Neue Details vom Segelschulschiff: "Gorch Fock": Fitnesstest für Kadetten
VON MICHAEL BRÖCKER UND HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 09.02.2011 - 08:43(RP). Der Tod einer Offizieranwärterin wirft neue Fragen auf. Die Kieler Justiz prüft die Dienstfähigkeit der angeblich stark Übergewichtigen. Der Anwalt der Mutter dementiert Gewichtsprobleme. Unabhängig davon hat die Marine einen Extra-Check für zukünftige Kadetten angeordnet.
Neue Details rücken die Ausbildung auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" erneut ins Zwielicht: Hatte die tödlich verunglückte Obermaat Sarah Lena Seele (25) bei einer Körpergröße von 1,58 Meter im Laufe ihrer Dienstzeit tatsächlich so massiv zugenommen, dass sie 83 Kilo wog? Auf allen bislang verbreiteten Fotos ist die in Brasilien aus der Takelage abgestürzte Soldatin als schlankes junges Mädchen abgebildet. Mit diesem Übergewicht, das der Ermittlungsbericht der Marine angeblich besonders vermerkt, hätte sie vermutlich gar nicht an Bord gehen dürfen.
Der Hamelner Rechtsanwalt der Mutter Sarah Seeles, Thomas Kock, bezeichnete diese Gewichtsangabe gegenüber unserer Redaktion als falsch: "Vier Tage vor Antritt der Reise hat sie noch ihre Mutter in Bodenwerder besucht. Mir liegen Zeugenaussagen vor, wonach sie wie üblich zwischen 58 bis maximal 62 Kilo gewogen hat." Ob eine Verwechslung eventuell mit einem früheren Todesopfer auf dem Schiff vorliege, könne er nicht sagen.
Die "Bild"-Zeitung berichtete unterdessen auch von Versäumnissen bei der Einweisung von Ausbildern kurz vor dem Unfall am 7. November. Das Verteidigungsministerium erklärte zu diesen neuen Vorwürfen lediglich, alle relevanten Dokumente seien an die Justiz übergeben worden. Und zu laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen äußere sich das Ministerium generell nicht.
Großzügig bei sportlichen Leistungen
Oberstaatsanwältin Birgit Hess bestätigte unserer Redaktion, dass die Justiz in Kiel, dem Heimathafen der "Gorch Fock", in den Fall eingeschaltet worden ist. Hess: "Die Frage unter anderem der Borddienstverwendungsfähigkeit der Offizieranwärterin ist Gegenstand der staatsanwaltschaftlichen Prüfungen." Weitere Erklärungen würden nicht abgegeben.
In Bundeswehrkreisen heißt es, die Prüfer beurteilten die sportlichen Leistungen der freiwilligen Bewerber zunehmend großzügiger, um "die Quote zu erfüllen" und ausreichend Offizieranwärter zu gewinnen. Die Zahl der als "voll verwendungsfähig" gemusterten Anwärter soll von 1999 bis heute von 7,6 auf nur noch 4,6 Prozent gesunken sein – die Bundeswehr als Spiegelbild einer zunehmend verweichlichten Gesellschaft, die ihre Freizeit eher beim Computerspiel oder vor dem Fernseher als auf dem Sportplatz verbringt. Bereits 2008 hatte der damalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe beklagt, dass mehr als 40 Prozent der jungen Soldaten übergewichtig seien.
Nach Informationen unserer Redaktion aus dem Verteidigungsministerium hat Marine-Inspekteur Axel Schimpf unmittelbar nach dem tödlichen Unfall einen speziellen Fitness-Test für die Kadetten an Bord der "Gorch Fock" eingeführt. Nur wer sich 30 Sekunden lang an einem Arm an einem Seil oder einer Stange festhalten könne, dürfe aufentern. Der Test gilt seitdem für alle Marineschüler, die an Bord des Schulschiffs gehen sollen.
Eignung muss einwandfrei sein
Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst Ulrich Kirsch, zweifelt an den bisherigen medizinischen Überprüfungen. "Wenn die junge Frau tatsächlich so übergewichtig war, dann ist offenbar beim Monitoring etwas schiefgelaufen", sagte Kirsch. "Wer dafür verantwortlich ist, muss die juristische Aufarbeitung ergeben." Auch der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP), betonte, die Angelegenheit sei Sache der Justiz. Klar sei, dass die Bundeswehr die Eignung der jungen Soldaten auf der "Gorch Fock" einwandfrei feststellen müsse. Je nach Werdegang kommen die ersten Kadetten bereits sechs Wochen nach Dienstantritt an Bord des Schiffs, berichtete ein Marineoffizier unserer Zeitung. In diesem kurzen Zeitraum könnten sie bei mangelnder Fitness kaum ausreichend trainiert werden.
Königshaus gab zu bedenken, dass die Ausbildungscrew, zu der Sarah Lena Seele gehörte, erst 24 Stunden vor der Übung in der Takelage nach langer Anreise an Bord gekommen sei. In Berichten an den Wehrbeauftragten hatten die Kadetten von Schlafdefiziten, klimatischen Problemen und Überanstrengung gesprochen. Eine Ermittlungskommission des Verteidigungsministeriums prüft unterdessen auch die jüngsten Vorwürfe und will in der kommenden Woche einen Bericht vorlegen.
Der von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vorübergehend seines Amtes enthobene Schiffskommandant Norbert Schatz (53) ist gestern im Marineamt in Rostock angekommen, wo er bis auf Weiteres im Büro eingesetzt wird. Königshaus betonte, dass bisher keine Belege vorlägen, dass der Kapitän seine Fürsorgepflicht verletzt habe. Am Tag des Unfalls hatte Schatz Landgang.
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