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Streit um Risiken für Mensch und Natur
Genpflanzen? Nein danke

Wie Verbraucher Gentechnik erkennen
Wie Verbraucher Gentechnik erkennen FOTO: dpa, Patrick Pleul
Berlin. Umweltministerin Hendricks (SPD) will den Anbau von Genpflanzen in Deutschland vollständig verbieten. Politisch ist dieser Kurs populär, selbst bei Konservativen. Forscher und viele Landwirte schütteln darüber nur den Kopf. Von Jan Drebes

Getreide für trockene Böden in Afrika, amerikanische Zuckerrüben, die dem Pflanzengift Glyphosat trotzen, hawaiianische Papayas, denen ein dort verbreitetes Virus nichts anhaben kann: Die Liste gentechnisch veränderter Pflanzen, die auf den Äckern dieser Welt wachsen, ist lang. Hingegen ist die Liste für deutsche Felder sehr kurz: Nicht eine gentechnisch veränderte Pflanzenart wird hierzulande mehr angebaut.

Der wichtigste Grund, warum das so ist, findet sich im emotional und politisch aufgeladenen Streit um Risiken für Mensch und Natur durch gentechnisch verändertes Saatgut – und um die nach wie vor unklare Rechtslage. Während Wissenschaft und Wirtschaft auch künftig auf Anbaumöglichkeiten dringen, fürchten Umweltschützer erhebliche Risiken. Wie festgefahren die Fronten in dieser Debatte um Zulassungsregeln sind, zeigt sich nun einmal mehr bei der Konferenz der Umweltminister von Bund und Ländern, die derzeit in Berlin tagt.

"Die Leute wollen keine Genpflanzen auf deutschen Äckern"

Das Saarland bringt bei dem Treffen am heutigen Freitag als Berichterstatter zur Gentechnik einen Beschlussvorschlag für ein nationales Anbauverbot ein, der unserer Redaktion vorliegt. Darin fordern die Umweltminister der Länder die Bundesregierung auf, eine auf EU-Ebene geschaffene Möglichkeit für nationale Sonderwege – die sogenannte Opt-Out-Richtlinie – mit einem "bundesweit einheitlichen Anbauverbot" zu nutzen.

Diese Lebensmittel sind genmanipuliert FOTO: shutterstock/ Guzel Studio

"Die Umweltminister der Länder bitten den Bund, die nationale Umsetzung der Opt-Out-Richtlinie zeitnah noch in der laufenden Legislaturperiode des Bundestages vorzunehmen", heißt es in dem Beschlussvorschlag wörtlich. Für Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bedeutet das Rückenwind im festgefahrenen Streit mit ihren Kabinettskollegen Johanna Wanka (Forschung, CDU) und Christian Schmidt (Landwirtschaft, CSU).

Anders als Wanka will Hendricks das Verbot, anders als Schmidt will sie dieses Verbot aber bundeseinheitlich gestalten – der CSU-Politiker hatte in einem Gesetzentwurf eine Beteiligung der Länder für ein bundesweites Verbot vorgesehen. "Wir brauchen jetzt endlich ein Gesetz, das dem Bund die Möglichkeit gibt, den Anbau von Genpflanzen zu verbieten – und zwar bundesweit und rechtssicher", sagte Hendricks auf Nachfrage unserer Redaktion zum saarländischen Vorschlag. Einen föderalen Flickenteppich oder Schlupflöcher wolle sie verhindern. "Die Leute wollen keine Genpflanzen auf deutschen Äckern", sagte Hendricks.

19 der 28 EU-Staaten haben Anträge für Anbauverbot gestellt

Dabei hat es in der Vergangenheit in Deutschland schon einmal entsprechende Anbauflächen gegeben. 2010 etwa, als der damalige Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) zur Kartoffelernte nach Mecklenburg-Vorpommern reiste, wo die vom Chemiekonzern BASF entwickelte Kartoffelsorte "Amflora" auf rund 15 Hektar angebaut wurde. Sie war als Rohstoff für die Kartoffelstärkeindustrie gedacht, Brüderle sprach von einer hohen Bedeutung der Biotechnologie für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit. Auch die Maissorte MON810 des US-amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto – die nach wie vor in der EU für den Anbau zugelassen ist – sollte auf deutschen Äckern wachsen. 2009 schob die Bundesregierung dem jedoch einen Riegel vor.

Damit ist Deutschland Teil einer Mehrheit in Europa. 19 der 28 EU-Staaten haben Anträge für ein Anbauverbot gestellt, darunter Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, die Niederlande, Österreich, Polen, Ungarn und Zypern. Auch Großbritannien ist gegen den Anbau und stellte den Antrag für Schottland, Wales und Nordirland. Auf spanischen und portugiesischen Feldern hingegen wächst zum Beispiel der meiste MON810-Mais.

Sorge aus Sicht von Wissenschaftler unbegründet

Aber was spricht eigentlich gegen den Anbau gentechnisch veränderter Mais-, Raps- oder Kartoffelpflanzen? Umweltschützer kritisieren, dass Gift, das die Pflanzen gegen unerwünschte Schädlinge entwickeln, auch gegen andere Insekten wirke. Diese würden in ihrer Entwicklung gestört oder getötet, Rückstände des künstlich angezüchteten Gifts könnten in die Nahrungskette und in das Grundwasser gelangen. Zudem könnte Saatgut über Pollenflug von einem Feld mit Genpflanzen auf einen Acker mit herkömmlichen Arten gelangen, heißt es. Für die Reinheit von Produkten aus dem üblichen Ackerbau könne man dann nicht mehr garantieren. Und immer wieder wird mit Gesundheitsrisiken auch für den Menschen argumentiert.

Aus Sicht von Wissenschaftlern ist das unbegründet. "Wenn wir Biologen seit Jahrzehnten mit 99-prozentiger Übereinstimmung sagen, der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen ist ungefährlich für Mensch und Umwelt, glaubt uns keiner", kritisiert Andreas Weber die Debatte in Deutschland. Der Chef des Düsseldorfer Instituts für Biochemie der Pflanzen sieht vielmehr Risiken für Deutschland, sollte es zu einem nationalen Verbot kommen. Hiesige Saatguthersteller hätten strukturelle Wettbewerbsnachteile, ausländische Landwirte mit dem Anbau von Genpflanzen einen Preisvorteil gegenüber deutschen Bauern. Und die deutsche Forschung wäre stark beschnitten.

Das sieht auch Wanka so: "Es ist doch absurd: In der Medizin ist Gentechnik völlig akzeptiert", sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Bei Pflanzen und Nahrungsmitteln gilt sie plötzlich als verpönt." Ihre Aussicht auf Erfolg, den Anbau von Genpflanzen doch zu erlauben? Kaum vorhanden.

Quelle: RP
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