten.

Das kann nicht der Sinn der Sache sein, und es würde im Übrigen unserer Verfassungstradition und der gerade auch kulturellen Vielgestaltigkeit des deutschen Bundesstaats völlig zuwiderlaufen. Von der Zentralisierung als Allheilmittel haben inzwischen auch Staaten wie Frankreich oder Italien Abstand genommen, und das mit guten Gründen.

Gegen sinnvolle Kooperationen der Ebenen im deutschen Bundesstaat spricht freilich nichts. Diese gibt es, und sie sind auch sinnvollerweise in unserem Grundgesetz normiert. Bei auftretenden neuen und übergreifenden Aufgaben - so im Zusammenhang mit digitaler Infrastruktur, die ja auch die Schulen und den Unterricht unmittelbar betreffen - finden sich pragmatische und kooperative Lösungen. Von einem "Kooperationsverbot" kann also strenggenommen gar nicht die Rede sein.

Kein "Schreiben nach Gehör" in Baden-Württemberg

Ausfluss einer pragmatischen, empirisch abgesicherten Bildungspolitik ist es übrigens auch, das Potpourri pädagogischer Ansätze kritisch auf Wirksamkeit zu überprüfen - und nicht auf ideologische Gefälligkeit. Deshalb habe ich beispielsweise entschieden, der Methode "Schreiben nach Gehör" in Baden-Württemberg die (Klassen-)Tür zu weisen. Wer wäre jemals in Mathematik auf die Idee gekommen, zu behaupten, dass Zählen und Rechnen durch eine willkürliche und lediglich intuitive Aneinanderreihung von Zahlsymbolen erlernt werden könnte? In der Rechtschreibung galt Entsprechendes teilweise. Dies ist nunmehr abgestellt.

Kurz gefasst bieten also folgende Elemente einen Ausweg aus der wiederholten Diagnose empirischer Studien zu einer Bildung im Abwärtstrend: strikte Orientierung auf Qualität und auf Leistung, Beratung und Nachprüfbarkeit im pädagogischen Sinne sowie passgenaue und angemessene Kooperationen im bundesstaatlichen Miteinander. Schließlich gehört die Einsicht dazu, dass das nicht auf Knopfdruck geschieht, sondern es bedarf beharrlicher Anstrengungen und eines langen Atems.

Daher trifft, mit Odo Marquard, auch auf die Lage der Bildung in Deutschland dieser Tage zu: Sie ist nicht der Himmel auf Erden, aber auch nicht die Hölle auf Erden - sondern die Erde auf Erden.

 
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