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Analyse
Der Wert eines Menschenlebens

Germanwings: Der Wert eines Menschenlebens
Germanwings hat den Angehörigen der Absturzopfer eine Soforthilfe von jeweils 50.000 Euro gezahlt. FOTO: dpa, axs
Düsseldorf. Nach Katastrophen wie dem Germanwings-Absturz wird die Höhe von Entschädigungen für die Opfer berechnet. Als Soforthilfe gab es für die Angehörigen 50.000 Euro. Die Gesamthöhe stößt an moralische Grenzen und scheint unser Verständnis von der Würde des Menschen zu verletzen. Von Lothar Schröder

Reparationszahlungen beruhen auf einer Illusion: Als könne das, was zerstört wurde, wieder "repariert" werden, wie es der technische Begriff suggeriert; als gäbe es eine Art Reset-Knopf, der alles auf Neustart bringen könnte. Doch zu den "Kriegslasten", die dem Verlierer auferlegt werden, gehört auch der Verlust von Menschen. Solche Fragen nach finanziellen "Reparaturen" oder Bemühungen der Wiedergutmachung und Entschädigung sind immer Ausläufer von Katastrophen.

Zwei - sehr unterschiedliche - bewegten uns dieser Tage. Mit den Fragen, wie hoch die Haftung für die Opfer des Absturzes der Germanwings-Maschine sein wird, und wie man auf die Forderungen der griechischen Regierung reagiert, die Reparationsforderungen an Deutschland in Höhe von 279 Milliarden Euro nachreichte - als unerledigte Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg.

NRW trauert -Schweigeminute um 10.53 Uhr FOTO: dpa, mb htf

Zynisch klingen solche Berechnungen immer - und unabhängig davon, ob die Forderungen berechtigt sind oder nicht. Vielmehr wird uns unbehaglich zumute, wenn der Wert eines Lebens taxiert wird und der Mensch plötzlich einen Preis bekommen soll. Sind wir denn nicht alle einzigartig, unvergleichlich? Und macht nicht genau das unsere Würde aus? Diese von jedem Menschen zu wahren, machten die Väter unseres Grundgesetzes zu ihrer obersten Aufgabe, als sie die Menschenwürde gleich in Artikel 1, Absatz 1, für unantastbar erklärten.

Damit korrespondiert, dass die finanzielle Wiedergutmachung des von Nazi-Deutschland verübten Unrechts für die junge Bundesrepublik konstituierend war. Kanzler Konrad Adenauer sprach 1951 vor dem Bundestag davon, dass Reparationen dazu dienten, "den Weg zur seelischen Bereinigung unendlichen Leides zu erleichtern". Nur so und nicht anders könne man Zukunft gestalten. Die Zahlungen waren somit Schuldeingeständnis und Schuldbewältigung in einem. Auf der anderen Seite gehörte es zum antifaschistischen Gründungsmythos, dass sich die DDR von diesen Reparationen ausnahm.

Fotos: Angela Merkel am Ort des Unglücks FOTO: dpa, kne kno

Kein Menschenleben lässt sich mit Geld aufwiegen - ein Bekenntnis, dass uns mühelos und mit Überzeugung über die Lippen geht. Ein wenig kniffliger hat das Immanuel Kant (1724-1804) formuliert, für den Menschen bedingungslos "Gegenstand der Achtung" sind, da es vernünftige Wesen seien und "ihre Natur sie schon als Zwecke an sich selbst auszeichnet". Die Würde eines Menschen zu achten, ist sowohl eine Haltung als auch unser Anspruch, selbst von anderen würdig behandelt zu werden.

Das alles scheint richtig und wahr zu sein; und doch verlieren solche Bekenntnisse an Glanz und Überzeugungskraft, wenn sie den Anforderungen der Wirklichkeit genügen müssen. Denn dass die Länder, die im Krieg überfallen wurden, auch für die vielen Toten entschädigt werden, ist ebenso unzweifelhaft wie die finanzielle Hilfe für die Hinterbliebenen der Opfer etwa der Flugzeugkatastrophe.

Die Fragen danach, wie viel ein Leben wert sein kann und was Schmerz kostet, verlieren also nicht dadurch schon ihre Gültigkeit, nur weil wir mit ihnen möglicherweise an ethische Grenzen gelangen oder diese gar überschreiten. Zumal uns derartige Verrechnungen ohnehin nur dann unappetitlich werden, wenn es um Opfer, zumeist Todesopfer geht. Doch die vielzitierte durchökonomisierte Gesellschaft zeigt sich nicht erst im Unglücksmanagement.

Germanwings-Absturz - Ermittler zeigen Fotos der zweiten Blackbox FOTO: dpa

Viel lässiger taxieren wir Marktwerte von Schau- und vor allem Fußballspielern und registrieren bestenfalls schulterzuckend, dass der Preis für menschliches Leben der Markt nach seinem Schema von Angebot und Nachfrage diktiert. In Kenia soll eine Braut nach einer Liste des österreichischen Wirtschaftswissenschaftler Josef Nussbaumer fünf Kühe kosten; in Südwestäthiopien hingegen 30 Rinder und eine Kalaschnikow. Da werden Menschen vergleichbar, was nach unserer Maßstäben der Würde eigentlich unmenschlich ist.

Dafür muss man gar nicht nach exotischen Beispielen suchen. Der Dokumentarfilmer Peter Scharf hat im vergangenen Jahr seinen eigenen Lebenswert bestimmt - nach gängigen Berechnungsmodellen. Also: Wie viel Geld würde man im Leben noch erwirtschaften, wie ist der Gesundheitsstand, der Bildungsgrad, wie hoch die Zahl der Kinder und somit die Verantwortung als Versorger? Unterm Strich kam er für sich auf einen kleinen einstelligen Millionenbetrag. Mit ungefähr der gleichen Summe - nämlich 1,2 Millionen Euro - berechnet die Bundesanstalt für Straßenwesen ein Verkehrsopfer in Deutschland.

Das reicht von den Kosten für neue Leitplanken bis hin zu Erlösen durch mögliche Organspenden. Berechnungen nach dem sogenannten Humankapitalansatz sind insbesondere bei Versicherungen populär - aber auch besonders umstritten. Als amerikanische Anwälte nach dem Anschlag aufs World Trade Center daran gingen, Versicherungszahlungen unter anderem danach zu ermitteln, was das jeweilige Opfer vermutlich noch verdient hätte, trat die Inhumanität solcher scheinbar objektiven Zahlenwerke zu Tage. Gegen die hohe Zahlung für einen Investmentbanker verschwand praktisch das Geld für den Feuerwehrmann, der ins brennende Hochhaus gestürmt war, um anderen das Leben zu retten.

Beliebt bei Ökonomen ist eine weitere Menschenwertberechnung. Danach werden Leute befragt, wie viel sie zahlen würden, um ihr eigenes Sterberisiko zu verringern. Diese Summe wird dann durch das Todesrisiko dividiert und damit der Wert für ein statistisches Leben ermittelt. Geld oder Leben? Ein Magazin befragte über 1000 Deutsche, ob sie für eine Million Euro bereit wären, ein Jahr früher zu sterben. Fast jeder Dritte unter 30 wollte am Tauschhandel mitmachen, doch nur jeder Zehnte über 50. Vielleicht ist der eigentliche Wert des Lebens keine Frage des greifbaren Geldes, sondern der ungreifbaren Zeit.

Quelle: RP
 
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