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Axt-Angriff und Nizza-Anschlag
"Grenzen zwischen Terror und Amoklauf verwischen"

Mann greift Reisende in Regionalzug an
Mann greift Reisende in Regionalzug an FOTO: ap, fpt
Düsseldorf. Nur vier Tage vergingen zwischen den Attentaten von Nizza und Würzburg. Haben wir es hier mit einem Nachahmungseffekt zu tun? Und sind es wirklich Terroranschläge oder doch Amoktaten? Ein Gewaltforscher gibt Antworten.   Von Susanne Hamann

Herr Böckler, am Freitag war das Lkw-Attentat in Nizza, am Montag ereignete sich der Axt-Angriff in Würzburg durch einen 17-jährigen Afghanen. Wurde er von dem Lkw-Fahrer inspiriert?

Nils Böckler Es ist sehr gut möglich, dass es sich hier um einen Nachahmungseffekt handelt. Sowohl Al Qaida als auch der IS setzen inzwischen auf Attentäter, die ohne Anweisung handeln. Also auf den sogenannten "Lone Wolf". Das sind Personen, die nicht in einer Gruppe arbeiten, sondern im Alleingang handeln. Der IS hat dazu im September 2014, ähnlich wie schon Al Qaida Anfang 2000, eine konkrete Aufforderung herausgegeben. Darin stand, man solle nicht mehr auf einen Befehl durch den IS warten und sich auch nicht von Anweisungen abhängig machen. Viel mehr solle jeder, der eine Tat begehen kann, es tun, wann immer er es für richtig hält, und zwar auf jede mögliche Art und Weise. Das bedeutet auch, dass die Grenzen zwischen Amokläufen und Terrorismus immer mehr verwischen.

Nils Böckler ist Diplom-Pädagoge und Mitarbeiter am Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Im Projektverbund "Tat- und Fallanalysen hoch expressiver, zielgerichteter Gewalt" (TARGET), der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde, forschte er zu Radikalisierungsprozessen terroristischer Einzeltäter und autonomer Zellen. FOTO: Nils Böckler

Wieso?

Böckler Weil es immer mehr Menschen gibt, die Gewalttaten aufgrund ihrer eigenen Bedürfnisse und Misstände begehen - und sie im Nachgang durch eine politische oder ideologische Identifizierung mit Sinn aufladen. Meistens sind das Menschen, die sich nach Aufmerksamkeit und Bedeutsamkeit sehnen, teilweise haben sie auch schon selbst Gewalt erfahren. Sie ahmen andere Attentäter nach, weil sie sehen, wie diese zum Märtyrer werden. 

Gibt es dafür Beispiele?

Böckler Ein sehr berühmtes Beispiel war das Cover des "Rolling Stone"-Magazins. 2013 zeigte es ein Foto des Attentäters vom Boston-Marathon und darunter stand "The Bomber". Damit haben sie ihn gefeiert wie einen Popstar. Das Cover wurde zwar schnell aus dem Verkehr gezogen, als man merkte, dass sich Fanclubs um den Attentäter bildeten, aber es kursierte natürlich noch im Netz und in den sozialen Medien. Deshalb blieben auch die Fanclubs erhalten. Ähnliches ist rund um Anders Breivik passiert, (Anm. d. Red.: dem Massenmörder von Utøya). Wir wissen, dass sich die meisten Attentäter international aufeinander beziehen. 65 Prozent der Amokläufer in Schulen beispielsweise beziehen sich seit 1999 auf den Amoklauf an der Columbine High School.

Auch in Deutschland?

Böckler Ja. Wir wissen, dass sich viele der Amokläufer in Deutschland entweder auf die Tat selbst oder auf die von den Attentätern geschaffene "Revolution des Ausgestoßenen" beziehen. Diese Ideologie hat Aufmerksamkeit bekommen, weil im Nachgang von Columbine die Tagebücher der Täter online veröffentlicht worden sind. Die kann man sich runterladen, und sie sind für viele nachfolgende Amokläufer zur ideologischen Blaupause für eine eigene Tat geworden.  

Das heißt, es geht entweder darum, das Gleiche zu erreichen? Oder um ein Gefühl der Gemeinsamkeit?

Böckler Wir haben 2010 eine Studie durchgeführt, in der wir Jugendliche Amokfans befragt haben, was sie an den Columbine-Attentätern fasziniert. Die häufigste Antwort war, dass sie einen Ausweg aus einer Misere gefunden haben, in der sich die Jugendlichen auch wiederfanden - und noch mehr, dass sie zugleich den Status der Schulattentäter bewunderten. In ihren Augen hatten sie sich in die Köpfe der Leute eingebrannt und sind mit einem Knall von der Bühne gegangen. Und das ist der Punkt, an dem sich der Kreis zu den Attentätern heutzutage schließt, denn der Täter von Nizza soll den Meldungen zu Folge viele depressive Episoden erlebt haben. Es handelt sich also um Menschen, deren Deutungsmuster aus den Angeln geraten sind, die teilweise narzisstisch veranlagt sind und Größenfantasien bei einem fragilen Selbstwertgefühl haben. 

Gibt es denn Studien, die belegen, dass auf einen Anschlag oder Amoklauf häufig ein anderer folgt?

Böckler Die gibt es. 2012 wurden 62 Fälle von Amokläufen ausgewertet, mit zwei Ergebnissen: Zum einen zeigte sich, dass nach einem Amoklauf mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit ein zweiter oder gar dritter erfolgt. Zum anderen kamen die Amokläufer häufig aus ähnlichen Berufen. Zusammen kann man das so übersetzen, dass ein Amoklauf für Nachahmer das Signal setzt: "Wenn der das schafft, schaffe ich es auch." Ähnliche Effekte der Identifikation zeigen sich in der Suizidforschung. Der sogenannte Werther-Effekt bedeutet, dass im zeitlichen Umfeld zu einem Suizid häufig weitere Selbstmorde auftreten, weil sich die Handelnden mit ihren Vorgängern identifizieren. 

Amokläufe in den USA FOTO: dpa, Karl-Josef Hildenbrand

Und was bedeutet das für den Terrorismus?

Böckler Wenn sich genügend Einzeltäter finden, die sich irgendwann im Entwicklungsprozess eines Attentats zum IS bekennen, dann muss sich der IS nur noch um die Propaganda kümmern und verbreitet zugleich eine permanente Stimmung der Angst. Manchmal müssen sich Attentäter nicht mal ideologisch bekennen und werden dennoch vom IS genutzt. 

Aber der IS ist doch gerade deshalb so berüchtigt, weil er Attentäter gut geplant auf bestimmte Ziele ansetzt. 

Böckler Natürlich gibt es auch diese Seite des IS: Die Anschläge in Paris beispielsweise waren sehr gut vorbereitet und strukturiert. Schwierig zu bewältigen ist aus Sicherheitsperspektive die andere Seite, auf der sich Menschen im Stillen radikalisieren. Das, was die Sicherheitspolitiker als "abstrakte Gefahr" bezeichnen. Das sind Attentäter, die nicht auffallen, nicht kommunizieren und deshalb nur schwer aufzuspüren sind.

Wie in Nizza und Würzburg?

Böckler Im Grunde schon. Sie brüten in ihren Problemen und in ihrem Gefühl der Minderwertigkeit vor sich hin. Finden online ein so großes ideologisches Angebot, dass sie es genau auf ihre Bedürfnisse zuschneidern können. Auf der Straße gibt es zeitgleich immer mehr Möglichkeiten in Kontakt mit ideologisch motivierten Extremisten zu treten. Deswegen passiert die Radikalisierung des Einzelnen auch immer schneller. Wir wissen, dass es zu den Hochzeiten von Al Qaida oft mehrere Jahre gedauert hat, bis jemand radikal und handlungsbereit wurde. Heute geht das in wenigen Wochen, weil er überall Angebote findet, um seinen Frust ideologisch zu legitimieren. Eine schwierige Mischung, die sich letztlich in einem Attentat ausdrücken kann. Ob es sich dabei dann wirklich um Terrorismus handelt oder um einen persönlich motivierten Amoklauf unter ideologischem Label, ist fast nicht mehr zu unterscheiden. 

Wenn man das weiterdenkt, würde das ja bedeuten, dass wir erst am Anfang einer großen Serie von Attentaten durch Einzeltäter stehen, oder?

Böckler Die Wahrscheinlichkeit, dass es weitere solche Fälle geben wird, ist auf jeden Fall da. Und Sicherheitsmaßnahmen allein können da nur wenig bewirken. Das zentrale Gegenmittel müssen Präventivmaßnahmen sein. Wir müssen unbedingt die Motive verstehen, wegen derer sich Menschen radikalisieren. Wo setzen terroristische Gruppen an? Nur so können wir versuchen, wissensbasiert Gegenangebote zu machen und Radikalisierung zu vermeiden, noch bevor sie entsteht. 

Auch der Kriminologe Christian Pfeiffer warnt im Gespräch mit unserer Redaktion vor Nachahmungstätern. Mehr dazu lesen Sie hier. 

(ham)
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