Festakt zur Wiedervereinigung: Gauck: "Deutsche können Freiheit"
zuletzt aktualisiert: 02.10.2010 - 18:48Berlin (RPO). Der frühere Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, Joachim Gauck, hat anlässlich des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung Deutschland an die Rolle der Menschen im friedlichen Herbst 1989 erinnert.
Mit den damaligen Ereignissen habe sich gezeigt, "Deutsche können Freiheit", sagte der Bürgerrechtler und ehemalige Kandidat für das Bundespräsidentenamt am Samstag auf dem Festakt "20 Jahre Wiedervereinigung Berlins".
Nach Gaucks Worten darf diese Leistung der Menschen von 1989 niemals vergessen werden. Mit ihrem Ruf "Wir sind das Volk" hätten sie nicht nur den "stärksten und schönsten Satz" der deutschen Politik formuliert, sie hätten mit der Wiederentdeckung der eigenen Kräfte die Freiheit in den so lange eingemauerten Teil Europas geholt, fügte Gauck hinzu.
Anders als "Kaiser- und Führergeburtstage" anderer Epochen, die eine Einladung zur Selbstüberhöhung und Selbstüberschätzung gewesen seien, gründe sich der 3. Oktober darin, "dass Menschen zu ihrem Menschenmaß zurückfanden".
Thema Integration aufgegriffen
Der Theologe forderte beim Thema Integration ein konsequentes Auftreten des Staates. Der Staat dürfe und müsse Forderungen dort stellen, wo bei der Versorgung selbst jene integriert sein wollen, die die westliche Kultur sonst ablehnen, sie sogar bekämpfen oder denunzieren, sagte Gauck. Gleichzeitig dürfe und müsse der Staat "Respektierung unserer Ordnung und unseres Rechts" erwarten und wo nötig auch durchsetzen.
"Der Staat, den sich die Demokratiebewegung Europas geschaffen hat, darf sich nicht selbst zur Disposition stellen, indem er die eigenen Normen nicht ernst nimmt." Menschen wie die verstorbene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig hätten dies seit Langem erkannt.
Gauck lobte in diesem Zusammenhang auch den Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der eine "angenehme" Art habe, weil er Probleme nicht nur benenne, sondern im Anschluss auch schaue, wie sich die Dinge entwickelten.
Es sei doch ein "merkwürdiger Zustand", wenn eingewanderte Familien noch nach Jahren die Landessprache nicht beherrschten, sagte Gauck weiter. Damit würden alle Integrationsbemühungen scheitern. Diese Teile der Bevölkerung zeigten "Tendenzen der selbstgewählten Ohnmacht" in einer freiheitlichen Gesellschaft.
Nach Gaucks Auffassung könnte staatliches Handeln einen Teil der Integrationsdefizite abbauen, wenn es gelänge, Kinder, die in ihren Familien ohne die deutsche Sprache aufwachsen, möglichst früh und möglichst kostengünstig in Krippen oder in Kindergärten zu schicken.
Rund 400 Gäste im Abgeordnetenhaus
Zu dem Festakt im Berliner Abgeordnetenhaus begrüßten Parlamentspräsident Walter Momper und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (beide SPD) rund 400 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur.
Zu den Ehrengästen des Festaktes gehörten die letzten drei Stadtkommandanten der Westalliierten, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, der katholische Bischof von Berlin, Georg Kardinal Sterzinsky, sowie zahlreiche Ehrenbürger der Stadt, darunter der Liedermacher Wolf Biermann und der erste Deutsche im All, Sigmund Jähn. Ebenfalls als Ehrengäste vertreten waren fünf ehemalige Regierende Bürgermeister der Stadt.
Momper verlas in seiner Rede den letzten Weisungsbrief der westalliierten Stadtkommandanten vom 2. Oktober 1990. Darin beglückwünschten die Militärs den damaligen Regierenden Bürgermeister Momper und die Bürger zum "Beginn einer neuen Ära". Momper sagte, Berlin habe schon immer "in ganz einzigartiger Weise" die Geschichte Deutschlands symbolisiert.
Wowereit lobte jene, die vor 20 Jahren die Einheit der Stadt organisiert hatten, insbesondere den sogenannten Magi-Senat aus Magistrat (Ost) und Senat (West). Es sei eine "gigantische Aufbauleistung gewesen", eine getrennte Infrastruktur, Verwaltung und medizinische Versorgung zusammen zu führen.
Wowereit: "Großartige biografische Leistung"
Es stimme aber auch: "Am 3. Oktober 1990 war schon längst spürbar, dass der Vereinigungsprozess für viele Berliner mit großen Enttäuschungen begann." Viele hätten ihre Arbeit verloren. "Aber die meisten haben das Beste aus der Situation gemacht und sich teilweise völlig neu erfunden", sagte Wowereit. Diese "großartige biografische Leistung" verdiene Respekt.
Der Berliner Regierungschef dankte ausdrücklich den ostdeutschen Bürgerrechtlern des Herbstes 1989. "Der Tag der Einheit markiert das Ende eines Prozesses, der mit der friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer begann."
Dank gebühre auch jenen, die Berlin und der deutschen Demokratie damals das Vertrauen entgegengebracht und dem Land die volle Souveränität übergeben hätten. "Das waren die alliierten Schutzmächte, aber es war auch die Sowjetunion unter der Führung von Michael Gorbatschow, dem wir in besonderer Weise verdanken, dass der Wandel friedlich verlief."
Demonstration in Bremen
Mehr als 2000 überwiegend linksextreme Demonstranten demonstrierten derweil gegen die zentralen Feierlichkeiten in Bremen. Sie riefen "Nie wieder Deutschland" und propagierten eine "radikale Absage an Staat, Nation und Kapital".
Die Polizei hat an diesem Wochenende 3000 Beamte im Einsatz, um Krawalle zu verhindern und die Einheitsfeier zu schützen. Im Internet hatten Linksradikale mit Krawallen und Anschlägen gedroht.
Auf dem offiziellen Festakt zum 3. Oktober in Bremen werden am Sonntag 1400 Gäste erwartet, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sowie Bundespräsident Christian Wulff, der die Festansprache halten soll.
Am 2. Oktober 1990 war um Mitternacht der seit Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 in Berlin geltende Vier-Mächte-Status zu Ende gegangen. Bis zu diesem Tag unterstand die Stadt den Besatzungsmächten USA, Großbritannien und Frankreich im Westteil und der Sowjetunion im Osten.
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