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Die gesellschaftliche Debatte in Deutschland
Wenn Freiheit ungemütlich wird

Gesellschaftliche Debatte in Deutschland: Wenn Freiheit ungemütlich wird
FOTO: dpa, Patrick Pleul
Düsseldorf. Schön war's, als den Menschen die Gewissheiten noch nicht abhanden gekommen waren. In den modernen offenen Gesellschaften ist das anders. Wir müssen erkennen, dass wir für uns selbst verantwortlich sind. Von Martin Bewerunge

"Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut./In allen Lüften hallt es wie Geschrei./Dachdecker stürzen ab und gehen entzwei./Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut."

Mit diesen Versen beginnt das Gedicht "Weltende". Geschrieben hat es Jakob van Hoddis 1911. Es sind verstörende Zeilen, in denen sich die Verstörung einer Gesellschaft widerspiegelt. Wie so oft ist es die Kunst, welche die Zeichen der Zeit deutet: Van Hoddis' Zeilen läuten den Expressionismus ein, jene Strömung, deren Thema der Zerfall der alten Ordnungen ist und die neue, unerhörte, radikale Sichtweisen hervorbringt.

1911 ist Deutschland innerhalb von weniger als einem halben Jahrhundert von einem zerklüfteten Gebilde biedermeierlicher Kleinstaaten zu einem der modernsten Länder der Erde geworden. Technik und Wissenschaft haben die Welt zu diesem Zeitpunkt neu erfunden. Riesige Städte sind entstanden und mit ihnen eine neue, pulsierende Form des Zusammenlebens: die offene Gesellschaft. Sie bedeutet eine Zäsur gegenüber der Abgeschlossenheit und Überschaubarkeit des Althergebrachten. An die Stelle eines stabilen Rollengefüges tritt vor über 100 Jahren ein machtvolles Streben nach Chancengleichheit. Individualität und Freiheit machen Werten wie Ruhe, Sicherheit und Ordnung den Rang streitig.

Pluralität löst Anfang des 20. Jahrhunderts Eindeutigkeit ab, Aufbegehren Harmonie. Statt auf das Kollektiv fällt der Blick nun auf den Einzelnen - auch auf die Vereinzelung des Menschen, seine Einsamkeit, seine Entwurzelung, die daraus resultiert, dass die Welt jetzt nicht mehr irrtumsfrei ist, nicht mehr homogen und schon gar nicht mehr vorhersehbar.

Die schmerzhafte Geburt der Freiheit

Der Übergang von der geschlossenen zur offenen Gesellschaft war ein Schock, der bis heute nachwirkt. Der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper (1902-1994) hat diesen tiefgreifenden Wandel, die schmerzhafte Geburt der Freiheit, die das gesamte 20. Jahrhundert prägt, nicht nur größtenteils selbst miterlebt. Seine Ergründung war zugleich Poppers Lebenswerk.

In dem Buch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" von 1945, beschreibt Popper, wie schwierig sich die Transformation gestaltet von der Stammes- oder geschlossenen Gesellschaft, die ihren Zusammenhalt aus dem Glauben an magische Kräfte bezieht, zur offenen modernen Gesellschaftsordnung, die die kritischen Fähigkeiten des Menschen freisetzt und endlich dem Raum gibt, was Immanuel Kant schon 1784 als Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit beschrieben hatte: der Aufklärung.

Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen

Noch immer scheint der Prozess nicht abgeschlossen. In diesen Tagen sieht man es aufkeimen, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa: ein Verlangen nach Rückkehr in die Abgeschlossenheit. Das Irritierende ist, dass man die Sehnsucht selbst in westlichen Ländern ausmacht, deren Gesellschaften nach 1968 so offen, so aufgeklärt, so frei wie niemals zuvor geworden waren und die so sehr wie kaum andere Nationen von dieser Freiheit profitierten - durch den demokratischen Rechtsstaat und durch freie Märkte.

Ausgerechnet in jenen offenen Gesellschaften, deren Überlegenheit gegenüber den geschlossenen Systemen von Diktaturen oder den von religiösen Fundamentalisten beherrschten Gesellschaften nicht bestritten werden kann, keimt eine Sehnsucht nach dem Gestern auf, und diese Sehnsucht entspringt einem Gefühl der Überforderung, der Angst vor dem Terror, der Verunsicherung durch die ungelöste Flüchtlingsfrage, einem tiefen Unbehagen angesichts der Ratlosigkeit der Mächtigen. 105 Jahre nach Erscheinen von "Weltende" ist die diffuse Angst zurück, dass die Flut steigt. Freiheit kann anstrengend sein, sie ist kein Garant dafür, dass es nicht ungemütlich werden kann.

Populisten lenken den Blick zurück

Zum Wesen geschlossener Gesellschaften gehört, dass sie versuchen, sich durch die Vergangenheit zu legitimieren. Und so lenken Populisten den Blick zurück anstatt nach vorn - zurück zu den vermeintlichen Segnungen von geschlossenen Gesellschaften, denen ein für alle verbindlicher Heilsplan innewohne, welcher durch einen allgemeinen Volkswillen zum Ausdruck komme. Willkommen zurück in der irrtumsfreien Zone.

"Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle", wusste Philosoph Karl Popper, der stets vor falschen Versprechungen warnte. Wenn Emotion statt Vernunft die Überhand gewinnt, Angst vor Ratio rangiert, Wut statt kühler Kopf vorherrscht, kann dies auch nicht gelingen.

Was bleibt, ist die Erkenntnis: Freiheit hat keinen Heilsplan. "Es gibt keinen, der für uns das Leben ordnet und organisiert", sagt Herfried Münkler, der Politik an der Humboldt-Universität in Berlin lehrt. "Und das hatte wohl Karl Popper im Auge, als er gesagt hat, die offene Gesellschaft ist keine Gesellschaft, die eine verbindliche Wahrheit für alle hat. Aber jeder Einzelne ist aufgerufen, sich auf die Suche nach seiner Wahrheit oder auch nach der Wahrheit zu machen."

Quelle: RP
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